Wie wichtig ist die Stadthalle Görlitz angesichts der Corona-Krise?

Wie wichtig ist die Stadthalle Görlitz angesichts der Corona-Krise?Görlitz, 28. April 2020. Wer in der Krise durchkommen will, muss Prioritäten setzen. Was in Zeiten der Prosperität bezahlbar ist, kann unter veränderten Rahmenbedingungen eine neue Priorisierung erfahren und vielen zwar noch immer wichtig, aber eben nicht mehr dringend erscheinen. Fünf Görlitzer Stadträte haben vor diesem Hintergrund einen Vorschlag zur Sanierung der Stadthalle Görlitz gemacht, der anderswo dringender benötigte Gelder freisetzen soll; nachstehend der Wortlaut.

Die Stadhalle Görlitz, genutzt von 1910 bis 2005, wird schrittweise saniert. Welcher Anteil an den Betriebskosten nach der Fertigstellung erwirtschaftet werden kann, ist ungewiss

Archivbild: © Görlitzer Anzeiger

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Erklärung zur Stadthalle Görlitz

Erklärung zur Stadthalle Görlitz

Für viele Görlitzer ist die Stadthalle ein Ort, der sich mit Erinnerungen verbindet

Archivbild: © Görlitzer Anzeiger

Thema: Stadthalle Görlitz

Stadthalle Görlitz

Die Stadthalle Görlitz wurde 1910 als Veranstaltungsort des Schlesischen Musikfestes eröffnet. Hoher Sanierungsbedarf und die ungenügende Selbstfinanzierung führten im Jahr 2005 zur Einstellung des Betriebs und zu Verkaufsbestrebungen seitens der Stadt Görlitz. Die Ende Januar 2010 vom Stadtrat beschlossene Sanierung wurde, ohne dass Arbeiten am Gebäude begonnen hätten, im Oktober 2012 gestoppt, weil Fristen für Fördermittel zu kurz waren. Erst 2018 stellten Bund und Land Geld für eine über die Sicherung hinausgehende Sanierung bereit. Eine große Herausforderung stellen die Betriebskosten für die Stadthalle Görlitz dar.

Aus Verantwortungsbewusstsein gegenüber unserem Land und aus Sorge um die finanzielle Zukunft unserer Stadt bitten wir den Stadtrat und den Oberbürgermeister von Görlitz, die in Aussicht gestellten Fördermittel von 36 Millionen Euro für die Sanierung der Stadthalle zum jetzigen Zeitpunkt nicht anzunehmen.

Wir erleben derzeit, wie Millionen von Menschen in Deutschland um ihre Existenz kämpfen. Besonders betroffen sind kleine Betriebe, Händler, Gastronomen und Selbständige – auch in unserer Region. Kulturelle Einrichtungen werden auf absehbare Zeit geschlossen bleiben. Künstlerisch Tätige sind damit ohne eigenes Zutun beschäftigungslos. Während viele von ihnen Hartz IV beantragen müssen, soll die Stadt Görlitz 18 Millionen Euro vom Freistaat Sachsen und 18 Millionen vom Bund empfangen, um eine einzelne Kulturstätte zu sanieren? Wir empfinden bei diesem Gedanken Scham. Es ist für uns moralisch nicht vertretbar und ein Zeichen nicht nachhaltigen Handelns, wenn während der schwersten Krise nach dem zweiten Weltkrieg Steuermittel für ein Wunschprojekt mit unbestimmten Folgekosten verwendet werden, obwohl an anderer Stelle das Geld nicht reicht, um Existenzen zu sichern.

Neben dieser moralischen Verpflichtung gegenüber unserem Land und deren Steuerzahlern haben wir als Stadträte einen Eid geschworen, Schaden von der Stadt Görlitz abzuwenden. Es ist von schwerwiegenden Verlusten bei den Einnahmen auszugehen. Der sächsische Städte- und Gemeindetag prognostiziert einen Rückgang der Gewerbesteuer von mindestens 40 Prozent. Das würde für Görlitz allein im Jahr 2020 ein Minus von rund sieben Millionen Euro bedeuten – selbst eine Million Einnahmeverlust wäre dramatisch. Für unsere städtischen Gesellschaften und Beteiligungen werden ebenfalls Einbußen erwartet, die aus dem städtischen Haushalt ausgeglichen werden müssen. Welche weiteren Belastungen folgen, ist derzeit völlig unklar.

In dieser Phase kann es für uns nur darum gehen, möglichst vieles von dem zu erhalten, was für unsere Stadtgesellschaft unabdingbar ist. Wir wollen weiterhin eine intakte Infrastruktur mit Kitas, Schulen, Sportstätten und Grünanlagen, eine umfassende medizinische Versorgung, einen modernen Nahverkehr und Wohnraum, den sich auch Menschen mit kleinem Einkommen leisten können. Theater, Tierpark, Schwimmhalle, Musikschule, Volkshochschule sowie die kleineren Veranstalter und Vereine bilden das Rückgrat der vielfältigen Görlitzer Kulturlandschaft – all das sind Einrichtungen, für die wir eine große Verantwortung tragen. Als wirtschaftlich unvernünftig empfinden wir es, ausgerechnet jetzt der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft Kommwohnen Gewinne zu entnehmen, um die Projektbegleitung für die Stadthallensanierung zu bezahlen.

Wir benötigen Klarheit über die finanziellen Auswirkungen der Krise. Erst dann lässt sich abschätzen, ob wir diese historische Aufgabe "Stadthalle" bewältigen können. Das betrifft die nötigen Eigenmittel ebenso wie die Kosten für den laufenden Betrieb nach Wiedereröffnung. Solange diese Zahlengrundlage fehlt, halten wir es für unverantwortlich, unserem Land Geld zu entziehen, das an anderer Stelle dringend gebraucht wird.

Mit folgenden Maßnahmen wollen wir die Stadthalle als kulturvollen Begegnungsort erhalten und damit zugleich unserer Verantwortung gegenüber Land und Stadt gerecht werden:

  1. Die Stadt Görlitz erklärt gegenüber dem Freistaat Sachsen und dem Bund ihren Verzicht auf die Fördergelder – damit das Projekt Stadthalle nicht in Vergessenheit gerät, sollte eine Vereinbarung angestrebt werden, dass eine geförderte Sanierung fortgesetzt wird, sobald es die allgemeine Haushaltslage und die wirtschaftliche Gesamtsituation wieder zulassen.

  2. Solange wird die Stadthalle weiterhin gesichert, um das Denkmal zu schützen. Der bereits sanierte kleine Saal soll als Veranstaltungsort in diesem historischen Haus gestärkt werden.

  3. Der Stadthallengarten soll mit dem erforderlichen Aufwand saniert werden. Damit steht er in der warmen Jahreszeit für öffentliche Veranstaltungen und als bestens geeignete Spielstätte für das Sommertheater zur Verfügung.

Unterzeichnet von den Stadträtinnen und Stadträten:

Dr. Jana Krauß, Kristina Seifert, Danilo Kuscher, Andreas Kolley, Mike Altmann

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  • Erstellt am 28.04.2020 - 11:56Uhr | Zuletzt geändert am 28.04.2020 - 12:21Uhr
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