Naturkundemuseum Görlitz für Blinde

Naturkundemuseum Görlitz für BlindeGörlitz, 9. August 2022. Für das Görlitzer Senckenberg Naturkundemuseum und besonders eine ganz bestimmte Besuchergruppe markiert der 19. August 2022 einen Meilenstein: Dann eröffnet die altehrwürdige und zugleich moderne Einrichtung auch sehbehinderten Besuchern den barrierefreien Museumsrundgang auf allen Etagen.

Wo sonst in vielen Museen "Berühren verboten!" steht, sind die Besucher des Görlitzer Senckenberg Museums bei bestimmten Objekten ausdrücklich zum Ertasten eingeladen

Foto: Jacqueline Gitschmann, Bildquelle: Senckenberg

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Spezieller Audioguide und Leitsystem unterstützen Orientierung

Thema: Ausstellungen in Görlitz und Umgebung

Ausstellungen in Görlitz und Umgebung

Görlitz verfügt nicht nur über fast 4.000 Baudenkmale, sondern ist eine Stadt der Museen und Ausstellungen. Hier befinden sich beispielsweise das Kulturhistorische Museum, das Schlesische Museum zu Görlitz, das Museum der Fotografie und das Senckenberg Museum für Naturkunde, im polnischen Teil der Europastadt das Lausitz-Museum. Darüber hinaus gibt es häufig Sonderausstellungen an anderen Orten, auch im Umland der Stadt sowie in der Dreiländerregion von Sachsen, Tschechien und Polen.

Ein speziell zugeschnittenes Audioguidesystem führt die Sehbehinderten zu Stationen, an denen Abgüsse oder Felle ertastet oder Gerüche erraten werden können. Außerdem hilft den Blinden ein Fußbodenleitsystem, den Weg zu finden. Das Angebot ist nicht nur für jene interessant, die nur schlecht oder gar nicht sehen können: Wer schon konnte bislang einmal einem Wolf so richtig auf den Pelz rücken, einem Mammut auf den Zahl fühlen oder einem Gorilla die Hand reichen? Das Görlitzer Naturkundemuseum jedenfalls macht's möglich, die zu diesem Zweck bereitgestellten Ausstellungsobjekte tatsächlich zu begreifen.

Museum modern

Noch immer verbindet sich für viele das Wort Museum mit verstaubten Sammlungen, die sich nur dem erschließen, der über das nötige Hintergrundwissen und Interesse verfügt. Für Einrichtungen wie das Görlitzer Naturkundemuseum müsste man im Grunde neue, modernere Bezeichnungen erfinden: Faszinationsort wäre eine Idee, aber darunter versteht womöglich ja auch jeder etwas anderes und je länger man überlegt, umso naheliegender erscheint es, einen modernen Museumsbegriff zu propagieren.

Zum modernen Museum gehört es auch, sich für möglichst viele Zielgruppen zu öffnen. "Schon lange hatten wir den Wunsch, unsere Ausstellungen inklusiver zu gestalten, sie für sehbehinderte Gäste erlebbar zu machen, die bisher nur eingeschränkt von einem Besuch profitieren konnten", erläutert Museumsdirektor Prof. Dr. Willi Xylander den Hintergrund des neuen Angebots, das er mit seinen Mitarbeitern unter Nutzung von Fördergeldern des Freistaates Sachsen und des Bundes umsetzte.

Sehbehinderten Selbständigkeit ermöglichen

Ein wichtiges Anliegen der Ausstellungsmacher war es, den blinden Besuchern auch ohne Begleitung den Gang durch die Ausstellungen zu ermöglichen. Schon vor dem am Marienplatz gelegenen Museumsgebäude – die offizielle Anschrift "Am Museum" ist zur Orientierung weniger hilfreich – wird mit entsprechenden Markierungen an den Handläufen der Eingangsrampe zum Rundgang eingeladen. An der Kasse erhalten die Besucher den blindengerechten Audioguide kostenlos ausgeliehen. Schwupps um den Hals gehängt kann der Museumsrundgang auch schon beginnen.

Die gesprochenen Texte starten an bestimmten Markierungen automatisch und beschreiben den Nutzern den Rundgang sowie die Objekte, die sie ertasten oder erriechen können. Unterstützend wirkt das Bodenleitsystem, das mit Leitstreifen und noppengemusterten Aufmerksamkeitsfeldern jenen, die einen Taststock nutzen, den Weg weist. "Nach Gesprächen mit Inklusionsspezialisten entwickelten wir einen rund anderthalbstündigen Rundgang durch die Dauerausstellungen mit insgesamt 20 Tast-, Riech- und Hörstationen. So machen wir fast alle Themen unserer Ausstellungen – vom Vivarium bis zum Regenwald – erlebbar", zeigt sich Xylander begeistert.

Die Museumswelt ertasten

Die Tastobjekte beziehen sich auf ausgewählte Ausstellungsthemen, die einen besonderen Erlebnis- und auch Erkenntniswert haben. Entstanden sind sie in enger Absprache mit einer Modellbaufirma, die auf Museumsobjekte spezialisiert ist und höchste Naturtreue garantiert. Beschriftet sind die Objekte selbstverständlich in Brailleschrift zusätzlich mit Profilschrift, also erhabenen Buchstaben, weil nicht jeder Sehbehinderte Blindenschrift lesen kann.

Xylander betont, dass die für die Sehbehinderten bereitgestellten Objekte selbstverständlich allen Besuchern zur Verfügung stehen und schon seit ihrer Installation eifrig genutzt werden: "Schließlich sind wir Menschen fühlende Wesen und ergänzen unsere optischen Eindrücke gern durch das Begreifen." Vielleicht lassen sich auf diese Weise auch Ängste abbauen, schmunzelt der Museumsdirektor und berührt das Modell einer Würgeschlange: "Fühlt sich gut an!"

Fördermittel gut angelegt

Finanziert wurde die blindengerechte Gestaltung über das Programm "Barrierefreies Bauen – Lieblingsplätze für alle" des Landkreises Görlitz und den Aktionsplan II "Eine Welt in Bewegung" der Leibniz Gemeinschaft.

Tipp:
Das Audioguidesystem und die Taststationen werden der Öffentlichkeit am Donnerstag, dem 18. August 2022, um 16 Uhr im Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz vorgestellt. Dazu ist der Eintritt frei.

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  • Quelle: red | Foto: Jacqueline Gitschmann
  • Erstellt am 09.08.2022 - 05:41Uhr | Zuletzt geändert am 10.08.2022 - 11:43Uhr
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