Strukturwandel – das läuft?

Strukturwandel – das läuft?Görlitz, 16. Juni 2020. Von Thomas Beier. Braunkohleausstieg bis 2038, parallel dazu die digitale Durchdringung von Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft, der Wandel in der Mobilität und – wie die erfolgreiche Verhinderung einer unkontrollierbar ausufernden Coronapandemie zeigt – unwägbare Risiken, die ganze Branchen an den Abgrund führen. Hinzu kommen die finanziellen Belastungen aus der Coronakrise, die die Wirtschaft und letztlich vor allem die Verbraucher deutlich belasten werden.

Görlitz ist schön – und der Tourismus in der Stadt eine wichtige Einnahmequelle. Doch für den Strukturwandel ist der Tourismus nur ein Nebeneffekt, ist er doch wenig krisenfest und steht vor allem für Jobs im Niedriglohnbereich

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Warten auf den Startschuss – Dynamik sieht anders aus

Warten auf den Startschuss – Dynamik sieht anders aus

Das frühere Kondensatorenwerk am Neißeufer in Görlitz bezeugt, dass der Wandel auch tiefgreifende Brüche mit sich bringt

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Vor diesem Hintergrund sollte man meinen, für jene, die den Hut für den Strukturwandel aufhaben, ist richtig viel zu tun. Offenbar hat man dafür bei der Wirtschaftsregion Lausitz GmbH, einem der Hutträger, ein sehr offenes Ohr: Man lauscht und wartet auf den Startschuss! Jedenfalls ist das einem am 9. Juni 2020 veröffentlichten Brief an Abgeordnete aus dem Lausitzer Revier zu entnehmen. Er ist inhaltlich kurz und aussagekräftig: "Seit fast 1,5 Jahren wartet das Lausitzer Revier auf die gesetzliche Grundlage zur Strukturentwicklung! Das ist zu lang! Wir fordern Sie auf, das Gesetz im Juni zu beschließen! Eine Verschiebung in den Herbst ist nicht akzeptabel!"

Kinder, wie die Zeit vergeht!

Rückblende: Im November 2017 forderten die Landräte und Oberbürgermeister der "Wirtschaftsregion Lausitz" in einem Positionspapier für die Lausitz eine verlässliche Strukturentwicklung durch die neue Bundesregierung. Von einem eigenen Beitrag zur Strukturentwicklung ist darin nichts zu lesen.

Die bereits im Mai 2019 beschlossenen Eckpunkte für ein "Strukturstärkungsgesetz Kohleregionen" lassen zwar überfällige Investitionen in die Infrastruktur erwarten, andererseits ähnelt die Herangehensweise an die Strukturentwicklung mit dem Schwerpunkt Infrastruktur jener der Neunzigerjahre. Besonders seitens der FDP und der Bündnisgrünen gab es damals harsche Kritik.

Seitdem verrinnt die Zeit, doch immerhin: Bis Ende 2021 will die Wirtschaftsregion Lausitz GmbH "ein gemeinsames Leitbild" und "eine klare Entwicklungsstrategie" erarbeiten, siehe Kommentar zum Beitrag vom März 2019 – Dynamik sieht anders aus. "...gefragt für den den Braunkohleausstieg begleitenden Strukturwandel ist hingegen klassisches Projektmanagement, das auch psychologische Momente einbezieht", so damals mein Kommentar, der in der Gesamtaussage der jüngsten Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung "Wirtschaft ist Heimat – Regionaler Strukturwandel in Biografien und Erwartungen der Bevölkerung" Bestätigung findet.

Angesichts der drängenden Zeit ist es kein Wunder, dass sich Sachsen auf eigene Stärken besinnt. "Sachsen nimmt Strukturentwicklung selbst in die Hand", titelte der Görlitzer Anzeiger am 29. April 2020. Sofortmaßnahmen statt Forderungen, so geht sächsisch.

Fehler nicht wiederholen

Einen Strukturwandel wie in den Neunzigerjahren mit seinen Kahlschlag-Effekten – bitte nicht noch einmal. Strukturwandel heißt nämlich auch, Heimat zu erhalten oder Heimat zu schaffen, begeisternde Unternehmungen aufzubauen, auf die die Menschen stolz sind. Gute Infrastruktur ist dafür eine notwendige, aber eben nicht hinreichende Voraussetzung.

In drei Bereichen muss der Acker bestellt werden:
    • Wachstumspotenziale in bestehenden Unternehmen mit Hilfe externer Kompetenz finden und aktivieren.
    • Unternehmen individuell ansprechen und Investitionen in der Lausitz diskutieren.
    • Startups, die belastbare Konzepte haben, fördern – und nur diese.

Und bitte keine Arbeitsplätze fördern! Wer Arbeitsplätze fördert, senkt die Produktivität; unter diesen Umständen würde die Lausitz auf Dauer eine drittklassige Wirtschaftsregion mit niedrigem Einkommen bleiben. Arbeitsplätze entstehen als Folge und im Umfeld hochproduktiver Unternehmen.

Es wird schwer genug

Der Anreiz, in der Lausitz ein Unternehmen aufzubauen, ist eher gering. Hier sind Scouts gefragt, die zu den örtlichen Rahmenbedingungen die passenden Unternehmen suchen und einzeln ansprechen.

Dass man etwas bewegen kann, macht Görlitz mit den laufenden und anstehenden Investitionen im Wissenschaftsbereich vor, womöglich klappt es ja auch mit einem vielleicht Filmakademie Görlitz genannten Aus- und Weiterbildungszentrum für filmhandwerkliche Berufe. Die Lausitz braucht – entgegen dem Trend zum immer stärkeren Wachstum der Ballungsräume – Zuzug. Was immer man auch in die Waagschale werfen mag: Ein attraktiver Arbeitsplatz oder das entsprechende Umfeld für Unternehmen ist und bleibt das wichtigste Argument dafür.

Der Autor ist Digitalunternehmer und zugleich Freiberuflicher Unternehmensberater. Aktuell beschäftigt er sich verstärkt mit der Zukunftsrobustheit von Unternehmen und Organisationen im Wandel der Arbeitswelt.


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  • Quelle: red/TEB | Fotos: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 16.06.2020 - 07:41Uhr | Zuletzt geändert am 09.07.2020 - 18:22Uhr
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