Die Perfektion des schlechten Gewissens

Die Perfektion des schlechten GewissensGörlitz, 17. März 2021. Von Thomas Beier. Ein i ohne Punkt ist kein richtiges i und eine Synagoge ohne Davidstern keine richtige Synagoge, mögen sich die Görlitzer Stadtväter und -mütter gedacht haben, als sie am 25. Februar 2021 beschlossen, Oberbürgermeister Octavian Ursu solle doch 70.000 Euro in Form sogenannter Drittmittel auftreiben, damit die als Kulturforum wiedererstandene Neue Synagoge von 1911 einen Davidstern auf ihrer Kuppelspitze erhält. Aber das unter den Nationalsozialisten geschändete und dann von den nächsten Sozialisten dem Verfall preisgegebene Gebäude ist schon lange keine Synagoge mehr: Der letzte Gottesdienst wurde hier im September 1940 gefeiert.

Abb. oben: Spuren im Antlitz des Innenraums der Neuen Synagoge Görlitz im Jahr 2009...

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Hier stolpert niemand

Hier stolpert niemand

... und nach dem perfekten MakeUp im Jahr 2017.

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Thema: Jüdisch

Jüdisch

Juden hatten und haben einen großartigen Anteil an der Entwicklung Deutschlands in Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft. Leben ist undenkbar ohne die Erinnerung an die Zeit, als es in Deutschland ausreichte, Jude zu sein, um verhaftet, deportiert und umgebracht zu werden, wenn man nicht rechtzeitig geflohen war.

Für die Wiedererrichtung des Davidsterns sind alle: Stadtrat, Stadtverwaltung, der Förderkreis Görlitzer Synagoge e.V. und inzwischen auch die Jüdische Gemeinde Dresden, die noch vor wenigen Jahren dagegen war. Sogar die Stadträte einer Partei, aus deren Reihen das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte als Vogelexkrement verharmlost wurde, wollen "ihren kleinen finanziellen Teil" beitragen. Dazu äußerte sich Oberbürgermeister Ursu diplomatisch, aber deutlich: "Im Hinblick auf die herausragende historische Bedeutung des Kulturforums Görlitzer Synagoge ist seitens der AfD-Stadtratsfraktion mehr Zurückhaltung und Fingerspitzengefühl geboten. Spenden von Parteien oder politischen Organisationen halte ich persönlich an dieser Stelle für nicht angebracht."

Dabei hätte die AfD-Spende doch so gut dazu gepasst, wie die Görlitzer geradezu fanatisch die Spuren der antijüdischen Besessenheit, die auch von den Bewohnern der Neißestadt im November 1938 an den Tag gelegt wurde und sich am jüdischen Gotteshaus ausließ, mit einer perfekten Restaurierung des Gebäudes auszulöschen suchen. Zur Erinnerung: Zur Reichspogromnacht wurde auch die Synagoge zu Görlitz verwüstet und in Brand gesteckt, doch – eine Anomalie der Geschichte – die Feuerwehr löschte. Am nächsten Tag wurde der Davidstern vom Dach geholt und zertrümmert, die Ortspresse freute sich, wie man bei Deutschlandfunk Kultur nachlesen kann. Und das soll nun im denkmalpflegerischen Sinne wieder heil gemacht werden?

Ja, an einem Gebäude geht das, mit Menschen nicht. Schon im Jahr der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten war die Zahl der in Görlitz lebenden Juden auf 376 zurückgegangen gegenüber 567 im Jahr 1925, wie Klaus-Dieter Alicke auflistet. Im Oktober 1938 leben in Görlitz noch 207 Juden, heute kann man ihre Zahl an den Fingern abzählen. Das ist wahrlich seltsam: Für die denkmalpflegerische Runderneuerung des Synagogenbaus, mit dem die Spuren der Pogromnacht und des darin entladenen Judenhasses verwischt werden, scheint kein Aufwand zu gering. Eine auch in der früheren Synagoge gezeigte Wanderausstellung "SYNAGOGE. JUDEN IN GÖRLITZ" zeigte im Jahr 2010 auf seelenlosen Schautafeln Fakten, die Webseite des Förderkreises Görlitzer Synagoge erwähnt Vertreibung, Deportation und den Völkermord an den Juden bei der Beschreibung der von der Ausstellung beleuchteten Zeitspanne in einem Halbsatz als "Ende der jüdischen Gemeinde in der Zeit des Nationalsozialismus".

