Geben die Corona-Zahlen Antwort?

Geben die Corona-Zahlen Antwort?Görlitz, 5. März 2021. Von Thomas Beier. Schon lange nervt das stereotype Herunterleiern von Corona-Infektions- und Todesfallzahlen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkmedien, die pivaten kann ich mangels Konsum – was dem Seelenheil nur zuträglich sei kann – nicht beurteilen. Hinzu kommen Diskussonsrunden und Interviews, die zwar ein Meinungsspektrum präsentieren, was aber nicht zwangsläufig einen Qualitätsanspruch mit sich bringt.

Abb.: So sieht Deutschland aus, wenn man aus dem Bundeskanzleramt rausguckt

Foto: © Görlitzer Anzeiger

Anzeige

Aussagekraft der Statistiken erhöhen

Aussagekraft der Statistiken erhöhen

Am Spreebogen in Berlin sieht die Welt manchmal anders aus als draußen in der Republik

Foto: © BeierMedia.de

Thema: Coronavirus

Coronavirus

Infektionen mit dem Coronavirus (SARS-CoV-2) verlaufen pandemisch. Lebensgefahr besteht bei einer Erkrankung an Covid-19 vor allem für Immungeschwächte und Ältere. Vielfältige Maßnahmen sollen die Ausbreitung verlangsamen, um medizinische Kapazitäten nicht zu überlasten sowie Zeit zur Entwicklung eines Medikamentes und eines Impfstoffs zu gewinnen. Im Blickpunkt stehen auch die Wirtschaft und soziale Auswirkungen.

Schaut man sich die beliebtesten Corona-Parameter wie die vielzitierte Sieben-Tages-Inzidenz an, so muss man inzwischen konstatieren: Die Aussagekraft wird immer geringer. Diese Kennzahl, welche die Anzahl der nachgewiesenen Neuinfektionen binnen der letzten sieben Tage bezogen auf 100.000 Einwohner, repräsentiert, hat im Landkreis Görlitz in den sieben Tagen diesen Verlauf genommen (Quelle: Landratsamt Görlitz):


    • 04.03.2021: 73,60
    • 03.03.2021: 67,66
    • 02.03.2021: 68,45
    • 01.03.2021: 72,81
    • 28.02.2021: 72,41
    • 27.02.2021: 69,25
    • 26.02.2021: 66,87

Oberflächlich betrachtet könnte man das als "Dahindümpeln auf relativ hohem Niveau" bezeichnen, manch einer mag auch schon den Beginn einer dritten Infektionswelle ablesen.

Basis für die Sieben-Tages-Inzidenz ist die Anzahl der täglich nachgewiesenen Neuinfektionen. Doch die Aussagekraft dieser Zahl wird immer schwächer:


    • Die Sieben-Tages-Inzidenz erfasst nicht die Dunkelziffer, also die Zahl der nicht nachgewiesenen, aber dennoch bestehenden Corona-Infektionen.

    • Die Sieben-Tages-Inzidenz berücksichtigt nicht die Zahl der vorgenommenen Corona-Tests.

Angesichts der neuen Teststrategie auf Basis verstärkt bereitgestellter Schnelltests werden über das bisherige Testen hinaus auch mehr jener Infektionen nachgewiesen, die bislang gar nicht erfasst worden wären. Das bedeutet aber, dass ein Anstieg der Infektionszahlen nicht zwangsläufig bedeutet, dass es mehr Infektionen gibt, anders gesagt: Je öfter Personen auf Corana getestet werden, die bislang unter dem Testradar lagen, um so mehr verstärkt sich der Eindruck eines um sich greifenden Infektionsgeschehens.

Dabei wäre es doch einfach, zu aussagekräftigeren Zahlen zu gelangen: Man bräuchte nur die Anzahl der täglich nachgewiesenen Neuinfektionen ins Verhältnis zur Anzahl der täglich durchgeführten Corona-Tests zu setzen. Mit 100 multipliziert ergibt sich eine Prozentzahl, mit der man etwas anfangen kann. Es ist halt ein Unterschied, ob ein Landkreis meldet "Bei 1.800 durchgeführten Corona-Tests wurden 60 Neuinfektionen nachgewiesen, das entspricht einem Anteil von 3,33 Prozent." oder etwa ""Bei 1.950 durchgeführten Corona-Tests wurden 65 Neuinfektionen nachgewiesen, das entspricht einem Anteil von 3,33 Prozent." In diesem Beispiel ist zwar die Zahl der nachgewiesenen Neuinfektionen um reichlich acht Prozent höher, allerdings wahrscheinlich zumindest anteilig nur dadurch, dass die Dunkelziffer besser eingeflossen ist.

