Verwirrung um ein Flüsschen im Iservorgebirge

Verwirrung um ein Flüsschen im IservorgebirgeFriedland in Böhmen (Frýdlant v Čechách), 1. Januar 2021. Drei Generationen nach der Vertreibung der Deutschen vom Territorium des heutigen Polens und aus den Siedlungsgebieten in Tschechien ist der Umgang mit der gemeinsamen Geschichte – wobei die Vertreibungen nicht losgelöst von der unmittelbaren sowie jahrhundertelangen Vorgeschichte betrachtet werden können – noch immer recht unterschiedlich.

Dank EU-Förderung kann man in Friedland in Böhmen auf der "Wanderung zum Wasser" noch was lernen: "Ein Wasserturm ist eine der Wasserversorgung dienende Anlage mit einem Hochbehälter zur Speicherung von Wasser."

Foto: Stanislav Beran

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Moldau, Grasige Moldau, Warme Moldau haben mit der Rasnitz nichts zu tun

Moldau, Grasige Moldau, Warme Moldau haben mit der Rasnitz nichts zu tun

Dieser Abschnitt der Schautafel lässt die Grasige Moldau durch das im Isergebirgsvorland (Frýdlantská pahorkatina) gelegene Friedland in Böhmen fließen, es handelt sich aber um die Rasnitz, die in die Friedlland in die Wittig mündet

Foto: Stanislav Beran

Thema: Woanders

Woanders

"Woanders" – das ist das Stichwort, wenn der Görlitzer Anzeiger auf Reisen geht und von Erlebnissen und Begegnungen "im Lande anderswo" berichtet. Vorbildliches, Beispielhaftes und Beeindruckendes erhält so auch im Regional Magazin seine Bühne.

So werden in Deutschland die Namen der Städte und Dörfer, die mit der neu gezogenen Oder-Neiße-Grenzlinie an Polen fielen oder im wieder entstandenen tschechischen Staat liegen oftmals nur in der jeweiligen Landessprache benannt, etwa Liberec für Reichenberg und Wrocław für Breslau, hingegen werden beispielsweise die urpolnische Königsstadt Kraków fröhlich als Krakau und die tschechische Hauptstadt Praha ganz selbstverständlich mit ihrem deutschen Namen Prag benannt. Vielleicht wirkt hier noch die Ideologie der SED weiter, unter deren Herrschaft die Vertreibung totgeschwiegen und die Verwendung der deutschen Bezeichnungen als Revanchismus ausgelegt wurde. Es kam vor, dass man von "DDR"-Grenzern am Grenzübertritt gehindert wurde, nur weil man die Frage nach dem Reiseziel mit Karlsbad statt Karlovy Vary beantwortete.

Zum Glück hat sich das seit der deutschen Besatzung über Jahrzehnte vergiftete Verhältnis von Deutschen und Tschechen einerseits und Deutschen und Polen andererseits heute weitgehend entkrampft und man nähert sich in Böhmen und Schlesien mit Neugier der Geschichte und den verbliebenen Zeugnissen der Deutschen in diesen Regionen. Allerdings muss man aufpassen, dabei historisch genau zu bleiben. So berichtet Ingo Andratschke, einer der letzten Zeitzeugen der Vertreibung, vom friedlichen Zusammenleben der Tschechen und Deutschen in Österreichisch-Schlesien, bevor der Nationalsozialismus seine vergiftete Ideologie auch hier ausbreitete. Auch aus Jägerndorf (Krnov), heute im tschechischen Teil Schlesiens, wurden die Deutschen vertreiben, wobei die Tschechen sehr wohl unterschieden zwischen den Nazis und jenen, die unter dem Hakenkreuz anständig geblieben waren. Auf der für den Schulunterricht gedachten Webseite www.stefan-heym-heymat.de Ist Ingo Andratschke im Gespräch über den Verlust von Heimat und neue Heimat zu erleben.

Neben den Erfahrungen der Menschen, die in unterschiedlichen Kontexten erzählt werden, geht es auch um die Bewahrung von Fakten. Dass das nicht immer gelingt, ist dem Journalisten und Dolmetscher Stanislav Beran aus Friedland am Beispiel eines von der Europäischen Union geförderten Projekts aufgefallen.

Fließt die Moldau wirklich durch Friedland?

