Zum Tag der Deutschen Einheit geht ein Riss durch Görlitz

Görlitz, 15. September 2015. Update vom 17. September 2015: Veranstaltungsort geändert. Von Thomas Beier. Überfremdung? Der Terminus ist doch schon mal im Dritten Reich hochgekocht worden, als Vorgedanke rassistischer Ideologie, die letztlich zur Shoa, zur "Endlösung der Judenfrage" führte. Im Internet formiert sich aktuell eine Gruppe, um am 3. Oktober 2015 gegen eine "Überfremdung" in Görlitz zu demonstrieren. Ob die wissen, dass die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) das Wort "Überfremdung" schon 1993 zum deutschen Unwort des Jahres gewählt hatte? Ein Bündnis ruft zur Gegendemonstration.

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Zwei Demonstrationen polarisieren

Thema: Asyl in Görlitz und Umgebung

Asyl in Görlitz und Umgebung

Flüchtlinge aufzunehmen gebietet nicht nur das Grundgesetz, sondern muss gerade für Deutsche, von denen viele im Zuge des Zweiten Weltkriegs Flucht und Vertreibung selbst erlebten, eine Selbstverständlichkeit sein. Dennoch: Unproblematisch ist das Zusammenleben mit jenen, die Asyl begehren, nicht immer. Doch wer will unterscheiden zwischen "guter Flüchtling" und "schlechter Flüchtling"? Im Zweifel für den Angeklagten, dieser Rechtsgrundsatz muss auch gegenüber dem einzelnen Flüchtling gelten.

Erstaunlich ist, wie viele Menschen sich manipulieren lassen und somit wie die Neandertaler Angst vor anderen Kulturen, Religionen oder einfach nur anders aussehenden Menschen entwickeln. Unbewiesene Behauptungen und Einzelfälle werden verallgemeinert und scheinbar intelligente Leute vergessen, dass es um Menschen und damit unumstößliche Grundwerte geht. Ob man das nun christliche Nächstenliebe, Solidarität oder Menschlichkeit nennt, ist doch völlig gleich.

"Jeder Mensch hat das Recht auf das bisschen Leben!", hatte Monik Mlynarski, der bis heute nicht versteht, dass das Kulturvolk der Deutschen die Verbrechen der Nazis mit angesehen und nicht reagiert hat, bei der Einweihung der "Stelen der Erinnerung" auf dem Jüdischen Friedhof in Görlitz gesagt. Und man möchte ergänzen: In Frieden, mit einem bissel Glücklichsein.

Wer heute gegen "Überfremdung" demonstriert, muss sich schon wegen des Gebrauchs dieses Wortes in die Nazi-Ecke stellen lassen. Wollen wir doch froh sein über jeden Ausländer, der uns mit solchen Leuten, die aus deutscher Geschichte offenbar nichts gelernt haben, nicht alleine lässt. Deutschland hat immer profitiert, wenn es Ausländer aufgenommen und nationale Eitelkeiten hinter sich gelassen hat. Dass das ohne Herausforderungen und Probleme geht - das erwartet doch nicht wirklich irgend jemand?

Platte Parolen wie dem Ruf nach Grenzsicherung und nach dem Stopp von Gewalt, Terror und Kriegen scheinen vielen Menschen einleuchtend - ja, aber schaut, mit wem Ihr da demonstriert und gegen wen Ihr demonstriert! Wer auf Deutschland stolz sein will dann bitte darauf, dass es für viele Menschen ein erstrebenswerter Ort zum Leben ist, rechtssicher, soziale Sicherheit und Chancen für jeden bietend.

Gegen den national-dumpfen Aufmarsch ruft in Görlitz ein Bündnis aus Piratenpartei, SPD, Linkspartei, Bündnis90/Die Grünen, Willkommensbündnis Görlitz, Second Attempt e.V. und Linksjugend unter dem Motto Görlitz ist weltoffen zur Demonstration auf dem Wilhelmsplatz (geändert: nicht Elisabethstraße) auf. Hier ist man entsetzt über Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte, über Drohungen gegenüber Helfern, über die scheinbare Normalität des Sterbens im Mittelmeer.

Man kann über vieles diskutieren: Ob Görlitz wirklich weltoffen ist. Ob ein Willkommensbündnis nicht doch lieber Flüchtlingshilfsverein heißen sollte, um falsche Signale und Hoffnungen zu vermeiden. Und über all die Probleme, die mit den Flüchtlingsströmen entstehen. Darüber, wie rigide ein Staat agieren sollte. Wie es zur Katastrophe in Syrien und im Irak kommen konnte.

Aber über eins kann man nicht diskutieren: zu helfen, wo Hilfe nötig und möglich ist.