Den Alltag an die Pandemie anpassen

Für viele Bürger und Unternehmen sind solche Zahleninterpretationen allerdings eher sekundär, sie fragen danach, wann und wie die Auswirkungen des Lockdowns in ihrem Alltag wieder zurückgenommen werden. Die Politik hat sich nun den vor allem in der Wirtschaft laut gewordenen Forderungen nach "Ausstiegsszenarien" gebeugt – und Regelungen getroffen, die zwangsläufig nicht alle glücklich machen. Davon abgesehen, dass es freilich ganz wunderbar wäre, wenn man einfach so aus einer Pandemie "aussteigen" könnte, eröffnet jede ein wenig detailliertere Regelung neue Widersprüche. Damit ist nicht das dümmliche "Wenn die Friseure aufmachen dürfen, warum dann wir nicht?" gemeint – Lockerung kann ja nicht bedeuten, alle ähnlich gelagerten Branchen zugleich zu öffnen, sondern einzelnen Bereichen – jenen, in denen das Infektionsgeschenen am überschaubarsten bleibt und in denen der Druck der Nachfrager am größten ist – die Rückkehr zu einer weitgehend normalen Geschäftstätigkeit zu ermöglichen.

Zugleich zeigt sich in den jüngsten Lockerungsplänen, wie weltfremd Politiker sein können – obgleich: Der Gedanke, Außengastronomie nur dann zuzulassen, wenn vom interessierten Gast online ein Termin vereinbart wurde, kann eigentlich nur einem Informatikerhirn entsprungen sein, das sich noch nie mehr als einen Meter vom Bildschirm entfernt hat. Außengastronomie hat viel mit Spontanität zu tun: Schönes Wetter, schau'n wir mal... Und nehmen wir mal einen kleinen Biergarten, etwa den Biergarten an der Stadthalle Görlitz: Soll die eine Wirtin, die den Laden vor Ort schmeißt, zwischen Bestellung, Zapfen, Abräumen und Abwasch jetzt noch die Online Buchungen checken, bestätigen oder in Terminverhandlungen treten? Terminvereinbarungen in der Gastronomie hätten zudem zur Folge, dass die Verweildauer festgelegt werden müsste: "Ich möchte am 8. März bei Ihnen drei Stunden lang mit meiner neuen Bekanntschaft turteln und dabei ein Bier trinken!" Das soll Gastronomen beglücken? Vor allem die Abstandsregeln und die daraus resultierenden Sitzplatzbeschränkungen sollten neben der Pflicht zur Atemwegsbedeckung bis zum Sitzplatz ausreichen, um die Infektionsgefahr in der Außengastronomie zu minimieren.

Reisetipp für Politjobber

Vielleicht sollte man Leute, die über die Geschicke eines Landes entscheiden, dazu verpflichten, alljährlich eine Woche lang – je größer der Einfluss, umso länger – zu Fuß durch das Reich ihrer Wähler zu ziehen, ohne jede Terminvereinbarung, versteht sich. Dann würden ihnen, wenn wir beispielsweise mal an die Politjobber im Berliner Regierungsviertel denken, beispielsweise auffallen, dass Gastronomie wesentlich mehr Vielfalt beinhaltet als die zweifellos ganz hervorragende Ständige Vertretung. Dass sich der Görlitzer Anzeiger hier mit seinen einflussreichen Lobbyisten und besonders gern mit seinen nicht minder einflussnehmenden, aber ganz bezaubernd charmant einnehmenden Lobbyistinnen trifft, wird in keinster Weise bestätigt. Niemand hat die Absicht, irgendetwas zu beeinflussen.

Kommentare Lesermeinungen (0)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Schreiben Sie Ihre Meinung!

Name:
Email:
Betreff:
Kommentar:
 
Informieren Sie mich über andere Lesermeinungen per E-Mail
 
 
 
Weitere Artikel aus dem Ressort Weitere Artikel
  • Quelle: Thomas Beier | Foto Innenaufnahme: © Görlitzer Anzeiger, Foto Außenaufnahme: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 05.03.2021 - 09:22Uhr | Zuletzt geändert am 10.03.2021 - 08:02Uhr
  • drucken Seite drucken
Anzeige