Görlitz als Tagungs- und Kongresszentrum

Görlitz als Tagungs- und KongresszentrumGörlitz, 9. Juli 2020. Ohne jeden Zweifel: Görlitz hat Potenzial auf vielen Gebieten. Allerdings hat diese Aussage zwei Seiten: Einesteils kann man einer erfoglreichen Zukunft optimistisch entgegenblicken, andererseits kann "noch Potenzial haben" bedeuten, der Entwicklung hinterherzuhinken.

Stadthalle Görlitz während der Antoinette-Ausstellung im Jahr 2018

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Baustelle Stadthalle Görlitz: Auferstehung als Veranstaltungsort oder Millionengrab?

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Besonders im Zusammenhang mit der in Sanierung befindlichen Stadthalle Görlitz wird auf die Vision gesetzt, Görlitz stärker als Kongress- und Tagungsstadt zu etablieren. Kann das ein realistisches Ziel sein? In herkömmlicher Sichtweise schon, immerhin sollen die Verkehrswege nach Görlitz ausgebaut werden und die Stadt bietet viel "Drumherum", vor allem städtebaulich und auf kulturellem Gebiet.

Die andere Seite: Wer in den vergangenen Jahren als Veranstalter nach Görlitz kam, spürte zuweilen schnell mangelnde Routine; es reicht eben nicht, einen Tagungsraum zu vermieten und die Pausenversorgung zu sichern – da sind eingespielte Tagungs- und Kongresshotels anderenorts Lichtjahre voraus. Auch die Lage der Europastadt muss sehr nüchtern beurteilt werden: Zwar hat sie Potenzial als Zentrum zwischen dem sächsischen Goldenen Dreieck Chemnitz-Dresden-Leipzig und Breslau sowie zwischen Berlin/Cottbus und Prag, zumal Direktflüge zwischen Berlin, Breslau und Prag wohl Fehlanzeige sind, aber Veranstalter mit deutschlandweitem Einzugsgebiet setzen doch lieber auf zentrale, verkehrsmäßig hervorragend angeschlossene Lagen.

Auffällig wurde das wieder einmal bei der Scrum Coach Ausbildung, deren fünf Module eben ausschließlich in Frankfurt am Main stattfinden. Das passt zur Tatsache, wonach wirklich hochwertige Präsenz-Weiterbildungen nahezu ausschließlich in den westlichen Bundesländern stattfinden, mit etwas Glück auch mal in Berlin oder Leipzig. Solche Veranstaltungen nach Görlitz holen? Das wäre ein Kampf gegen Windmühlenflügel, die Chancen für Görlitz liegen wohl eher in den großen Verbandstagungen mit Ehegattenprogramm, falls die angesichts eines vielleicht anhaltenden Coronarisikos nicht außer Mode kommen.

Scrum – Projekte agil managen

Eventuell wäre ja die erwähnte Scrum-Methode sogar geeignet, Görlitzer Akteure noch besser zu vernetzen, um Entwicklungen schneller voranzutreiben; allerdings ist das Anwendungsfeld von Scrum vor allem die Software- und Produktentwicklung bzw. -verbesserung.

Grundidee ist es – und das unterscheidet Scrum vom herkömmlichen Projektmanagement – anstelle der mit detaillierter Planung verbundenen Bürokratie kleine interdisziplinäre Teams hochvernetzt arbeiten zu lassen, daher auch der Name Scrum, der für Gedränge steht. Die aus dieser Idee hervorgegangenen Methoden werden heute, da von starren Zielvorgaben befreit, als agiles Projektmanagement bezeichnet.

In so einem Projekt arbeitet jedes Projektmitglied in Bezug auf ein gemeinsames Ziel zwar an seinen eigenen Problemstellungen, tauscht jedoch seine Ergebnisse bei täglichen Treffen mit den anderen Projektmitgliedern transparent aus. Durch diese Herangehensweise kommt man sich näher und arbeitet zielstrebiger als in herkömmlichen Projektorganisationen daran, messbare Ziele innerhalb bestimmter Zeitfenster – den sogenannten Sprints – zu erreichen. Während man sich Schritt für Schritt bzw. Sprint für Sprint dem Gesamtergebnis nähert ist es erlaubt, Anforderungen und Ziel auf Basis der bisherigen Ergebnisse neu zu bewerten. Die Optimierung besteht also nicht darin, möglichst effizient ein starres Ziel zu erreichen, sondern durch Interation und inkrementell einen Weg zum bestmöglichen Ziel zu finden.

