Von Russenfreunden und Bier

Von Russenfreunden und BierGörlitz, 11. Juli 2022. Von Thomas Beier. "Putinversteher", dieser als Schimpfwort gemeinte Ausdruck geht manchem heutzutage schnell über die Lippen. Doch das ist falsch: Zu verstehen, weshalb sich jemand wie verhält, das bedeutet nicht im Geringsten, Verständnis für dieses Verhalten zu haben. Das will erklärt sein.

Abb. Auf dem Roten Platz in Moskau mit Kreml-Mauer und Lenin-Mausoleum

Foto: Анна Иларионова, Pixabay License

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Motive sind die Quelle von Handlungen

Ohne jeden Zweifel ist der Einmarsch der Russischen Armee in die Ukraine und ihre bestialische Kriegsführung dort zu verurteilen – und es besteht kein Zweifel daran, wer verantwortlich dafür ist: der russische Präsident Wladimir Putin.

Sachsen wollte seine Wirtschaft schon 2009 an Putins Macht, damals als russischer Ministerpräsident, laben lassen; dass er sich zum Kriegsherrn entwickeln würde, war damals noch nicht zu ahnen. Heute hat Putin eine gewaltige Machtfülle.und übt diese ohne Kontrollinstanz aus. Selbst der Langzeit-Machthaber der Sowjetunion Leonid Breschnew unterlag der Kontrolle durch das Zentralkomitee der KPdSU und des Politbüros. Putin kennt ein solches Regulativ, dem er sich beugen müsste, hingegen nicht. Will man Putins Verhalten verstehen – noch einmal: nicht Verständnis dafür entwickeln –, dann muss man nach seinen Motiven fragen, denn ohne Motive dafür gibt es kein Verhalten im Sinne von konkreten Handlungen.

Doch Motive können nicht dafür herhalten, jegliches Verhalten zu erlauben. Temperament und Charakter sind weitere Einflussfaktoren, kurz gesagt: Die Moral setzt dem Verhalten und konkreten Handlungen klare Grenzen: Man zettelt keinen Krieg an, man schießt nicht auf Wehrlose.

Russenfreundliche Ossis?

Immer wieder wird "den Ostdeutschen" vorgeworfen, sie seien russenfreundlich. Das musste sich auch der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer gefallen lassen. Kretschmer setzt darauf, den Gesprächsfaden zu Russland und zu Putin nicht abreißen zu lassen, aus gutem Grund: Deutschland wird Russland nicht auf Dauer ausblenden können. Das nennt man Realpolitik.

Wie naiv erscheinen da doch eine eine Außenministerin, die bockig von einem "Sieg der Ukraine" schwafelt und vermutlich nicht weiß, dass die russische Panzerproduktion hochgefahren werden kann und Truppen auch hinter dem Ural bereitstehen? Wie naiv ist der Vorschlag aus anderer Quelle, Unternehmen mögen mit Notstromaggregaten Erdgas ersetzen? Da muss man in seiner Weltsicht aus Büroperspektive schon sehr festgefahren sein. Und wer nach "schweren Waffen ruft", sollte sie am besten gleich selbst in die Ukraine fahren.

Wie so oft hilft ein Blick in die Geschichte. Mitte der 1960er Jahre setzte politisches Tauwetter insbesondere zwischen Frankreich und der Sowjetunion ein. Auf kulturellem Gebiet spielte der als "Monsieur 100.000 Volt" bekannte Chansonnier Gilbert Bécaud, der mit "Nathalie" – womöglich Stadtführerin während seines Aufenthaltes in Moskau – Sympathien vor und hinter dem Eisernen Vorhang erweckte, besonders auch in der "DDR".