Kommentare Lesermeinungen (6)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Deutschunterricht...

Von Seensüchtiger am 25.09.2015 - 12:26Uhr
...als Demonstrantenpflicht. Damit ist es dann getan?

Zu Johannas Beitrag "Demonstration für Weltoffenheit?"

Von Jürgen Hoppmann am 24.09.2015 - 20:05Uhr
Johanna bringt es genau auf den Punkt. Mit irgendwelchen Facebook-Likes oder Demo-Gejohle ist es nicht getan.

Ich persönlich werde am 3. Oktober zur Veranstaltung gehen, um zu schauen, ob und wie ich über eine Organisation einem Flüchtling, der es auch wirklich will, mit Deutschunterricht helfen kann. Damit tue ich zugleich etwas für die Integration. Mal sehen, ob auf dem Wilhelmsplatz neben irgenwelchen Absichtserklärern, die sicher zuhauf ihre Fähnchen schwingen werden, auch Leute da sind, die diesbezüglich konkrete Ansprechpartner sind.

Mich hat es bei der Hirschwinkel-Sache sehr aufgestoßen, dass ausgerechnet Studenten, die hier Kulturmanagement und Sozialwesen studieren, gegen den Plan, Asylanten einzuquartieren, lamentierten. Dabei hätten doch genau diese jungen Leute das als Chance begreifen und ein Projekt zur Integration von Flüchtlingen auf die Beine stellen können. Ganz konkret hätte die doch gemeinsam mit Flüchtlingen zusammenleben und daraus eine Uni-Praxisprojekt machen können.

"Asyl hat keine Obergrenze"

Von Seensüchtiger am 22.09.2015 - 14:35Uhr
"Man kann über vieles diskutieren: ..."

Warum tun wir es dann nicht? Politisch Verfolgte genießen Asylrecht. Allgemeine Notsituationen wie Armut, Bürgerkriege oder Perspektivlosigkeit sind als Gründe für eine Asylgewährung grundsätzlich ausgeschlossen.

Dagegen kann sich ein Flüchtling in Deutschland auf den Schutz vor Verfolgung auch außerhalb des Asylrechts berufen, wenn er bedroht ist.

a) Wie viele Menschen sind weltweit von politischer Verfolgung und Bedrohung betroffen?
b) Wie viele davon sollte unser Land jährlich aufnehmen?
c) Wie wollen wir den anderen helfen, die es nicht schaffen, aus ihrem Land zu flüchten?

Kann man nun darüber diskutieren?

Demonstration für Weltoffenheit?

Von Johanna am 19.09.2015 - 13:13Uhr
Schöner wäre es, wenn sich jeder Demonstrant eine syrische Familie oder wenigstens ein syrisches Schulkind auswählen würde, um mit ihnen deutsch zu lernen!

Änderung und stetiges Wachstum wider Monokultur

Von LunaSol am 17.09.2015 - 15:43Uhr
Die Veranstaltung ist am 3. Oktober 2015 um 17 Uhr ist dem Willhelmsplatz (nicht Elisabethplatz). Bündnispartner kommen stetig hinzu, hier z.B. jüngst das A-Team, der Studierendenklub Maus, aber auch die Kirchen.

Auch CDU Mitglieder sagten uns bereits zu , bei "Görlitz weltoffen" dabei zu sein.

Riss durch Görlitz

Von Prof. Dr. Joachim Schulze am 16.09.2015 - 09:19Uhr
Lieber Herr Beier, die klare Position, die Sie mit Ihrem Beitrag beziehen, ist angebracht und freut mich sehr.

Schaut man mal in einschlägige Facebook-Gruppen, so kann man nur erschrocken sein über die Haltung, die einige GörlitzerInnen zu Flüchtlingen, Menschen muslimischen Glaubens, und denen gegenüber, die sie verächtlicht als "Gutmenschen", "Zecken" und Schlimmeres mehr bezeichnen, vertreten. Da schaut man in Abgründe und fragt sich, was dazu geführt hat - zu diesem Mix aus Hass, schlichter Weltsicht und Verschwörungstheorien...

Um mich abgewandelt einer bemerkenswerten Äußerung unserer Kanzlerin anzuschließen: wenn dieser Abgrund in Görlitz mehr als nur eine Minderheit der Einwohner in Görlitz umfassen sollte - dann wäre das nicht mehr "meine" Stadt. Ich bin aber überzeugt davon, dass das demokratische, weltoffene, verfassungstreue und humanistisch denkende und handelnde Görlitz klare Kante zeigen wird.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: steinchen / Gaby Stein, pixabay, Lizenz CC0 Public Domain
  • Erstellt am 15.09.2015 - 16:57Uhr | Zuletzt geändert am 13.10.2015 - 10:05Uhr
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