Oberbürgermeisterkandidatin für Görlitz

Oberbürgermeisterkandidatin für GörlitzGörlitz, 19. September 2018. Von Thomas Beier. Interviewtermin mit Franziska Schubert, unterstützt als Oberbürgermeisterkandidatin für Görlitz von den Vereinen Bürger für Görlitz, Motor Görlitz und selbstverständlich den Bündnisgrünen, denen sie angehört. Interview? Daraus wurde nichts, aber es ergab sich ein hochinteressantes Gespräch.
Abbildung: Die Oberbürgermeisterkandidatin Franziska Schubert will das von historischen Gebäuden geprägte Görlitz mit zeitgemäßer Lebensqualität für die Bürger verbinden

An erster Stelle steht das Gemeinwohl

An erster Stelle steht das Gemeinwohl

Nein, Demiani nicht vom Sockel stürzen, aber einer zufällig vorbeikommenden Touristengruppe erläutert die OB-Kandidatin ihre Bewunderung für dessen entschlossenes Handeln in schwieriger Zeit

Thema: Oberbürgermeisterwahl Görlitz

Oberbürgermeisterwahl Görlitz

Am 26. Mai 2019 wird in Görlitz im ersten Wahlgang über einen neuen Oberbürgermeister resp. eine neue Oberbürgermeisterin abgestimmt. Amtsinhaber Siegfried Deinege tritt nicht noch einmal an.

Treffpunkt war zwischen Theater und Kaisertrutz, an der Herde von Piotr Wesolowski, Überbleibsel der Ausstellung "Görlitzer Art", ein guter Ort zwischen Görlitzer Geschichtslastigkeit und Görlitzer Moderne. Auf die Sekunde genau erscheint Franziska Schubert, Kandidatin für die Rathausspitze, den Posten des Oberbürgermeisters, der zum zweiten Mal in der Geschichte der Neißestadt von einer Frau, mithin einer Oberbürgermeisterin, besetzt werden könnte.

Das klassische Frage-Antwort-Spiel, das Abhaken der Standardthemen von Bürgerbeteiligung bis Sicherheit war nicht nötig, diese Frau redet Klartext darüber, was der Stadtgesellschaft und auch ihr unter den Nägeln brennt, inklusive Hintergrundwissen aus Kreis- und Landtag. Das Gespräch entwickelte sich zum Austausch über Strategien und Prioritäten zur Stadtentwicklung und – Voilà! – die Frau weiß, wovon sie redet. Sie kennt sich nämlich aus in Wirtschafts- und Sozialgeographie sowie Soziologie, hier besonders in der Regionalentwicklung in grenznahen Räumen. Nicht etwa aus Kirchturmsicht, sondern studiert in Osnabrück (wer die Stadt kennt: harte Schule) und Budapest, anschließend gestählt von der praktischen Arbeit in der Oberlausitz. Hier bringt sie sich ein, so als Vorsitzende des Lebens(t)räume e.V. und Schatzmeisterin des Gründerzeiten e.V. – beides Vereine, die "was bewegen", zum Beispiel in der HeLiKo. Zu den ersten Ansprechpartnern gehört die Macherin auch beim Bündnis Zukunft Oberlausitz.

Schubert, eine moderne Frau, die das Engagement für junge Leute (Tipp: RABRYKA, 20. September, 14 Uhr: Mit Jugend(sub)kultur das Gemeinwesen gestalten) mit dem für die Junggebliebenen (den vorbelasteten "Senioren"-Begriff mag sie nicht) unter einen Hut bringt: Warum soll sich nicht jeder mit seinen Fähigkeiten, auch generationsübergreifend, einbringen? Sich einzubringen ist überhaupt ein gutes Stichwort für die Kandidatin: Sie möchte die Bürgerbeteiligung weiter ausbauen, die Bürgerräte in den einzelnen Beteiligungsgebieten noch handlungsfähiger machen. Wichtig ist ihr stets das direkte Gespräch, das sie mit den Bürgern wie auch in der Mitarbeiterführung bevorzugt: Keine Methoden aufdrücken, sondern miteinander reden und gemeinsam besser werden.

