Werkstattgespräch zur Stadthalle Görlitz

Werkstattgespräch zur Stadthalle GörlitzGörlitz, 25. Februar 2019. Ist die Görlitzer Stadthalle ein Luxusbauwerk? Von Luxus spricht man, wenn eine Sache höchsten Ansprüchen genügt. Hinzu kommen unter anderem Preiskonstanz auf hohem Niveau und eine gewisse Traditionsorientierung. Auch der Aspekt der Selbstbelohnung spielt eine Rolle, ebenso die Differenzierung gegenüber anderen, die diese Sache nicht oder nur in schlechterer Qualität besitzen, und die Gewissheit, ein Erbstück zu schaffen. In Bezug auf die Stadthalle Görlitz könnten lediglich an der Selbstbelohnung Zweifel aufkommen, denn wofür wollen sich die Görlitzer mit der Totalsanierung ihrer Stadthalle belohnen, zumal sie nicht in der Lage sind, die Zeche selber vollständig zu zahlen? Mit einem Werkstattgespräch hat die Görlitzer Oberbürgermeisterkandidatin Franziska Schubert am 16. Februar 2019 im Wichernhaus das Wissen und Ideen von Leuten, denen die Stadthalle am Herzen liegt, zu Tage gefördert, zusammengefasst und dokumentiert.
Abbildung oben: Noch ist die Stadthalle Görlitz hinter Gittern – und damit ein Stück Kultur. Das Schild weist darauf hin, dass nach dem Abriss des Görlitzer Konzerthauses im Jahr 1975 und dem Abbruch des Wilhelmstheaters 1999 die Stadthalle der letzte große Konzertort in Görlitz ist

Thema: "Eine Stadthalle für alle"

Thema: "Eine Stadthalle für alle"

Franziska Schubert

Thema: Stadthalle Görlitz

Stadthalle Görlitz

Die Stadthalle Görlitz wurde 1910 als Veranstaltungsort des Schlesischen Musikfestes eröffnet. Hoher Sanierungsbedarf und die ungenügende Selbstfinanzierung führten zur Einstellung des Betriebs und zu Verkaufsbestrebungen seitens der Stadt Görlitz, allerdings konnte seit 2008 kein passender Käufer gefunden werden. Die Ende Januar 2010 vom Stadtrat beschlossene Sanierung wurde, ohne dass Arbeiten am Gebäude begonnen hätten, im Oktober 2012 gestoppt, weil Fristen für Fördermittel zu kurz waren. Eine große Herausforderung stellen die Betriebskosten für die Stadthalle Görlitz dar.

Damit die Stadthallen-Sanierungsbaustelle am Neißestrand nicht einem berühmten Flughafen gleich zum Baustellendenkmal wird, sondern sich im frischen Glanz in die Liste der wieder mit Leben erfüllten Görlitzer Baudenkmäler einreihen kann, müssen ein Nutzungs- und schließlich ein Betreiberkonzept erstellt werden. Nun kann man viel aufschreiben, Papier ist bekannterweise geduldig und erduldet auch viel, zum Schluss müssen jedoch drei Fragen beantwortet werden: Welchen Betriebskostenanteil muss ein künftiger Stadthallenbetreiber selber schultern, woher bekommt er diesen Eigenanteil am Veranstaltungsbetrieb ersetzt und wer lässt sich überhaupt das Defizit-Geschäft aufhalsen?

Zur Herausforderung werden Aufgaben, deren Lösung sich nicht in überschaubarer Zeit herleiten lässt oder für die ganz neue Lösungswege entwickelt werden müssen. Ein Ansatz dafür ist es, erst einmal unvoreingenommen Optionen zusammenzutragen. "Die Gedanken, Ideen und Perspektiven der Bürgerinnen und Bürger betrachten wir als einen wichtigen Schatz, der dabei hilft, Entscheidungen so zu treffen, dass sie Akzeptanz erreichen", bringt es Schubert in einem Schreiben, mit dem sie am 23. Februar 2019 den Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinege, die Stadträte und Baubürgermeister Dr. Michael Wieler über die Ergebnisse des Werkstattgesprächs informiert hat, auf den Punkt.

