Motor Görlitz zur Stadthalle

Motor Görlitz zur StadthalleGörlitz, 29. Januar 2019. In einer Mitteilung verweist das kommunalpolitische Netzwerk Motor Görlitz auf die Online-Ausgabe der Sächsischen Zeitung. Wie dieser zu entnehmen sei, drängt der Abteilungsleiter Stadtentwicklung, Bau- und Wohnungswesen im Sächsischen Staatsministerium des Innern, Jörg Mühlberg die Stadt Görlitz, ein Nutzungskonzept für die Stadthalle vorzulegen. Erst dann sei es möglich, die in Aussicht gestellten rund 36 Millionen Euro von Bund und Land für die Sanierung freizugeben.
Archivbild: Stadthalle Görlitz

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Wer Geld investiert, muss auch den Betrieb verantworten

Thema: Stadthalle Görlitz

Stadthalle Görlitz

Die Stadthalle Görlitz wurde 1910 als Veranstaltungsort des Schlesischen Musikfestes eröffnet. Hoher Sanierungsbedarf und die ungenügende Selbstfinanzierung führten zur Einstellung des Betriebs und zu Verkaufsbestrebungen seitens der Stadt Görlitz, allerdings konnte seit 2008 kein passender Käufer gefunden werden. Die Ende Januar 2010 vom Stadtrat beschlossene Sanierung wurde, ohne dass Arbeiten am Gebäude begonnen hätten, im Oktober 2012 gestoppt, weil Fristen für Fördermittel zu kurz waren. Eine große Herausforderung stellen die Betriebskosten für die Stadthalle Görlitz dar.

Zitiert wird, so Motor Görlitz, Mühlberg mit den Worten: "Bund und Land wollen mit der Stadthalle ein hochbedeutendes kulturelles und kunstgeschichtliches Zeugnis für die Nachwelt erhalten."

Dazu hat sich Axel Krüger von Motor Görlitz, der als berufener Bürger Mitglied im Stadthallenausschuss ist, geäußert: "Wir sind dafür, dass die Stadthalle möglichst bald wieder öffnet. Allerdings nur in einem staatlichen Betrieb. Motor Görlitz steht für eine enkeltaugliche Politik, die nachfolgende Generationen nicht belastet. Wer ehrlich ist, wird realistisch einschätzen, dass die Stadt Görlitz sowohl mit der dauerhaften Betreibung als auch der Werterhaltung der Stadthalle finanziell überfordert ist. Wenn Bund und Land diesem Haus erfreulicherweise eine derartige Bedeutung attestieren und die Sanierung zu 90 Prozent finanzieren, können sie im Anschluss daran die Kommune nicht mit den Folgekosten allein lassen."

Die nach vier Jahren Bauzeit im Jahr 1910 eröffnete Görlitzer Stadthalle wurde wegen Baumängeln zum Jahresende 2004 geschlossen. Verkaufsabsichten der Stadt Görlitz scheiterten. Obgleich bereits saniert wird, ist die Finanzierung für die komplette Wiederherstellung und Modernisierung noch offen, insbesondere, weil kein Betreiberkonzept vorliegt. Mit einer Wiedereröffnung des im Jahr 2018 als Baustelle für eine Kunstausstellung genutzten Hauses wird nicht vor 2024 gerechnet.

Mehr:
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Kommentar:

Für Unternehmer liegt der Fall klar: Entweder es wird investiert, weil es anders nicht mehr geht, oder es wird investiert, weil man sich neue Erträge erhofft, die die Investition möglichst schnell amortisieren. Im Fall der nötigen Investitionen, die einen Weiterbetrieb der Görlitzer Stadthalle ermöglichen sollen, dürfte die Hoffnung auf Erträge angesichts der nötigen Millionen Euro wohl kein Motiv sein. Warum also noch einmal in den alten Bau so viel Geld stecken?

Der eigentliche Grund für den Sanierungsaufwand sollte doch sein, dass der Stadt Görlitz in ihrem kulturellen Leben ohne die altehrwürdige Stadthalle etwas fehlen würde. Dieses Argument verliert jedoch an Kraft, je länger – immerhin sind es schon 14 Jahre – die Stadthalle geschlossen bleibt. Andere Veranstaltungsorte, von der seelenlosen Messehalle in Löbau bis zum Brauereisaal haben sich als Ersatz etabliert, zwar nicht ebenbürtig, aber immerhin. Die Veranstaltungen, für die die Stadthalle Görlitz prädestiniert war, scheinen für diesen Ort vergessen, vom Abi- und Tanzstundenball über Sportveranstaltungen bis hin zu Konzerten (Stichwort im wahrsten Sinne: die Schlesischen Musikfestspiele) und Kongressen.

Der "Mangel an Stadthalle" schwindet, nur zum Zweck einer Erinnerungsstätte an früheres Veranstaltungsleben wird das Haus nicht gebraucht. Nun aber wird der Stadthalle, die bereits am 9. Mai 1908 vor ihrer geplanten Eröffnung zu den einstürzenden Neubauten zählte, attestiert, ein "hochbedeutendes kulturelles und kunstgeschichtliches Zeugnis" zu sein – ein Sanierungsgrund mehr? Allein dafür Millionen auszugeben, wäre jedoch mehr als fragwürdig.

Soll weiter Steuergeld versenkt werden, muss ein Betreiber- oder Nutzungskonzept her, das darstellt, wie sinnvoll es ist, für die Veranstaltungskultur in der Stadthalle so viel Geld auszugeben – als Investition wie auch für die fortlaufenden Betriebskosten. Die alleinige Betrachtung, wer könnte die Stadthalle wie oft nutzen und wie viel Geld dafür aufbringen, reicht nicht aus. Gefragt ist das, was Strategieentwickler die kybernetische Kalkulation nennen. Dabei müssen in die Spannungsbilanz Effekte einfließen, die außerhalb der Bedarfsorientierung liegen. Mit einfachen Worten: Der Stadthallenbetreiber darf sich nicht allein als Vermietungs- und Marketingdienstleister sehen, sondern muss durch von ihm initiierte Veranstaltungen selbst für die Anziehungskraft des Hauses sorgen. Es darf bezweifelt werden, dass eine Stadt das kann, geschweige denn, ob es zu ihren Aufgaben gehört.

So gesehen liegt der Ruf nach einem "staatlichen Betrieb" á la VEB Görlitzer Stadthalle auf der Hand und die Argumentation, wer investiert, muss auch für die Folgen aufkommen, ist schlüssig – nur realisitisch scheint sie nicht. Ob das Geld der Bürger auf direktem Wege vor Ort oder über Umwege via Land, Bund oder EU verbrannt wird, ist doch egal.

Die Grundüberlegung, die vor einem Nutzungskonzept und vor der Sanierung der Görlitzer Stadthalle nötig wäre, hat meines Wissens niemand angestellt: Wie viel Geld ist es uns Jahr für Jahr wert, die Stadthalle als Veranstaltungsort – übrigens auch für den polnischen Teil der Europastadt – bereitzustellen?

Thomas Beier

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  • Quelle: red / Kommentar: Thomas Beier | Foto: © Görlitzer Anzeiger
  • Erstellt am 29.01.2019 - 07:14Uhr | Zuletzt geändert am 29.01.2019 - 08:48Uhr
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