Strukturwandel auf Bairisch

Strukturwandel auf BairischDorfen, 7. August 2021. Von Thomas Beier. Strukturwandel heißt das große Thema in den Braunkohlerevieren, auch in der Lausitz. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Unter Strukturwandel versteht wohl tatsächlich jeder etwas anderes. Sicher ist nur, dass die gut bezahlten Arbeitsplätze – davon gibt es in der Lausitz nicht allzu viele – in Tagebauen und Kraftwerken zum Auslaufmodell werden.

Abb.: Dorfen – da sind immer gescheite Leute und ein Augenzwinkern im Spiel

Foto: © BeierMedia.de

Anzeige

Der Görlitzer Anzeiger wieder mal in Dorfen

Der Görlitzer Anzeiger wieder mal in Dorfen

Von den Tonwarenfabriken & Sägewerken Josef Meindl zum Kulturviertel und neuem Stadtteil Dorfen-Orlfing, aber jetzt erst einmal ins Pajo's, wo man sein Bier am Tisch selbst zapfen kann

Foto: © BeierMedia.de

Thema: Woanders

Woanders

"Woanders" – das ist das Stichwort, wenn der Görlitzer Anzeiger auf Reisen geht und von Erlebnissen und Begegnungen "im Lande anderswo" berichtet. Vorbildliches, Beispielhaftes und Beeindruckendes erhält so auch im Regional Magazin seine Bühne.

Der Erfolg des Strukturwandels zeigt sich darin, wie jeweils vor Ort kleinere Projekte zum Erfolg geführt werden. Die Geisterstädte, wie sie infolge des wirtschaftlichen Wandels in den USA bekannt sind, gibt es in Deutschland so nicht, weil hier die Politik eingreift, wo in den USA den Prozessen oftmals freier Lauf gelassen wurde. Andererseits sind etwa im heutigen Mecklenburg-Vorpommern im Zuge der sozialistischen Zwangskollektivierung der Landwirtschaft Geisterdörfer entstanden, die man noch in den Siebzigerjahren samst herumstehender Maschinen aus der Vorkriegszeit besichtigen konnte.

Zurück in die Gegenwart: Strukturwandel bedeutet etwa in Görlitz die Transformation des früheren Waggonbauwerks 1 in ein durchorganisiertes soziolkulturelles Zentrum oder als weiteres Beispiel die Ansiedlung des CASUS Forschungsinstitutes, beide Projekte wurden im erheblichen Maße mit Fördergeldern bezuschusst. Fragen aus der Unternehmerschaft wurden inzwischen von den Entwicklungen überrollt.

Ein anderer Ansatz ist es, wenn ein langfristig denkender Unternehmer den Wandel nutzt, um Projekte, die einen hohen Gemeinnutzen erwarten lassen, anzuschieben. Die alterozentistische Denkhaltung – Gutes zu tun, damit es einem später selbst gut geht –, die dahinter steht, fehlt in der Lausitz, wo nicht Unternehmer, sondern andere Akteure wie Vereine, vermeintliche Wirtschaftsförderer und weitere Initiativen das Handeln bestimmen.

Zum Beispiel Dorfen

Ende Juni 2021 war der Görlitzer Anzeiger wieder einmal im bayerischen Dorfen, der rund 60 Kilometer nordöstlich von München gelegenen 15.000-Einwohner-Stadt, um sich hier ein Projekt des Strukturwandels anzuschauen. Klar liegt Dorfen nicht im Revier, aber Strukturwandel ist ja ein Prozess, der überall mehr oder weniger schnell und manchmal sprunghaft abläuft. Wer den Wandel verpasst, weil etwa die Kohle noch reichlich Kohle bringt, hat es eben umso schwerer.

Für Dorfen kam der Paukenschlag im Jahr 2015: Die Dorfener Ziegelei, der hinter dem Bahnhof gelegene Traditionsbetrieb Meindl, soll nach Jahren des Personalabbaus nun endgültig geschlossen werden. Die Hintergründe hat Thomas Daller aus Dorfen am 28. Dezember 2015 auf sueddeutsche.de erläutert. Am 20. Januar 2019 dann auf der gleichen Plattform ein neuer Bericht aus Dorfen, diesmal von Florian Tempel, ebenfalls aus Dorfen: Ein Dorfener Immobilienunternehmer hat das Ziegeleigelände gekauft und eine kulturelle Zwischennutzung angekündigt, bevor hier ein in einigen Jahren ein Wohngebiet entstehen soll.

Bereits am 1. August 2018 hatte Anton Renner auf merkur.de – Lesen! – über den Kauf und die Absichten des Investors berichtet, der in der künftigen "Timber Town Dorfen" eine "größtmögliche Durchmischung der Bevölkerung erreichen" und vor Ort auch eine Fabrik zur Herstellung von Wohnmodulen errichten und damit deutlich mehr Arbeitsplätze als zuletzt in der Ziegelei vorhanden schaffen will.

Da müssen wir hin!

All das macht natürlich neugierig. In der Regional Magazin Gruppe, vor allem im Görlitzer Anzeiger und im Weißwasseraner Anzeiger, wird das Thema Strukturwandel ja immer wieder aufgegriffen, quasi als Leib- und Magenthema, dem ich mich als gestandener Strategieberater immer wieder gern widme.

Ende Juni 2021 endlich konnte im Terminkalender ein ausreichendes Zeitfenster freigeschossen werden und ab ging es nach Dorfen, von wo wir im Görlitzer Anzeiger schon einmal über die Hungerbäume berichtet hatten. Mit von der Partie selbstverständlich auch Redaktionshund Rudi Rabauke als Spezialist für heiße Spuren.

