Lithyalinglas aus Görlitz jetzt in Sydney

Lithyalinglas aus Görlitz jetzt in SydneyGörlitz | Sydney, 29. April 2021. Die Aufarbeitung der im nationalsozialistischen Staat von 1933 bis 1945 begangenen Verbrechen darf keine Ende finden, das ist eine Frage deutscher Verantwortung. Insbesondere bei Kunstgegenständen geht die Provenienzforschung der Frage nach, ob ihre heutigen Besitzer die rechtmäßigen sind. Hintergrund: in Nazideutschland waren Juden systematisch enteignet oder zu Verkäufen unter Wert erpresst worden, etwa, um emigrieren zu können.

Abb.: David Logan in Sydney mit dem von den Görlitzer Sammlungen zurückgegebenen Glas

Foto: Roslyn Sugarman

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Eine gute Lösung für geraubte Kunstgüter aus Görlitzer Sammlungsbestand

Eine gute Lösung für geraubte Kunstgüter aus Görlitzer Sammlungsbestand

Die vier von Friedrich Egermann geschaffenen Gläser aus der Sammlung Wilhelm Perlhöfter

Foto: Katarzyna Zinnow

Thema: Jüdisch

Jüdisch

Juden hatten und haben einen großartigen Anteil an der Entwicklung Deutschlands in Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft. Leben ist undenkbar ohne die Erinnerung an die Zeit, als es in Deutschland ausreichte, Jude zu sein, um verhaftet, deportiert und umgebracht zu werden, wenn man nicht rechtzeitig geflohen war.

Die Rückgabe zu Unrecht in Besitz gelangter Sammlungsstücke ist auch der Hintergrund eines Pakets aus Görlitz, das am 22. Januar 2021 nach einer zweimonatigen Reise im australischen Sydney angekommen ist.

Sein Inhalt: Ein wertvolles Lithyalinglas – als Lithyalinglas bezeichnet man Steinglas mit gebeizter Oberfläche – aus der Sammlung des Breslauer Kaufmanns und Kolonialwarenhändlers Wilhelm Perlhöfter (1878-1948) und seiner Frau Helene, geborene Schäfer.

Der deutschböhmische Glasmaler, Glastechnologe und Unternehmer Friedrich Egermann – geboren 1877 in Schluckenau (heute Šluknov) bei Sohland an der Spree, gestorben 1864 in Haida (heute Nový Bor) hatte das Kunstwerk geschaffen, das auf diesem Wege an den rechtmäßigen Erben David Logan zurückgegeben werden konnte.

Der Inhalt des Pakets war "wunderschön verpackt", so David Logan in einer E-Mail an die Görlitzer Sammlungen, die es auf die weite Reise um die halbe Welt geschickt hatten. versicherte. Gemeinsam mit der Hauptkuratorin des Sydney Jewish Museums Roslyn Sugarman hatte er das Paket geöffnet.

Wilhelm Perlhöfter, ein jüdisches Schicksal

Der Kolonialwarenhändler Perlhöfter war Mitglied der Gesellschaft der Kunstfreunde beim Schlesischen Museum der bildenden Künste und des Vereins des Jüdischen Museums Breslau und hatte eine eindrucksvolle Kunstsammlung zusammengetragen. Neben englischen Teekannen und venezianischen Fadengläsern gehörten dazu Werke der Malerei und Gläser der Biedermeierzeit schlesischer und nordböhmischer Herkunft, darunter auch repräsentative Lithyalingläser.

Perlhöfter war nach der Reichspogromnacht 1938 im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert worden. Nach seiner Entlassung 1939 emigrierte er mit seiner Familie nach England, wo er 1948 in London verstarb. Zuvor waren die Perlhöfters 1941 vom Deutschen Reich ausgebürgert und endgültig enteignet worden; ein Teil ihres Vermögens wurde versteigert, wie man auf Wikipedia zur Sammlung Wilhelm Perhöfter nachlesen kann.

Die Bewertung und Verteilung seiner Sammlung erfolgte durch Siegfried Haertel (1870-1940), der an der Josephinenhütte in Schreiberhau (heute Szklarska Poręba) wirkte, und den Kunsthistoriker Gustav Barthel (1903-1973), der nach dem deutschen Überfall auf Polen am Kunstraub beteilgt war. Der damalige Görlitzer Museumsdirektor Sigfried Asche (1906-1985) erhielt vier Lithyalingläser, die sich im Sammlungsbestand des Kulturhistorischen Museums Görlitz erhalten haben. Asche hatte sich im Dritten Reich an der "Verwertung jüdischen Kunstbesitzes" beteiligt und 1960 aus der "DDR" in die Bundesrpublik geflohen. Umstritten sind seine Umbauten auf der Wartburg, die auch auch aus Verkäufen der soganannten Wartburg-Teller des Görlitzer Keramikers Walter Rhaue (1885-1959) finanzierte.

