Warum degeneriert die Sprache?

Warum degeneriert die Sprache?Görlitz, 22. Juli 2021. Beim Görlitzer Anzeiger gehen täglich etliche Pressemitteilungen ein. Dabei fällt auf: Sprache wird immer mehr normiert und floskelhaft – ganz typisch etwa die Wendung "im Rahmen des" – und der übermäßige Gebrauch der im Grunde Frauen ausgrenzenden Gendersprache – Wohin soll die Betonung eines Geschlechts sonst führen? – lässt die eigentlichen Inhalte oft genug in den Hintergrund treten. Ist die Simplifizierung der Sprache nur ein Gegenwartsphänomen oder ein anhaltender Trend?

Abb:: Im Alltag helfen automatische Übersetzungsprogramme die Verständigung zu erleichtern. Doch gerade sie – wie auch Korrekturprogramme und kurze Mitteilungen per Handy – führen zu einer immer mehr verflachenden Sprache

Symbolfoto: Anastasia Gepp, Pixabay License

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Sprache passt sich immer wieder an und wird tendenziell einfacher

Es gibt eine interessante Beobachtung, dass alle Sprachen im Laufe der Evolution einfacher wurde. Das ist sehr leicht zu bestätigen: Alte Sprachen – Latein, Sanskrit, Altgriechisch – waren deutlich komplexer und hatten viel mehr Zeitformen und Kasus als alle modernen Sprachen, die sich aus ihnen entwickelt haben.

Das Gleiche gilt für jede moderne Sprache, insbesondere für Deutsch. Kaum einer kann noch ein Buch, das etwa vor 400 Jahren geschrieben wurde, ohne spezielle Vorbereitung lesen – und das, obwohl damals das Frühneuhochdeutsch als Schriftsprache bereits ausgereift war. Was aber ist der Grund dafür? Nach der gängigen Logik entwickelt sich doch alles, was entsteht, zum Komplexeren und nicht umgekehrt.

Massengebrauch – eine mögliche Antwort?

Es gibt keine eindeutige Antwort, aber die Logik diktiert, dass wir die Geschichte betrachten sollten. Jede Sprache ist nicht nur ein kulturelles, sondern auch ein historisches Erbe. Sie wird durch historische Ereignisse geprägt. Es geht hier weniger um bestimmte Daten oder Ereignisse, sondern um die allgemeine Dynamik der Gesellschaft, wobei insbesondere die Verwischung der Klassenschranken zu beachten ist.

Ursprünglich "gehörte" die Schriftsprache nämlich einer kleinen Gruppe von Privilegierten, die Zugang zu Bildung hatten. Sie respektierten und nutzten die Üppigkeit der Sprache und ihrer komplexen Konstruktionen. Doch mit der Verbreitung der Alphabetisierung wurde die Sprache zunehmend vereinfacht. Die Menschen haben die Sprache an die schriftliche Ausdrucksform und an ihre Alltagsrealität angepasst.

Die Entwicklung von Handel und Kommunikation zwischen entlegenen Gebieten trug ebenfalls zu diesem Prozess bei. Wenn man Geld verdienen wollte, musste man eine gemeinsame Sprache mit den Kunden finden. Auf diese Weise lernten die Menschen verschiedene Sprachen und Dialekte, die im Laufe der Zeit vereinheitlicht und dabei vereinfacht wurden.

Was passiert heutzutage mit der Sprache?

Eine der Besonderheiten der modernen Welt ist die Geschwindigkeit, anders gesagt: Die Ereignisse und Möglichkeiten entwickeln sich schneller als früher. Jeder und alles – einschließlich der Sprache – versucht, Schritt zu halten.

Seit 2007 gelten in Deutschland neue, vereinfachte Rechtschreibregeln. Die Reform löste damals eine große Diskussion aus und hatte viele Gegner. Sie hob 87 von 212 Rechtschreibregeln und 40 von 52 Interpunktionsregeln auf. Diese Vereinfachung hat jedoch viele Schwierigkeiten verursacht. Die gesamte erwachsene Bevölkerung musste sich in gewisser Weise umschulen und an die neue Schriftsprache gewöhnen.

