Die Fakten der Vergänglichkeit

Görlitz-Zgorzelec. Nach zwölftägiger Dauer schloss die Internationale Videokunstausstellung „Die Vergänglichkeit des Schönen“ am gestrigen Sonntag ihre Pforten. 14 Videokünstler und -Künstlergruppen aus neun Ländern (Deutschland, Großbritannien, Italien, Mexiko, Polen, Portugal, Russland, der Schweiz und Uruguay) hatten in einem Ambiente phantasievoller Installationen ihre teils nachdenklichen, teils skurrilen und schrillen Arbeiten gezeigt.

Die Hintergründe zur Görlitzer Videokunstausstellung

Thema: Ausstellungen in Görlitz und Umgebung

Ausstellungen in Görlitz und Umgebung

Görlitz verfügt nicht nur über fast 4.000 Baudenkmale, sondern ist eine Stadt der Museen und Ausstellungen. Hier befinden sich beispielsweise das Kulturhistorische Museum, das Schlesische Museum zu Görlitz, das Museum der Fotografie und das Senckenberg Museum für Naturkunde, im polnischen Teil der Europastadt das Lausitz-Museum. Darüber hinaus gibt es häufig Sonderausstellungen an anderen Orten, auch im Umland der Stadt.

Mit fast 1.700 Besuchern (gezählt wurden 1.680) erreichte die Show einen Görlitzer Besucherrekord. Zum Vergleich: Zu der Ausstellung „Zum Maler geboren - Franz Gareis“ Anfang 2004 kamen 955 Besucher ins Barockhaus, und 2.718 Besucher sahen in viereinhalb Monaten die Ausstellung „Das Lausitzer Jerusalem - 500 Jahre Heiliges Grab“.

Die Ausstellung wurde veranstaltet von der Geschäftsstelle Kulturhauptstadt Europas 2010 in Kooperation mit dem Domus Artium Salamanca, das die Hälfte der gezeigten Videos zur Verfügung stellte. Kuratiert von dem Leipziger Kunstwissenschaftler Christian Edward Gracza und dem Medienkünstler Héctor Solari aus Montevideo, Art Director des KHS2010-Büros, bot die Ausstellung einen instruktiven Überblick über die Trends dieser neuen Kunstgattung, die im internationalen Kunstleben einen immer größeren Raum einnimmt. Für Görlitz war es die erste Videokunstausstellung, und die meisten Videos bildeten zugleich deutsche Erstaufführungen.

Unter dem Motto der Vergänglichkeit vereinigten sich unterschiedliche Handschriften und künstlerische Ideen. Bogna Burska aus Warschau variierte in „Małgorzata“ den Gretchen-Mythos aus Goethes „Faust“, sozialkritisch orientiert war die Videoarbeit „Asylum“ des Münchner Julian Rosefeldt. Catarina Campino (Lissabon) baute ihr Opern-Video als Bühne in einen tatsächlichen Flügel. Zum wiederholten Male beeindruckten Frantićek Klossner (Bern) und Héctor Solari mit ihren Arbeiten in Görlitz, erster mit „Melting Selves“, einem Spiel mit schmelzenden Eis-Porträts, letzterer mit „último_vuelo“, einem verstörenden Video gegen Krieg und Gewalt.

Das meiste Aufsehen erregte das Projekt „König des Waldes“ der Moskauer Künstlergruppe A.E.S+F, weil die Verwendung eines Videostills aus dieser Arbeit für das Ausstellungsplakat in Görlitz eine Protestwelle ausgelöst hatte. Anlass bildete die Darstellung zweier Ballett-Eleven in einem barocken Prunksaal, welche vereinzelt als anstößig bezeichnet wurde, so dass sich die Ausstellungsleitung gezwungen sah, das Plakatmotiv, welches auch in Salamanca, London und New York gezeigt worden war, zu überkleben. Eine Umfrage unter 100 Besuchern an den letzten vier Ausstellungstagen bestätigte die Kritik jedoch nicht. Über 90 Prozent der Befragten reagierten verständnislos auf die Klebe-Aktion und befürworteten die Auswahl des Motivs.

Eine Attraktion der Ausstellung war der Ausstellungsort - die an sich geschlossene Stadthalle, die für diesen Zweck kurzzeitig geöffnet wurde. Für das kunstliebende Publikum in der Europastadt ist sie, wie die Besucherzahlen zeigen, eine erstrangige Adresse. Die Veranstalter überwiesen einen Teil des Ertrages aus dem Verkauf von Merchandising-Artikeln und Eintrittskarten vom 2. Juli in Höhe von 114,50 Euro an den Förderverein Stadthalle - ein symbolisches Plädoyer für die baldige Rekonstruktion des populären Hauses.

Die Videokunstausstellung war die lange geplante vorletzte Aktion des sich in Abwicklung befindlichen Kulturhauptstadt2010-Büros in Görlitz. Vom 15. bis 17. September 2006 folgt noch ein Festival „Forgotten Music - Vergessene Musik - Muzyka Zapomiana“, das den von den Diktaturen des 20. Jahrhunderts verfolgten, vertriebenen und ermordeten Künstlern gewidmet sein wird.

Kommentar:

Görlitz ist ja in vielerlei Beziehung noch recht jungfräulich und so ist es schon eine feine Sache, wenn eine Videokunstausstellung stattfindet und vergleichsweise auch noch recht gut, genauer gesagt sehr gut, angenommen wird.
Etwas fixer allerdings war die in privater Regie geführte "Kunst-und-Medien-Halle" in Holtendorf, die schon im Jahr 2004 Videokunst-Installationen in den ländlichen Raum brachte (http://kd21.de/index.php?article=23). Klar, nicht so groß, nicht so bedeutsam. Dennoch: Vorsorglich aufpassen, dass bei aller Internationalität die lokalen Potenziale mitgenommen werden. Videokunst ist wie Musik auch ein Jugendthema.

Auf jeden Fall hat es Görlitz für die Zukunft verdient, dass solche Ereignisse auch überregional noch viel stärker ausstrahlen. Das Festival "Vergessene Musik" ist die nächste Gelegenheit, als Kulturstadt überregional mit etwas Neuem zu punkten. Nur nicht nachlassen!

Thomas Beier

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  • Quelle: /KHS2010 /Kai Grebasch /Kommentar: Thomas Beier
  • Zuletzt geändert am 03.07.2006 - 22:50 Uhr
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