Ebenfalls nur einen Halbsatz war der Görlitzer Tagespresse die Ausstellung "Jüdische Spurensuche" des Künstlers Jörg Beier wert, die vom 12. November bis zum 12. Dezember 2010 in der Neuen Synagoge gezeigt werden sollte, wegen des Winterwetters, das einen Abtransport nicht zuließ, aber bis zum 20. Januar bleiben durfte. An den allermeisten Ausstellungstagen allerdings blieb die Synagoge verschlossen, nicht einmal zu einem Hinweiszettel auf die Ausstellung an der Eingangstür reichte es. So blieben die Zeugnisse, die Beier zusammengetragen hat, nur wenigen zugänglich. Gezeigt wurde, meist in Koffern, aufgehängt an einem Zaun, nicht nur jüdisches Leben und jüdisches Leid, sondern auch die Täter als liebende Familienväter – und auch Dokumente über die internationale Ablehnung der Juden, die man teils nach Nazideutschland in den Tod zurückgeschickte. "Mit einem Koffer gingen die Menschen auf die Flucht, bestiegen sie das rettende Schiff, mit einem Koffer gingen sie ins Lager", sagte Beier damals zu seinem berührenden Ausstellungskomzept.

Matthias Zwarg schrieb zur Ausstellung: "Ein zerknitterter Pass, ein Billett für eine Schiffspassage, eine Armbinde mit den sechszackigen Stern, Fotos von Frauen, die Männer an sich drücken, Männer in Uniform, eine Akte, die lapidar vermerkt: "Haftgrund: Jude" ... vergilbte Zettel, Fotos, Zeitungsausschnitte, Erinnerungsstücke hat Jörg Beier über viele Jahre gesammelt. Er zeigt sie zum ersten Mal öffentlich, und sie beginnen zu sprechen – über ein Jahrhundert der Kriege, der Fluchten, über die Banalität des Bösen und des Guten, über die Bürokratie des Verbrechens und über die Utopie, die aus der Katastrophe wachsen kann; darüber, wie die große Welt sich in der kleinen spiegelt, und wie die kleine Welt die große erst zu dem macht, was sie ist. Ein Bilderbuch, ganz persönlich, ganz von dieser Welt."

Und das ist der Punkt: Auch die kleine Görlitzer Welt ist nicht nur ein Spiegel der großen Welt, sondern formt diese mit. In Görlitz erinnern auf dem Jüdischen Friedhof die "Stelen der Erinnerung" an die Opfer des fast benachbarten Konzentrationslagers Biesnitzer Grund. Und die Juden, die aus der Stadt verschwanden, deportiert oder geflüchtet? An die erinnern ein paar Stolpersteine, über die niemand stolpert. Aber vielleicht hat es sich HaSchem nicht nehmen lassen, den peniblen Görlitzer Synagogenrestaurierern – warum soll ausgerechnet er keinen jüdischen Witz haben – das Höchsterrungene zu verweigern: Durch den vor vier Jahren eingebauten Terazzoboden zieht sich ein hauchfeiner Riss in Richtung Thoraschrein. Das ist nicht schlimm, denn auch hier stolpert niemand – und wenn es sein Wille ist, dann ist es auch gut so.

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  • Quelle: Thomas Beier | Fotos: © Görlitzer Anzeiger, © BeierMedia.de
  • Erstellt am 17.03.2021 - 15:10Uhr | Zuletzt geändert am 19.03.2021 - 15:51Uhr
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