Ein paar Tage vor dem Startschuss

War es Glück oder Unglück: Noch war auf dem früheren Ziegeleigelände alles geschlossen, erst mit dem Julianfang sollte der Neustart kommen. Andererseits konnte man auf diese Weise ungestört herumschleichen und mit den wenigen Leuten, die etwa an einem Kneipeneingang die Klinkerziegel liebevoll Stück für Stück abwischten, ein paar Worte wechseln.

Worum es aber eigentlich geht: Was in den oben verlinkten Pressebeiträgen aus den Jahren 2015, 2018 und 2019 angekündigt wurde, ist heute Realität. Die Zwischennutzung als Kulturviertel ist ideenreich umgesetzt und die sieben Locations – ein Restaurant mit einem Streetfood-Ableger, eine Veranstaltungshalle, ein Pop-up-Biergarten, ein Club und zwei Bars, alles hier anzusehen – verlangen einen mehrtägigen Aufenthalt, um durchzukommen (und zu überleben). Ach ja, der Escape-Room muss auch noch erwähnt werden.

Eingelöst hat Immobilienunternehmer Robert Decker, der das Gesamtprojekt ausgeheckt hat und der Investor ist, auch sein Versprechen, vor Ort Wohn- oder Raummodule zu produzieren. Seit 2019 ist Timber Homes auf dem Areal aktiv. Hier werden die Prinzipien der Serienproduktion von Autos genutzt, um hocheffizient ökologisch hochwertigen Wohnraum zu schaffen.

Was heißt das für den Wandel in der Oberlausitz?

Kurz und deutlich: Der Strukturwandel vor Ort gehört in die Hände von Unternehmern. Zwar hat Sachsen im Jahr 2020 mit einer eigenen Agentur für Strukturentwicklung, in Weißwasser/O.L. angesiedelt, das Ruder selbst in die Hand genommen, aber Sand im Getriebe und nutzlose Zahnräder gibt es noch genug. Viel zu oft wird an den Herausforderungen vorbeigeredet, vernichtend kritisiert oder Claqueuren gleich applaudiert, wo – wenn man sich etwa die Reaktionen auf das Strukturstärkungsgesetz anschaut – konstruktiv-aufbauende Kritik gefragt ist.

So langsam dämmert es vielen, dass weder Mitmach-Fonds noch Fördermittel für die Kommunen oder das Gefasel vom Ruck, der durch die Lausitz gehen wird für die mit dem Strukturwandel verbundenen Hoffnungen wirksam sind. Schon 2018 monierte Franziska Springer, Landtagsabgeordnete der Bündnisgrünen, die eingeengte Perspektive auf Wandelprozesse: "...da rede ich nicht davon, dass Strukturwandel ein plötzlich auftretendes Phänomen ist – die Region Lausitz erlebt seit den frühen 1990er Jahren einen Wandel, der weit mehr umfasst als den Kohleausstieg. Strukturwandel ist nicht nur Kohle."

Im gleichen Beitrag kommt Kathrin Kagelmann, die für die Linkspartei im Landtag sitzt, zu Wort, als sie die Auftaktveranstaltung der Zukunftswerkstatt Lausitz als eine "Ansammlung grauer Männer, die in all diesen Jahren jeglichen ernstzunehmenden Strukturwandel abgelehnt und einseitig auf überkommene Industrien wie Braunkohle gesetzt haben. Sie machen sich nun aufgrund ihrer politischen Drähte im Establishment Hoffnung auf lukrative Zugänge zu Projektgeldern auf Steuerzahlerkosten." Die Linke kann ja auch mal rechthaben, ganz davon abgesehen, dass niemand etwas dafür kann, wenn er grauhaarig und männlich ist.

Ein Gremium, der "Regionale Begleitausschuss", hat in diesem Sommer Projekte abgenickt, ohne die der Strukturwandel aus seiner Sicht wohl nicht gelingen kann: Mehr als fünf Millionen Euro gehen an den Görlitzer Tierpark, mit 85.000 Euro wurde die Görlitzer Tourismusinformation und mit 77.000 Euro die Experimentierwerkstatt eines Vereins bedacht. Durchgefallen hingegen ist das durchaus mit innovativem Anspruch versehene und wirkliche Wandelprojekt der Modernisierung der Görlitzer Straßenbahn, die noch immer mit vorsintflutlichen Tatrawagen durch die Stadt quietscht.

Wo der Hase im Pfeffer liegt

Den Wandel gestalten oder verwalten, das ist hier die Frage. Selbst dort, wo die Wirtschaft Druck macht, geht es eher um Eigeninteresse als um Regionalentwicklung, der etwa mit neuen Discounter- und Bankfilialen nicht geholfen ist.

Aber auch andere politische Akteure und solche, die es gerne in der Wirtschaft wären, sind angesichts der Wucht der Herausforderungen des Strukturwandels heillos überfordert und schwimmen auf der Problemsuppe wie Fettaugen; den Sülz resp. das Sachsenproblem habe ich das einmal in einem Kommentar genannt.

Es geht darum, in den Regionen, den Städten und den Gemeinden jene Unternehmer zu identifizieren, die mit Weitblick der Region neue Chancen eröffnen. Wie wär’s denn, den Decker, Robert, einfach mal einzuladen?

Mehr:
18 kommentierte Fotos in der Bildergalerie

Galerie Galerie
Fotos: © BeierMedia.de
Kommentare Lesermeinungen (0)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Schreiben Sie Ihre Meinung!

Name:
Email:
Betreff:
Kommentar:
 
Informieren Sie mich über andere Lesermeinungen per E-Mail
 
 
 
Weitere Artikel aus dem Ressort Weitere Artikel
  • Quelle: Thomas Beier | Fotos: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 07.08.2021 - 13:38Uhr | Zuletzt geändert am 16.08.2021 - 09:34Uhr
  • drucken Seite drucken
Anzeige