In der Sowjetischen Besatzungszone entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte ein widersprüchliches Bild der Sowjetunion, sarkastisch "die Freunde" genannt. Typisch waren etwa das Mitleid mit den geschundenen Sowjetsoldaten, die Anerkennung für kulturelle Leistungen – repräsentiert etwa durch das Alexandrow-Ensemble, Filmemacher wie Andrej Tarkowski oder den Sänger Wladimir Wissotzki – und der Glaube an punktuelle sowjetische Spitzenleistungen, untermauert etwa durch die Erfolge in der Raumfahrt. "Russentechnik" war ein feststehender Begriff für simple, aber massive Konstruktionen. Vieles wurde mit Humor getragen, wie die Bezeichnungen für Autos der Marke Saporoshez als "Stalins letzte Rache" oder in Anlehnung an den Weltkriegspanzer "T34 Sport" zeigten.

Im Reagan’schen "Reich des Bösen"

Wer sich in den 1980er Jahren außerhalb von touristischen Programmen etwa in Moskau relativ frei bewegen konnte, erlebte das Sowjetsystem, wie es das Leben der Menschen weitgehend regulierte. Viele Orte konnten auch die Moskauer selbst nur mit einem "Propusk", dem traditionellen russischen Passierschein, aufsuchen. Nach dem Fotografieren einer Fabrik jagte mich der Pförtner als "Spik", also Spion. Vielleicht war das der Grund, weshalb ein Teil meiner Fotofilme bei der Ausreise aus der Filmpatrone gezogen und belichtet wurden.

Die andere Seite: Wir hatten das Glück, auf der Straße eine Gruppe junger Leute kennenzulernen, die uns an ihrem Leben teilhaben ließen: Besuch in einer Diskothek, in den Wohnungen bei den Familien. Wir erfuhren, dass es eine Art Lebensversicherung für die Söhne war, wenn sie ihren Wehrdienst in der "DDR" ableisten mussten. Es wurde aufgetischt, was beschaffbar war, selbstverständlich gab es ein traditionelles Fischessen samst Wodka und Bier. Das Bier wurde übrigens aus Bierautomaten gezapft, die auf den Straßen herumstanden. Daran hingen ordentliche Humpen aus Glas, die man zum Auswaschen auf einen Teller mit Wasserdüsen drücken konnte. Für ein paar Kopeken wurden die Gläser dann gefüllt und das Bier war recht gut.

Die geleerten Gläser wurden wieder ausgespült und hingehängt, Pfand gab es nicht, es war halt eine Vorstufe des Kommunismus. Wir jedenfalls füllten das Bier in Milchkannen um, in der Wohnung wurde das Majak-Tonbandgerät angeschmissen, der Tisch mit Zeitungspapier belegt, darauf der Fisch, dann… man muss ja nicht alles erzählen. Ich würde gern wissen, was aus Sergej, der nicht glauben konnte, dass es in der Berliner Mauer kein Türchen gibt, aus Wadim und Irina Ignatjewa und den anderen geworden ist. Als Andenken ist nur ein Propusk geblieben, auf dem eine mit Lippenstift geschriebene Telefonnummer steht. Wo eigentlich steht die Schallplatte mit Bécauds Nathalie?

Zurück in der Gegenwart

Heute ist alles anders. Neulich war ich zu Gast auf einer "Studierendenparty", man darf das so nennen, weil es nichts mit einer Studentenfete alter (Hoch)Schule zu tun hat. Musik kam aus der Boombox, es erklang ein Sänger, den man früher als Heulboje eingesetzt hätte. Wodka wurde in homöopathischen Dosen verabreicht und als das Bier sehr schnell alle war, wurde der nächste Bierautomat geplündert. O.K., es war ein moderner Bierautomat mit Kühlung, der trotzdem nur Dosenbier ausspucken konnte.

Ich musste kurz an das Moskau jener Tage denken, als wir noch glaubten, es sei das Zentrum der Welt und würde uns den Frieden bewahren.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: AnnaIlarionova / Анна Иларионова, Pixabay License
  • Erstellt am 11.07.2022 - 22:43Uhr | Zuletzt geändert am 14.07.2022 - 09:15Uhr
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