Die Görlitzer Sammlungen und ihre Provenienzforschung

Die 2016/17 mit Unterstützung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste und der Sächsischen Landesstelle für Museumswesen durchgeführte Prüfung der Provenienzen aller zwischen 1933 und 1945 erworbenen Sammlungsgüter im Bestand des heutigen Kulturhistorischen Museums Görlitz ergab 150 eindeutige Funde und fünf Verdachtsfälle, darunter auch die vier Lithyalingläser aus der Sammlung Perlhöfter.

Den Transparenzrichtlinien der Washingtoner Prinzipien, veröffentlicht am 3. Dezember 1998, entsprechend, wurden die Sammlungsstücke im Portal Lost Art als Fundmeldung eingestellt – nicht zuletzt, weil sich die Stadt Görlitz als Trägerin des Kulturhistorischen Museums und Eigentümerin der Sammlungsgüter der Washingtoner Erklärung verpflichtet sieht.

44 Staaten haben mit der Erklärung bestätigt, dass sie von den Nationalsozialisten beschlagnahmte Kunstwerke identifizieren, Alteigentümer und Erben ausfindig machen und mit diesen eine gerechte und faire Lösung finden wollen. Die daraufhin formulierte Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände sieht die Auffindung und Rückgabe von NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern vor.

Mit Zustimmung des Stadtrates der Großen Kreisstadt Görlitz vom Januar 2018 hatte das Kulturhistorische Museum daraufhin in freiwilliger Selbstverpflichtung versucht, die rechtmäßigen Erben der als NS-Raubkunst identifizierten Stücke ausfindig zu machen und ihnen eine Rückgabe anzubieten.

Eine gute Lösung für die vier Gläser

Der Zufall spielte hier eine ganz besondere Rolle: Auf der Suche nach Informationen über ihren Großvater im Jahr 2018 stieß eine der südamerikanischen Cousinen von David Logan auf die Ausstellung über Raubkunst im Kulturhistorischen Museum Görlitz Kaisertrutz und erfuhr, dass es vier Stücke aus der Perlhöfter-Sammlung, die 1939 der Familie entzogen worden waren, gäbe und das Museum auf der Suche nach den rechtmäßigen Erben war. Letztlich konnte so David Logan, der Sohn von Renate Perhöfter, der jüngeren Tochter von Helene und Wilhelm Perlhöfter, als einer der Erben ermittelt werden. "Wir sind froh, dass die Suche hier zu einem Ergebnis geführt hat und haben Kontakt aufgenommen, um die Rückgabe zu vereinbaren", so Dr. Jasper von Richthofen, der Direktor der Görlitzer Sammlungen.

Drei der Gläser konnten durch das Görlitzer Museum von den Erben zu marktüblichen Preisen angekauft werden, ein viertes wurde auf Wunsch zurückgegeben. David Logan hat das gebeizte Steinglas dem Sydney Jewish Museum gestiftet, wo es nun seit einigen Tagen ausgestellt ist. "Im Namen des Jüdischen Museums von Sydney möchte ich Ihnen und dem Görlitzer Museum meinen Dank für die Großzügigkeit des Geistes dafür aussprechen, dass ein Lithyalin-Artefakt aus der Sammlung von Wilhelm Perlhöfter an einen Nachkommen in Sydney zurückgegeben wurde. Es ist ein wunderschönes Stück und wir freuen uns, die Verwalter zu sein. Ich bin dem Spender David Logan sehr dankbar, der das Jüdische Museum von Sydney als geeigneten Ort für die Pflege des Gegenstands für die Nachwelt betrachtete, damit wir über diesen Aspekt der Nazizeit sprechen können: Raubkunst und Rückführung an rechtmäßige Nachkommen", schrieb Roslyn Sugarman, Hauptkuratorin des Sydney Jewish Museums, und kündigte an, dass sie mit dem ansässigen Historiker Professor Konrad Kwiet einen Essay über seine Bedeutung für das Museum schreiben wolle.

Auch die Presse berichtete, so in einer kurzen Pressenotiz The Australian Jewish News am 23. April 2021 über das zurückgegebene Glas, im The Sydney Morning Herold hat John McDonald in der Ausgabe vom 17./18. April 2021 einen größeren Beitrag publiziert. Die Görlitzer Sammlungen selbst wollen diese besondere Geschichte ausführlich in einem Beitrag im Görlitzer Magazin wiedergeben.

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  • Quelle: red | Foto Person: Rosly Sugarman, Foto Gläser: Katarzyna Zinnow
  • Erstellt am 29.04.2021 - 10:37Uhr | Zuletzt geändert am 29.04.2021 - 12:19Uhr
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