Stadthalle Görlitz - Prüfstein für die Stadtkultur

Stadthalle Görlitz - Prüfstein für die StadtkulturGörlitz, 24. März 2019. Von Thomas Beier. Der Stadthallenförderverein hatte für den 21. März die Görlitzer Oberbürgermeisterkandidatinnen und -kandidaten sowie das interessierte Publikum zu einer Diskussion über die nähere Zukunft der Stadthalle Görlitz ins Wichernhaus eingeladen. Dabei konnte man nicht nur viel über die Ansichten und Herangehensweisen der sich zur Wahl Stellenden, sondern über die Kultur der Stadthallen-Befürworter lernen.
Abbildung: Die große Erleuchtung über eine zeitnahe Wiedereröffnung der Stadthalle Görlitz brachte der Abend nicht, wohl aber einen Eindrücke von den einzelnen Oberbürgermeisterkandidaten und -kandidatinnen

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Nur eine Kandidatin schlägt konkrete Vorgehensweise in Richtung Wiedereröffnung vor

Nur eine Kandidatin schlägt konkrete Vorgehensweise in Richtung Wiedereröffnung vor

V.l.n.r.: Octavian Ursu (CDU), Jana Lübeck (Linke), Franziska Schubert (Bündnis 90/Die Grünen), Moderatorin Jenny Thümmler, Momo Riedmüller (Die PARTEI), Sebastian Wippel (AfD)

Thema: Oberbürgermeisterwahl Görlitz

Oberbürgermeisterwahl Görlitz

Am 26. Mai 2019 wird in Görlitz im ersten Wahlgang über einen neuen Oberbürgermeister resp. eine neue Oberbürgermeisterin abgestimmt. Amtsinhaber Siegfried Deinege tritt nicht noch einmal an.

Die Situation um die 2005 geschlossene Stadthalle Görlitz ist aber auch vertrackt: Ist wie jetzt wieder Geld für die Sanierung da, scheut nicht nur der Amtsschimmel vor den Betriebskosten. Es gibt Konzepte und weitere Konzepte werden gefordert. Ein Förderverein engagiert sich für die Stadthalle und langsam, so wird geunkt, wächst die Sorge, ob seine Gefolgschaft die Wiedereröffnung noch erleben wird – BER 2.0 droht. Zumindest bei der Aktualisierung seiner Website hat der ansonsten aktive Verein wohl schon resigniert, da sind die Angaben der Stadt Görlitz zum Sachstand deutlich präziser.

Für die Oberbürgermeisterkandidaten und -kandidatinnen war das ein durchaus schwieriger Auftritt, war doch die Erwartungshaltung des Publikums klar: "Wir wollen unsere Stadthalle wiederhaben!" Zu welchem Zweck eigentlich, kam nicht so deutlich zum Ausdruck. Angesichts des Publikums (grob geschätzt an die 200 Besucher, davon vielleicht ein Viertel jünger als 50 Jahre und um Jugendliche abzuzählen reichten die Finger einer Hand) darf man eine intensive Erinnerungskultur unterstellen, die dazu drängt, den einen untergegangenen Status quo wieder herzustellen. Ach, war das damals schön: Konzerte, Tanz, Bälle, Modelleisenbahn, Boxen... Erinnerungen an eine analoge Welt vor dem demografischen Wandel. Analog und für Kulturbürger nicht würdig war das Gemurre im Publikum, wenn Ausführungen nicht ins Zielschema "Stadthalle um jeden Preis" passten.

Von unterschiedlicher Qualität waren die Wortmeldungen aus dem Publikum im zweiten Teil der Veranstaltung, die bis hin zur offensichtlich falschen Behauptung, der Unterhalt der geschlossenen Stadthalle würde jährlich 200.000 Euro kosten. Dazu hat sich Mike Altmann, Sprecher der Stadtbewegung Motor Görlitz, am Tag nach der Veranstaltung geäußert: "Motor Görlitz wurde gestern als 'Bremser' in der Veranstaltung benannt. Weil wir dafür sind, dass man erst alle korrekten Zahlen auf dem Tisch hat, bevor man Entscheidungen trifft. So wurde gestern im Saal von einer Vertreterin des Stadthallenfördervereins, dessen Engagement wir sehr schätzen, behauptet, die leerstehende Stadthalle koste pro Jahr 200.000 Euro. Ergo könne man sie auch bespielen. Ein Faktencheck ergab: Die Jahreskosten 2018 betrugen etwa 21.000 Euro. Wenn bereits bei dieser Frage mit falschen Zahlen hantiert wird, wie sieht es dann bei den Kosten für den jährlichen Betrieb aus?"

Die Wiederöffnung der Stadthalle Görlitz kommt aus Marketingsicht der Eröffnung eines Neubaus gleich. Zwar hat das Haus großartige Traditionen, zum möglichen Eröffnungszeitpunkt aber 20 Jahre Schließung– fast eine Generation – hinter sich. Vorteil wird dann sein, dass die neue Halle in alter Hülle noch universeller nutzbar sein wird. In der Diskussion konnte Franziska Schubert, die auch vom Bürger für Görlitz e.V. und vom Netzwerk Motor Görlitz unterstützt wird, als einzige aus dem Kandidatenkreis eine klare Herangehensweise in Richtung des künftigen Stadthallenbetriebs formulieren: Sie strebt die Gründung einer städtischen Betreibergesellschaft an, die in der Lage wäre, einerseits Fördermittel zu akquirieren und andererseits das wirtschaftliche Risiko vom städtischen Haushalt fernzuhalten. Außerdem möchte Schubert ein Stadthallenmanagement bereits während der Sanierungs- und Bauphase aktiv werden zu lassen, um einen nahtlosen Start zu gewährleisten. Typisch für Schubert ist, dass sie bereits vorgelegt hat: In einem Werkstattgespräch zur Stadthalle hat sie bereits am 16. Februar 2019 gemeinsam mit Leuten, denen die Görlitzer Stadthalle am Herzen liegt, Wissen und Ideen zusammengetragen und das Ergebnis dokumentiert (die Dokumentation kann unter post@franziska-fuer-goerlitz.de angefordert werden).