Seitdem hat die deutsche Sprache viele weitere Veränderungen durchgemacht. Sie mögen zwar nicht offiziell im Regelwerk, das übrigens nur für die Grammatik besteht, legalisiert sein, sind aber bereits unumkehrbar – und der Prozess geht weiter.

Sprache ist wie Literatur ein soziales Phänomen und spiegelt daher unmittelbar die gesellschaftliche Mentalität und aktuelle Ereignisse und Phänomene wider. Heute sind es Globalisierung, Feminismus, Geschlechtsneutralität, Klimawandel und anderes. So sind heute immer mehr Lehnwörter zu vernehmen und der Duden hat der Online-Version des Wörterbuchs 12.000 Artikel für weibliche Berufsbezeichnungen hinzugefügt.

Sprache als kleinster gemeinsamer Nenner

Wenn man davon ausgeht, dass sich früher die Sprache änderte, weil Klassenschranken wegfielen, dann geht es heute eher um territoriale Grenzen. Immer mehr Menschen wechseln ihren Wohnsitz in andere Sprachräume, ob nun freiwillig oder wegen anderer Umstände. Wenn jedoch in einer Region oder einem Land die Mehrsprachigkeit dominiert, dann verschwindet alles, was zum Verständnis nicht notwendig ist. Die Umgangssprache wird vereinfacht, man einigt sich quasi auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. So stirbt in bestimmten Schichten der Bevölkerung in Deutschland zum Beispiel der Genitiv aus.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Sprache – und nicht nur Deutsch – einfacher wird, da soziale und kulturelle Barrieren wegfallen. Dabei gibt es Vor- und Nachteile. Einerseits ist dies ein unglaublicher Booster für die menschliche Entwicklung, andererseits führen neue Regeln immer wieder zu großer Verwirrung und Fehlern. Dies ist besonders kritisch, wenn es sich um Publikationen, Artikel, wissenschaftliche und akademische Arbeiten handelt.

Tipp:
Wer sich nicht ganz sicher ist im Sprachgebrauch und einen Schreibservice beauftragt, geht dem Fehlerrisiko aus dem Wege. Solche Dienstleister bieten zudem fast immer unterschiedliche Arten der Textprüfung oder sogar ein Lektorat und weitere nützliche Dienste an.

Kommentare Lesermeinungen (1)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Das Deppenleerzeichen war nur der Anfang

Von Thomas John am 23.07.2021 - 22:44Uhr
Vor einer ganzen Reihe von Jahren wies ich mal einen Kommentator auf ein Deppenleerzeichen hin und diverse andere Fehler, die ich in seinem Post entdeckt hatte. Zur Antwort bekam ich, dass ich hier nicht den Oberlehrer raushängen lassen solle und wir hier ja nicht beim Diktat seien.

Genau diese Sichtweise ärgert mich nun schon eine ganze Weile. Erstens weise ich andere nicht auf ihre Fehler hin, um sie runterzumachen, sondern um sie vor weiterer Peinlichkeit zu bewahren. Zweitens haben wir damals in der Schule Deutsch nicht gelernt, um damit Diktate zu überstehen und anschließend das Meiste davon zu vergessen. Sondern um uns später in der Öffentlichkeit vernünftig artikulieren zu können.

Ich stehe auf dem Standpunkt: Wer sich keine Mühe gibt, seine Worte ordentlich und verständlich zu formulieren, ist es auch nicht wert, dass man sich mit seinen Worten überhaupt beschäftigt.

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  • Quelle: red | Foto: nastya_gepp / Anastasia Gepp, Pixabay License
  • Erstellt am 23.07.2021 - 08:36Uhr | Zuletzt geändert am 23.07.2021 - 10:05Uhr
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