Elektronik im Wandel der Zeiten

Elektronik im Wandel der ZeitenGörlitz, 14. April 2022. Von Thomas Beier. Es gibt Hobbys, die sterben aus, vermutlich. Dazu gehört die Bastelei mit elektronischen Bauteilen. Klar ist ist es im digitalen Zeitalter spannender, einen Computer zusammenzuschrauben. Eine Erinnerung an alte Zeiten, als elektronische Bauteile noch handfeste Sachen waren.

Abb.: Morsen lernen, natürlich mit selbstgebautem Morsesummer und auf eine Morsetaste der Reichspost aus dem späten 19. Jahrhundert

Foto: © Optisch-mechanische Sammlungen Beier

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Audion und Superhet – Begriffe, die kaum noch jemand kennt

Audion und Superhet – Begriffe, die kaum noch jemand kennt

Links ein Träger für Versuchsschaltungen, rechts ein Pegelmessgerät mit zwei PM84 Röhren, einem "magischen Auge" in Leuchtbalkenform

Foto: © Optisch-mechanische Sammlungen Beier

Jedenfalls hat Elektronik schon immer Spaß gemacht und die Anfänge reichen weit zurück. Immerhin hatte der Großvater das erste Radiogerät in seiner Stadt und der Vater war begeisterter Amateurfunker. Was also lag näher, als einen Audionempfänger zu bauen? Am einfachsten einen O-V-1, was für null Hochfreqenz-Verstärkerstufen und nach dem Schwingkreis für eine Niederfrequenz-Verstärkerstufe steht. Aber Audion ist ein Begriff, den heute kaum noch jemand kennt, von Superheterodynempfänger, später kurz Superhet genannt, ganz zu schweigen.

Per O-V-1 und per Rückkopplung konnte man sogar tausende Kilometer entfernte Einseitenband-Sender empfangen, kurz SSB für Single Side Band genannt. Normale Rundfunksender im amplitudenmodulierten Bereich der Kurz-, Mittel- und Langwelle waren allesamt Zweiseitenband Sender und belegten dabei eine höhere Bandbreite im zur Verfügung stehenden Frequenzspektrum. Jedes Seitenband hatte viereinhalb Kilohertz Bandbreite, wodurch ein Frequenzspektrum bis neun Kilohertz übertragen werden konnte. Erst der bis heute in seiner Klangqualität unübertroffene frequenzmodulierte UKW-Rundfunk ermöglichte es, bis zu 15 Kilohertz zu übertragen – stark datenreduzierte Formate wie das auch in Löbau ausgestrahlte Digital Audio Broadcasting DAB+ können da nicht mithalten.

Einst verbreitetes Hobby

Im Osten war die Elektronik-Radiobastelei offiziell gern gesehen, sie war unpolitisch und passte zudem gut zur organisierten vormilitärischen Ausbildung in der GST, der sogenannten Gesellschaft für Sport und Technik, die diesem Zweck diente. Für Kinder gab es das bemerkenswerte Buch “Mit Logbuch, Call und Funkstation”. Schaltungen lieferten das Radiobastelbuch, das Elektronische Jahrbuch und die Zeitschrift “Der Funkamateur”. In Sachsen entwickelte sich in Leipzig der Elekronikladen in der Grimmaischen Straße zum Mekka der Bastler – und die leisteten Erstaunliches: Sogar zweiseitige Leiterplatten wurden selbst entwickelt und geätzt.

Gebaut wurde zunächst mit Röhren und er satte Klang eines Verstärkers mit einer EL84-Doppel-Endstufe scheint noch heute unerreicht. Legendär war auch die "Wehrmachts-Röhre" RV 12 P 2000, mit der sowohl der Hochfrequenzbereich beherrschbar war wie auch Niederfrequenz-Verstärkerstufen. Später kamen die Transistoren und die Verstärker, die im Zeitalter der aufkommenden Beatmusik so nötig waren, wurden kleiner; beliebt war etwa die Gegentakt-B-Endstufe mit GD170, zwei Germanium-Leistungstransistoren. Noch später wurde mit MOSFET-Transistoren, den ersten Leuchtdioden und integrierten Schaltkreisen gebastelt. Erst mit der umfassenden Verfügbarkeit elektronischer Geräte als Konsumgut ging das Interesse am Selberbauen rapide zurück.

