Kulturforum Görlitzer Synagoge soll ein Ort der Toleranz sein

Kulturforum Görlitzer Synagoge soll ein Ort der Toleranz seinGörlitz, 13. Juli 2021. Von Thomas Beier. Gestern wurde die Neue Synagoge zu Görlitz, erbaut von 1909 bis 1911, 1938 geschändet und dann dem Verfall preisgegeben, nach langjährigen Restaurierungsarbeiten als Kulturforum Görlitzer Synagoge eröffnet. Das bietet Anlass, über das Verhältnis von Politik, Religion und Kunst nachzudenken, vor allem aber über Verständigung und Toleranz, die diesen Ort künftig bestimmen sollen.

Abb.: Alex Jacobowitz (links) ist Vorsitzender und Kantor der Jüdischen Gemeinde Görlitz/Zgorzelec und Umgebung. Gemeindemitglieder waren vor der Eröffnung des Kulturforums gekommen, um zu musizieren und zu singen

Foto: © BeierMedia.de

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Es hat etwas länger gedauert bis zur Wiederauferstehung der früheren Synagoge

Es hat etwas länger gedauert bis zur Wiederauferstehung der früheren Synagoge

So soll es sein: Das Kulturforum Görlitzer Synagoge und die Wochentagssynagoge als fester Teil des Lebens in der Doppelstadt an der Neiße, wenn auch stets als ein ganz besonderer Ort

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Thema: Jüdisch

Jüdisch

Juden hatten und haben einen großartigen Anteil an der Entwicklung Deutschlands in Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft. Leben ist undenkbar ohne die Erinnerung an die Zeit, als es in Deutschland ausreichte, Jude zu sein, um verhaftet, deportiert und umgebracht zu werden, wenn man nicht rechtzeitig geflohen war.

Politiker und andere Würdenträger lieben es ja, ihre Auftritte von Künstlern umrahmen zu lassen. Das ist zur feierlichen, man muss sagen, großartig gelungenen Eröffnung des neuen Kulturforums nicht anders geplant gewesen. Doch schon bevor die ersten Worte der Redner fielen hatte die fantastische Bente Kahan, begleitet von Dariusz Świnoga, musikalisch zum Ausdruck gebracht, wofür das jetzige Veranstaltungshaus mit Wochentagssynagoge steht: Nicht nur für eine neue Aufmerksamkeit für jüdisches Leben und das Judentum in Görlitz, sondern auch für dessen Wiedereinzug in die frühere Synagoge. Ihr auf Hebräisch gesungenes Lied handelt vom Glauben an den Messias und an dessen Ankunft, einem Glauben, der auch besteht, wenn es etwas länger dauern sollte – es ist ein schönes Gleichnis auf die Synagoge und ihre jahrzehntelanges Siechtum, ihre Sicherung und Restaurierung, das der Liedtext, der auf den 13 Grundprinzipien von Rabbi Moses Ben Maimon aus dem 13. Jahrhundert fußt, liefert.

So gesehen hatten die Redner – der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu, die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, der Ministerpräsident des Freistaates Sachsen, Michael Kretschmer, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Dresden, Michael Hurshell, der Rabbi von Basel und Dresden, Aktiva Weingarten, der aus dem Alten Testament las, der Geschäftsführer der Ostdeutschen Sparkassenstiftung, Friedrich-Wilhelm von Rauch – die Ehre, den Einzug von Kultur und Religion ins das Haus zum umrahmen. Berührend am Ende der Veranstaltung die Worte von Friedrich Seibt, geboren in Görlitz: Er und seine Frau hatten den Steinway-Flügel, der seinen Platz im Kulturforum hat, geschenkt.

Die Bestimmung des Hauses formulierte der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu so: “Wir wollen das Kulturforum Görlitzer Synagoge zu einem Haus der Begegnung, der Geschichte, der Lehre und der Kultur entwickeln. Es soll ein Veranstaltungsort werden, der nachhaltig europäische Verständigung lebt. Das Kulturforum Görlitzer Synagoge soll erfüllt sein vom Geist der Toleranz und vom Miteinander der Kulturen und Religionen.”

Dass das als Neue Synagoge errichtete Gebäude überhaupt noch steht, ist mehreren Umständen zu verdanken: Der in der Pogromnacht gelegte Brand wurde gelöscht und nachdem sich die Stadt ihrer jüdischen Mitbürger entledigt hatte, geriet das Gotteshaus aus der Aufmerksamkeit und wurde zunächst als Lager für Theaterrequisiten genutzt. Der sogenannte real existierende Sozialismus erwies sich als unfähig, das nur wenig in Mitleidenschaft gezogene Gebäude zu erhalten – und hatte an seiner ursprünglichen Funktion, argwöhnisch gegenüber allem Jüdischen, wohl auch kein Interesse.

Görlitz und nun auch die Synagoge konnten aus dem Verfall nur deshalb wieder auferstehen, weil vor allem einzelne Denkmalschützer und Freunde der Stadt sich im Rahmen ihrer beschränkten Möglichkeiten außerordentlich engagierten. So war es eine Freude, Peter Mitsching, zuletzt Leiter der Unteren Denkmalbehörde, zur Eröffnungsveranstaltung wiederzusehen. Ihm und dem verstorbenen Michael Vogel ist es maßgeblich zu verdanken, dass nach 1989 viele Häuser in buchstäblich letzter Minute gerettet werden konnten, etwa weil mit den wenigen Mitteln der Mangelwirtschaft Eckgebäude und damit ganze Straßenzüge erhalten wurden.

Ministerpräsident Michael Kretschmer verwies sinngemäß auf die Besonderheit, dass die “DDR” unter der linken Diktatur gerade in Görlitz zwar nicht zum Erhalt der Bausubstanz fähig war, aber auch kaum Mittel für den Umbau oder Abriss hatte. Dadurch konnten Baudenkmäler nach dem erst schleichenden, dann dramatische Ausmaße annehmenden Verfall nach der deutschen Wiedervereinigung wieder originalgetreu saniert werden, ohne Bausünden zu begehen, wie sie vielerorts in den alten Bundesländern im Rausch des Wiederaufbaus nach dem Krieg erfolgten.

So hat Görlitz nun ein Kulturforum, das wohl weltweit einzigartig ist. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Dresden, Michael Hurshell, nahm das zum Anlass für seine Worte: “Die Restaurierung dieser wunderschönen Synagoge ist für die Jüdische Gemeinde zu Dresden ein Zeichen der Hoffnung, der Erneuerung und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Möge dies eine Stätte der kulturellen Begegnung sowie des geschichtsbewussten Dialogs sein.”

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  • Erstellt am 13.07.2021 - 15:00Uhr | Zuletzt geändert am 13.07.2021 - 18:00Uhr
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