30 Jahre später: Wie war das?

30 Jahre später: Wie war das?Landkreis Görlitz, 2. Oktober 2020. Der Abstand der Jahre verzerrt die Erinnerung daran, wie das Leben in der "DDR" war. Die Erlebnisgeneration konzentriert sich auf positive Aspekte – Wie stünde man sonst da? – oder wird wohl zeitlebens mit ihrer ganz persönlichen Abrechnung mit der linken Diktatur und ihren Dienern nicht fertig werden. Die nächste Generation sucht Orientierung über das Leben ihrer Eltern im Sozialismus und kann doch nur Bruchstücke finden, die oft genug nicht zueinander passen. Was man sich daraus zusammenreimt, verzerrt das Bild von diesem Staatsgebilde, von dem viele meinen, dass doch nicht "alles schlecht" gewesen sei, immer weiter.

Abb. oben: Die Sonne des Sozialismus: Schlagstöcke in der Dauerausstellung des Menschenrechtszentrums Cottbus, einem ehemaligen Zuchthaus, das frühere Insassen, politische Häftlinge der "DDR", kauften und zum Ort der Dokumentation, von Kunstausstellungen und Jugendbildung machten

Foto: © Menschenrechtszentrum Cottbus e.V. / Görlitzer Anzeiger

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Kann man den "DDR"-Sozialismus und seinen Untergang ausstellen?

Kann man den "DDR"-Sozialismus und seinen Untergang ausstellen?

Aus dem Buch "Aber die Gedanken sind frei – Briefe durch die Gitter 1969-1970", Idee und Redaktion Lydia Schönberg, Jörg Beier, Ingolf Höhl, Matthias Zwarg, herausgegeben von Matthias Zwarg im Auftrag des KunstZone e.V.

Foto: © BeierMedia.de

Thema: Ausstellungen in Görlitz und Umgebung

Ausstellungen in Görlitz und Umgebung

Görlitz verfügt nicht nur über fast 4.000 Baudenkmale, sondern ist eine Stadt der Museen und Ausstellungen. Hier befinden sich beispielsweise das Kulturhistorische Museum, das Schlesische Museum zu Görlitz, das Museum der Fotografie und das Senckenberg Museum für Naturkunde, im polnischen Teil der Europastadt das Lausitz-Museum. Darüber hinaus gibt es häufig Sonderausstellungen an anderen Orten, auch im Umland der Stadt.

Dieser Rechtfertigungsgedanke, dass nicht alles in der "DDR" schlecht war, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Linken nach dem Krieg die Menschen um ihre Hoffnung auf ein neues Deutschland betrogen haben. Um an der Macht zu bleiben, bedienten sie sich des Instrumentariums der Nazis: Weitgehend willkürliche Verhaftungen, für die Anschuldigungen erst nachträglich zusammengezimmert wurden, Unterdrückung von Kritik als mit Knast bewehrte "staatsfeindliche Hetze", Militarisierung der Gesellschaft bis hin zur Wehrerziehung schon im Kindergarten, Abschiebung renitenter Bürger aufs berufliche Abstellgleis oder gleich in die Bundesrepublik, Unterdrückung des freien Geistes und der freien Forschung, Druck schon auf Minderjährige zwecks Verpflichtung zu längeren Wehrdienstzeiten, höhere Bildung vor allem für jene, die sich bereits in jungen Jahren als Linientreu erwiesen und vieles andere mehr. Schlimmste Folge des Regimes aber war, dass die allermeisten Menschen die Fähigkeit zum Umgang mit Freiheit verloren, so etwa die Gestaltungshoheit für ihr eigenes Leben.

Nun erheben zwei Ausstellungen im Landkreis Görlitz den Anspruch, ein "DDR"-Bild zu vermitteln. Macher ist die "Partnerschaft für Demokratie" des Landkreises Görlitz, finanziell gefördert aus dem Bundesprogramm "Demokratie leben!" des Bundesfamilienministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie durch den Freistaat Sachsen und den Landkreis Görlitz.

Ausstellung in Görlitz und Weißwasser/O.L.