Anders der Tenor zur Stadthallenstrategie bei Octavian Ursu von der CDU, der darauf setzt, die jetzt zur Verfügung stehenden Gelder einzusetzen und die Stadthalle zu sanieren. Bis die Halle eröffnet werden kann, würden noch Jahre vergehen. In dieser Zeit müsse man auf Wirtschaftswachstum vertrauen, dann könne man sich den Betrieb auch leisten, wörtlich: "Der Plan muss sein, dass wir das finanzieren können." Ursu meint, eine sanierte Stadthalle habe "keine Konkurrenz in dieser Qualität". Aus dem Marketing ist allerdings bekannt, dass eine Alleinstellung noch lange keine Nachfrage erzeugt, ganz abgesehen vom Unterschied zwischen der Qualität eines Hauses und der einer dort stattfindenden Veranstaltung.

Die anderen Oberbürgermeisterkandidaten übten sich in mehr oder weniger logischen Überlegungen (Konzepte, Funktionalitäten der Stadthalle), nur Momo Riedmüller (Die PARTEI) brachte indirekt einen weiteren Aspekt ins Spiel, als er sagte, eine Stadt mit AfD-Oberbürgermeister würde er als Student wieder verlassen bzw. er wäre unter einem solchen zum Studium gar nicht erst nach Görlitz gerkommen. Da schwingt mit, ob ein AfD-Oberbürgermeister auch Touristen und eben auch Stadthallenbesucher abschrecken würde. Kandidat Sebastian Wippel (AfD) sieht die Stadthalle als Kulturgut und die Ausgaben für ein Soziokulturelles Zentrum kritisch, Riedmüller hingegen empfahl den im Veranstaltungmanagement und in der Fördermittelakquisition erfahrenen Second Attempt e.V., der auch im entstehenden Soziokulturellen Zentrum den Hut aufhaben soll, als möglichen Stadthallenbetreiber. Jana Lübeck (Linke) will bei der Verkehrsanbindung der Stadthalle aufs Fahrrad setzen.

Zur Veranstaltungseröffnung übrigens führte Matthias Schöneich vom Stadthallenförderverein in sehr angenehmer Weise in die Geschichte und die Aktivitäten des Vereins ein. Für Moderatorin Jenny Thümmler war es eine Herausforderung, der Diskussion Profil zu geben und zugleich das Publikum, das sicherlich kein Querschnitt des Görlitzer Stadtbürgertums war, in einer konstruktiven Kommunikation zu halten. Dass einzelne Bürger lieber Monologe hielten, anstatt sich mit den Oberbürgermeisterkandidaten zu befassen, steuerte sie mit viel Fingerspitzengefühl ebenso wie die Anforderung an die Kandidaten, im Verlauf des Abends immer konkreter zu werden. Unglücklich am Anfang bei der Erteilung des Wortes – zunächst stellten sich die Kandidaten vor – war der zweimalige Durchlauf aus Publikumssicht von links nach rechts, also von Ursu bis Wippel, weil dadurch eine Psychofalle bedient wird: Der erste Eindruck entscheidet, der letzte bleibt im Gedächtnis. Möglicherweise wäre ein Zufallsgenerator zur Worterteilung eine gute Idee, dann bekämen die Kandidaten das Mikrofon nicht nur, wenn sie wollen, sondern sie müssten sich auch outen, wenn sie zu einer Frage nichts zu sagen hätten.

Fazit der Veranstaltung

Die Nutzung der Stadthalle Görlitz in eine Gegenwart mit weit mehr konkurrierenden Freizeit- und Unterhaltungsangeboten als zu ihren Glanzzeiten zu katapultieren ist eine enorme Herausforderung, aber möglich. Wer die Chance der Wiedereröffnung auf einem erfolgversprechenden Weg halten will, dem bleibt womöglich die Qual der Wahl nur zwischen den beiden in dieser Frage erfolgversprechendsten Kandidaten bzw. Kandidatinnen: CDU-Mann Ursu ist mit der aktuellen Landesregierung und seinen Beziehungen nah an den Geldtöpfen für die Sanierung, hat aber keinen Plan für einen wirtschaftlich vertretbaren Stadthallenbetrieb. Da jedoch die Sanierungsgelder, wie man hört, geklärt sind und zur Verfügung stehen, kommt die studierte Sozialdemografin und Haushaltsexpertin Schubert, die sich auf ein breites bürgerliches Bündnis in der Stadt stützen kann, zum Zuge: Sie hat mit Abstand die klarsten Vorstellungen, welche Bedingungen und Vorgehensweisen das Projekt Stadthallen-Wiedereröffnung braucht. Auch das Publikum honorierte das, erhielt sie für ihre Beiträge doch den meisten Beifall an diesem Abend.

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  • Quelle: Thomas Beier | Fotos: © Görlitzer Anzeiger
  • Erstellt am 24.03.2019 - 06:19Uhr | Zuletzt geändert am 24.03.2019 - 06:41Uhr
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