Schubert hat das Potenzial, eingespielte Institutionen, Zuständigkeiten und Abläufe neu zu bewerten, zu optimieren und wirksame Prioritäten zu setzen. Sie kann sich vorstellen, die schlagkräftige Görlitzer Wirtschaftsförderung, deren Arbeit sie ausdrücklich lobt, noch wirkungsvoller zu machen, ihre Entwicklungsideen für Görlitz, die auch den polnischen Teil der Europastadt einbeziehen, setzen darauf, die lokalen Stärken zu nutzen und auszubauen. Während sie ihre Vorstellungen erläutert, muss ich an die ehrenamtliche Greater Greater Washington Initiative denken, die eine Anregung für den Motor Görlitz e.V. sein könnte.

Görlitz kann noch attraktiver für Zuzug werden, meint Schubert, und hat ganz konkrete Zielgruppen im Blick. Um jedoch im demografischen Wandel, für dessen Gestaltung sie sich seit Jahren engagiert, Görlitz zu einem Mekka nicht nur für Pensionäre zu machen, müssen Kultur und Lebensart in der Stadt so weiter vorangebracht werden, dass sich wie in der Jakobstraße, im Kühlhaus Weinhübel oder in der RABRYKA junge Szenen angezogen fühlen. Dabei weiß die Kandidatin sehr wohl, dass Veränderung, Entwicklung und Verbesserungen fast immer Geld kosten, da könnte man es schon einen Glücksumstand nennen, dass sie als finanzpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion in der Finanzpolitik mehr als zu Hause ist. Entsprechend gibt es bei ihr Überlegungen, für Görlitz mehr Entscheidungsfreiheit zu erreichen.

Überhaupt hat diese Frau die ausgeprägte Fähigkeit, Komplexität zu erfassen und systemisch zu denken. Wie in einem dreidimensionalen Puzzle vernetzt sie, was in der Stadt die Lebensqualität insgesamt ausmacht und weitet ihren Blickwinkel bis auf die Bundesebene, wenn sie beispielsweise Rentenpunkte für ehrenamtliches Engagement gutheißt. Für die Görlitzer wünscht sie sich ein kreatives Rathaus, eine ermöglichende Verwaltung. Schubert spricht in wohltuend klaren Worten, ganz ohne "Parteisprech", über Ihre Motive und Ihre Handlungsansätze. Basis ist ihr christliches Selbstverständnis. Sie teilt nicht gegen politische Gegner aus, sondern sucht die gemeinsamen Interessen, gern im direkten Gespräch.

Und man kann mit Franziska Schubert herrlich über Ideen fabulieren, ohne in Spinnereien abzugleiten, rund um die Hochschule, um die Filmstadt, um den Status von Görlitz, über Ehrenamt und Unternehmertum, über die vernetzte Stadt und wie Görlitz die Digitalisierung proaktiv gestalten kann. Nach dem langen Gespräch unter den Laubengängen des Untermarkts hat sich in mir der Eindruck einer reifen Persönlichkeit verfestigt. Persönliche Reife kann man nicht lernen, sie wird schon in jungen Jahren geprägt. Reife Menschen sind in der Lage, Widersprüche zuzulassen, auch andere Standpunkte zu verstehen, Zusammenhänge und Folgen zu erkennen, ausgleichend-konsensorientiert zu wirken und strategisch zu handeln im Wissen, dass Fortschritt aus unendlicher Detailarbeit vieler Mitwirkender entsteht. Wenn solche Persönlichkeiten zur Wahl stehen ist das ein Grund mehr, seine Stimme abzugeben.

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Kommentare Lesermeinungen (1)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Franziska Schubert - Oberbürgermeisterkandidatin für Görlitz

Von Christine Schiefer am 19.10.2018 - 18:10Uhr
Dieses Interview müssen unbedingt viele Görlitzer lesen!

So habe ich Frau Schubert bei den Wahlveranstaltungen der Bürger für Görlitz kennengelernt. Alles, was sie sagt, hat Hand und Fuß. Eine erstaunliche Frau, die für Görlitz ein Hoffnungsschimmer ist.

Ich wünsche ihr in ihrem Wahlkampf viel Erfolg!

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  • Quelle: Thomas Beier | Fotos: © Görlitzer Anzeiger
  • Zuletzt geändert am 18.09.2018 - 22:08 Uhr
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