Im Landratsamt in Görlitz sowie zugleich im Soziokulturellem Zentrum Telux in Weißwasser/O.L. ist noch bis Ende Oktober 2020 eine Fotoausstellung unter dem Titel "VOLL DER OSTEN! Leben in der DDR" von Harald Hauswald mit Texten von Stefan Wolle zu sehen sein. "Gezeigt wird eine ungeschminkte DDR-Realität, an die sich heute selbst Zeitzeugen kaum mehr erinnern", teilt das Landratsamt mit. Geschichte und Alltag der "DDR" sei zu erleben. Autoren der Fotoausstellung ist die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und die OSTKREUZ Agentur der Fotografen.

Hingehen!
Soziokulturelles Zentrum Telux
Straße der Einheit 20, 02943 Weißwasser/O.L.
Bis zum 30. Oktober 2020 montags bis freitags von 13 bis 18 Uhr, sonnabends und sonntags nach Vereinbarung.

Landratsamt Görlitz,
Bahnhofstraße 24, 02826 Görlitz
Ausstellungsbesuch zu den Öffnungszeiten des Amtes.

Der Besuch der Ausstellung ist kostenfrei, Begleitmaterialien gibt es unter www.neisse-pfd.de.

Ausstellung in Rothenburg/O.L.

Im Mehrgenerationshaus der Diakonie St. Martin in Rothenburg/O.L. wird in der ersten Oktoberhälfte die Wanderausstellung "DDR: Mythos und Wirklichkeit" der Konrad-Adenauer-Stiftung gezeigt. Vierzig Jahre lang haben sich die allermeisten "DDR"-Bürger Diktatur der SED gefügt, so sehr, dass viele die Repressalien des Regimes im Alltag kaum noch wahrnahmen. Überwachung und Kontrolle waren zur Normalität geworden. Mit Mut und Zivilcourage konnte die Implosion des Systems "DDR" beschleunigt und ein Leben nach freiheitlich-demokratischen Prinzipien ermöglicht werden. Die Ausstellung will an die Errungenschaften der Friedlichen Revolution von 1989 erinnern. Die Konrad-Adenauer-Stiftung stellt die Mythen über das Leben in der "DDR" der Wirklichkeit des realsozialistischen Alltags gegenüber. Die Ausstellung beschränkt sich allerdings auf Aspekte und Fakten, die insbesondere für Schüler wesentlich sind; für sie steht zusätzliches Unterrichtsmaterial ebenfalls unter www.neisse-pfd.de bereit.

Hingehen!
Diakonie St. Martin / Mehrgenerationenhaus
Schlossplatz 2, 02929 Rothenburg/O.L.
Noch bis zum 15. Oktober 2020 geöffnet dienstags, donnerstags und freitags von 14 bis 19 Uhr, mittwochs von 10 bis 19 Uhr. Auch der Besuch dieser Ausstellung ist kostenfrei.


Der Verlust der Fähigkeit, sein eigenes Leben zu gestalten und unangenehme Situationen zu überwinden, wirkte 1945 wie 1989/90. Anstelle die gesellschaftliche Entwicklung auf den Prüfstand zu stellen und den Entwurf neuer demokratischer Strukturen zu diskutieren, wurde zumindest auf dem Gebiet, das heute der Osten genannt wird, der einfachere Weg gewählt: Man begab sich unter das Dach eines gegebenen Systems, Alternativen überlebten bestenfalls als Utopie ("Oft genug sind es die Legenden und Fantasien, die im Abstand der Jahre weit lustvoller sind als jene Tat-Sachen, die Generationen unter diktatorischen Machtverhältnissen sowie ängstlich am Stuhl klebenden Politikern ertragen mussten."). Wenn heute auf die "DDR" zurückgeschaut wird muss gefragt werden, wo denn die zum Schluss mehr als zwei Millionen SED-Genossen und jene, die als NVA-Offiziere den Befehlen der Diktatur um jeden Preis folgen wollten, geblieben sind. Die Antwort ist oft genug bekannt.

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  • Quelle: red/TEB | Fotos: © Görlitzer Anzeiger / BeierMedia.de
  • Erstellt am 02.10.2020 - 09:51Uhr | Zuletzt geändert am 02.10.2020 - 11:34Uhr
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