An sechs Thementischen konnten sich die Görlitzer auf dem Werkstattgespräch einbringen, nicht etwa, um sich gegenseitig zu beweisen, was alles nicht geht, sondern um nach Gemeinsamenkeiten und ganz neuen Ideen zu schauen. Unterm Strich hat sich der Anspruch auf eine multifunktionale Halle herauskristallisiert, die auch über die Landesgrenzen hinaus Anziehungskraft entwickelt und mit Beteiligung der Stadt betrieben wird.

Schubert, die sich als Expertin für öffentliche Haushalte einen Namen gemacht hat, weiß, was eine städtische Beteiligung auslösen kann und schreibt: "Hier ist zu prüfen, wie das klug aufgestellt werden kann." Das ist eine Frage von Mut, nicht gleich mit einer "Patentlösung" zu winken, die später klammheimlich beerdigt wird, sondern sich zur Herausforderung zu bekennen und eine praxistaugliche Lösung anzugehen, bei der auch höhere Mächte in die Pflicht genommen werden, Schubert: "Ich werde mich dafür stark machen, dass sich Bund und Land langfristig am Erhalt der Stadthalle beteiligen." Als Insiderin wird sie dann im Schreiben konkret: "Mir ist bekannt, welche Möglichkeiten der Landeshaushalt derzeit hergibt und mir ist darüber hinaus auch bekannt, dass der Bundeshaushalt einen Posten für ein Lausitz-Festival beinhaltet – insbesondere letzteres gilt es, nach Görlitz zu kanalisieren."

An den Thementischen des Werkstattgesprächs zeigten sich die unterschiedlichen Herangehensweisen und der unterschiedliche Reifegrad der einzelnen Ideen und Vorstellungen, die von fundierten konzeptionellen Überlegungen bis hin zu fantasievollen Ideen für eine komplette Umnutzung des Hauses reichten.

Als übergreifende Prämissen stellten sich heraus, dass die Stadthalle Görlitz

  • auch zukünftig den Görlitzern zur Verfügung steht,
  • ein internationaler Begegnungsort wird,
  • ein neues Publikum in die Stadt zieht und
  • nicht ohne Einbeziehung der jüngeren Generation als zukünftige Nutzer entwickelt werden kann.

Mit den Worten "Bitte beziehen Sie bei Ihrer Entscheidungsfindung das mit ein, was die Menschen bewegt. Bitte machen Sie transparent, warum Sie Entscheidungen wie treffen." endet der Brief, dem Bildmaterial beigefügt ist.

Download!
Brief mit dokumentierendem Bildmaterial aus dem Werkstattgespräch (ca. 1,63MB)



Kommentar:

Ohne Grenzen lebt sich's besser – das gilt auch und vor allem für das Denken. Wenn es um den Betrieb der Görlitzer Stadthalle, die schon durch ihre Lage zum wichtigen Bindeglied zwischen dem deutsch- und dem polnischsprachigen Teil der Europastadt Görlitz-Zgorzelec, wenn nicht gar im europäischen Ausmaß, werden kann, sind neben Expertise und anderenorts gemachten Erfahrungen auch unvoreingenommene Sichten nötig, um dem Bauwerk wieder Leben einzuhauchen und den lebenserhaltenden Geldfluss sicherzustellen.

In Görlitz hat sich in den vergangenen Jahren eine Szene von Mitdenkern, die sich zugleich engagieren, deutlich entwickelt. Leute aus dieser Szene haben sich nun auch in das Werkstattgespräch "Eine Stadthalle für alle" eingebracht und dieses so bereichert, dass eine verwertbare Ergebnisqualität erreicht wurde. Es wäre schön blöd, wenn die Verwaltung auf dieses Potenzial engagierter Stadtbewohner verzichten würde,

meint Ihr Thomas Beier

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  • Quelle: TEB | Foto Schild: © Görlitzer Anzeiger, Foro Franziska Schubert: Paul Glaser / glaserfotografie.de
  • Zuletzt geändert am 25.02.2019 - 07:48 Uhr
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