Immer kleiner

Heute sind in der Elektronik die Prämissen ganz andere: Neben der Digitaltechnik steht die Miniaturisierung im Fokus. Damit entstehen ganz neue Probleme, die im Zeitalter der Röhrentechnik eher als gute Zeichen gewertet wurden. So war es damals ein gutes Zeichen, wenn die Heizspannung – bei E-Röhren 6,3 Volt – die Glühfäden der Röhren aufleuchten ließ und die Kolben warm wurden. Heute hingegen ist wegen der Miniaturisierung die Wärmeentwicklung in elektronischen Geräten ein Problem, vom dem etwa in Computern Lüfter oder sogar Wasserkühlungen zeugen.

Und während am alten “Dampfradio” die Anschlüsse per Bananenstecker kein Problem waren, sind bei modernen Geräten auch die Anschlüsse – oft immer kleiner werdende USB-Anschlüsse – geschrumpft. Noch gravierender ist das Miniaturisierungsproblem bei den Anschlüssen für elektronische Module oder Leiterplatten generell. Konstruktiv ist es eine Herausforderung, mechanisch solide Leiterplattensteckverbinder für hohe Ströme zu entwickeln. Das ist HighTech im Kleinen, weshalb in diesem qualitätskritischen Bereich Design und Fertigung noch immer auch in Deutschland erfolgen.

Der ungnädige Physiklehrer

Eine Geschichte muss noch erzählt sein: Ein Physiklehrer war regelmäßig sehr erbost, wenn seine Frau seinen Elektronik-Basteltisch ungebeten aufräumte. Seine Problemlösung war nicht von der feinen Art, denn er hinterließ auf dem Tisch zwei große geladene Elektrolytkondensatoren, wie sie früher in den Netzteilen von Röhrengeräten Verwendung fanden… Jedenfall habe sie seinen Tisch nie wieder aufgeräumt, erzählte er seinen beeindruckten Schülern. Aber das ist ein halbes Jahrhundert her und die Zeiten haben sich gründlich geändert.

Kommentare Lesermeinungen (1)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Mekka der Elektronikbastler

Von Michael Zirke am 30.04.2022 - 15:59Uhr
Sehr geehrter Herr Beier,

die Bastelei hatte neben der Umsetzung eigener Ideen, mit vorhandenen oder eben gerade gut beschaffbaren Teilen, neben der preisgünstigen Erfüllung eigener Wünsche, einen hohen Lerneffekt und war eine sehr schöne Freizeitbeschäftigung.

Ein Name steht bei mir ganz oben, wenn es um die Beschaffung von speziellen Teilen ging, die man nicht in irgendeiner Filiale des RFT-Industrievertrieb bekommen konnte: Benno Tille mit seinem kleinen Dresdner Ladengeschäft "Radio-Quelle" - so hieß es , glaube ich mich zu erinnern. Darüberhinaus war eine kurze Zeit lang auch die Konsumgenossenschaft Wermsdorf, mit ihrer Elektronikabteilung, in der Vermarktung von Industrie Restposten oder Überbeständen recht aktiv. Für kleines Geld bekam man so manche interessanten Baugruppen oder -teile um daraus etwas eigenes zu pfriemeln oder auch nur um sie zur Teilegewinnung auszuweiden. Bisweilen waren sogar noch die Röhren in den verschlossenen Gehäusen - natürlich alles gut gelagerte Neuware.

Wegschmeißen? Das war zu meiner Zeit ein absolutes Fremdwort!

Zeiten ändern sich - heute wird von inkompetenten Sonntagsrednern lieber viel grüner Schwachsinn verbreitet anstatt etwas wirklich nachhaltiges zu tun.

Freundliche Grüße aus der Lausitz!

Michael Zirke

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  • Quelle: Thomas Beier | Fotos: © Optisch-mechanische Sammlungen Beier
  • Erstellt am 14.04.2022 - 08:44Uhr | Zuletzt geändert am 14.04.2022 - 13:25Uhr
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