Von Stanislav Beran (redaktionell bearbeitet). Der 6,8 Kilometer lange Lehrpfad durch die Natur, der den Namen "Wanderung zum Wasser" trägt, macht die Besucher der Stadt Friedland in Böhmen mit der interessanten Geschichte der Wasserversorgung der Stadt bekannt. Der Lehrpfad mit sechs Infostationen verbindet vier Wassertürme, den Stadtpark und den Aussichtsturm auf dem Resselsberg (U Rozhledny). Auf den Tafeln ist der tschechische Text für die Besucher aus Deutschland ins Deutsche übersetzt. Auf der Tafel Nr. 5, die sich neben dem Weg nach Jäckelsthal (Údolí) befindet, findet man einen sehr seltenen und interessanten Satz: "2006 wurde der Wasserturm einer gründlichen Instandsetzung und Erneuerung unterzogen. Der Wasserturm wird mit dem Wasser des Flüsschens Grasige Moldau und dem Grundwasser aus einigen Tiefbohrungen unweit der Stadt in Richtung Schönwald eingespeist."

Unglaublich, aber wahr! Auf der Infotafel wurde der Fluss Rasnitz (Řasnice) kurzerhand in Moldau (Vltava) umbenannt! Existiert die Rasnitz für die Wasserwerke in Friedland nicht mehr? Warum ist die Umbenennung der Rasnitz niemandem aufgefallen? Es ist jedem bekannt, daß die Moldau durch die Prager Innenstadt fließt und ganz bestimmt nicht durch Friedland. Der Name Grasige Moldau (Travnatá Vltava) für die Rasnitz in Friedland ist schlichtweg falsch, denn mit Friedland hat der Fluss Grasige Moldau nichts zu tun. Wer das geschrieben hat, das bleibt wohl ein ewiges Geheimnis. Der richtige Name ist natürlich Rasnitz - ein rechter Nebenfluss der Wittig, die in Tschechien Smědá und in Polen Wittka heißt. Auch der Name des damaligen Bürgermeisters Heinrich Kaulfersch wurde auf der Infotafel falsch geschrieben. Sicher sind das Flüchtigkeitsfehler, aber der übersetzte Text auf der Infotafel entspricht so eben nicht der Wahrheit. Doch vielleicht ist das alles nur ein kleiner Aprilscherz? Da kann man nur sagen: "Einen kleinen Aprilscherz in allen Ehren kann niemand verwehren."

Die Grasige Moldau ist ein rechter Zufluss der Warmen Moldau (Teplá Vltava), dem Hauptquellfluss der Moldau. Sie entspringt südwestlichen Fuße des Parmberges (Žďárecká hora) im Böhmerwald, knapp zwei Kilometer nördlich von Hinterfirmiansreut am Langruck, nahe der Grenze zu Bayern.

Fördermittel im Spiel:
Der Lehrpfad wurde für etwa 300.000 Tschechische Kronen (rund 11.400 Euro) gebaut. Finanzielle Hilfe kam vom Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE), einem Strukturfonds der Europäischen Union, der die wirtschaftlichen Aufholprozesse ärmerer Regionen, die Strukturprobleme haben, unterstützt. Finanziell unterstützt wurde das Projekt auch von der Mikroregion Friedland, der Stadt Friedland, der Friedländer Wasserwerk AG und durch das Bezirksamt Reichenberg. Feierlich eröffnet wurde der Lehrpfad am 13. September 2008.



Stanislav Beran ist deutscher Staatsbürger und lebt in Frýdlant v Čechách (Friedland in Böhmen, früher: Friedland im Isergebirge). Er arbeitet als Freier Journalist und Korrespondent sowie als Dolmetscher und staatlich geprüfter Übersetzer für die deutsche Sprache und betätigt sich als Heimatforscher und Genealoge.

Das in der Nähe von Zittau, gleich neben dem polnischen Reichenau (Bogatynia) gelegene Frýdlant ist eine Reise wert: Neben Burg und Schloss und weiteren Sehenswürdigkeiten wie etwa der Pestsäule ist der Besuch der Friedländer Weihnachtskrippe (Weihnachtskrippe Bethlehem), geschaffen von Gustav Simon (1873-1953) in sechzigjähriger Bauzeit, eine unbedingte Empfehlung.

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  • Quelle: red / Stanislav Beran | Fotos: Stanislav Beran
  • Erstellt am 01.01.2021 - 11:08Uhr | Zuletzt geändert am 01.01.2021 - 16:28Uhr
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