Vor allem unterscheidet sich Scrum im Vergleich zu herkömmlichen Ansätzen im Projektmanagement dadurch, dass kreative Ansätze zugelassen werden. Das Team wird nicht mehr auf Milestones fixiert, sondern darauf, im Raster von 30-Tages-Sprints sich einem verbesserten Ergebnis zu nähern. Dabei vertritt im Scrum-Team ein sogenannter Produkteigner die Interessen der Anwender, den Auftraggeber und die Stakeholder und gewährleistet dadurch einen gewissen Zielkorridor. Das eigentliche Projektteam besteht aus drei bis neun Mitgliedern wird von einem Scrum-Master unterstützt, der für seine Arbeitsfähigkeit verantwortlich ist und es in allen Facetten des Projektmanagements unterstützt.

Vorteile von Scrum

Die Vorteile von Scrum sind tief in seiner Struktur verankert. Die Auslegung der Regeln wird in einem Diskussionsprozess erörtert. Somit versteht sich Scrum auch nicht umsonst als agiles Tool, welches im Laufe seiner Anwendung neue Lösungsansätze generieren kann. Positiver Nebeneffekt: Auf dem Weg zu den Zielen werden gemeinsame Probleme gefunden, die sich dadurch besser und mit Wirkung für alle lösen lassen. Probleme und Lösungsansätze lassen sich so oftmals besser miteinander verbinden, zudem werden die Handlungsmöglichen der einzelnen Projektpartner zieladäquat kombiniert.

Obgleich die Grundstruktur von Scrum gegeben ist, können eigene Regeln festgelegt werden. Zuständig ist der Scrum-Master, der sie in das Projektteam involviert. Vorteil: Das stärkt bei der Anwendung von Scrum die flexible Orientierung und die Integrität von Lösungsansätzen.

Zurück nach Görlitz

Will man eine Stadt entwickeln, stößt man mit "flexibler Orientierung" schnell an Grenzen: Erwartet werden von Leitbildern ausgehende Konzepte, die dann umgesetzt werden sollen. Am Beispiel der Stadthalle Görlitz und dem Ruf nach einem fundierten Betreiberkonzept zeigt sich sehr schön, dass das so einfach längst nicht mehr geht.

Überträgt man die Scrum-Prinzipien, dann müsste die Stadt Görlitz als Produkteigner im Scrum-Sinne einen Zielkorridor festlegen, denn ein konkretes Ziel könnte schon allein wegen der Unsicherheiten im Marketingerfolg wohl nur verfehlt werden. Um das zu erklären, ein Gleichnis: Wer quer durch die Elbe schwimmt, hat ein primäres Ziel: heil am anderen Ufer ankommen. Dieses Ziel kann nur auf einen bestimmten Uferabschnitt eingegrenzt werden, einen genauen Punkt festzulegen, würde – wenn überhaupt erreichbar – unter Umständen eine extreme Kraftanstrengung bedeuten, denn zu viele nicht vorhersehbare Faktoren wie Strömungen und Schiffe begleiten den Schwimmer auf seinem Weg.

Das wäre wirklich spannend, sich über ein Scrum-Projekt einem Betreiberkonzept zu nähern, also die Prinzipien aus der Software- und Produktentwicklung auf die Erstellung eines betriebswirtschaftlichen Konzepts zu übertragen, das einer Balanced Score Card ähnlich unterschiedliche Perspektiven enthalten muss. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

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  • Quelle: red / Thomas Beier
  • Erstellt am 09.07.2020 - 14:32Uhr | Zuletzt geändert am 09.07.2020 - 17:51Uhr
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