Das Ende der Nachricht ist nicht das Ende

Das Ende der Nachricht ist nicht das EndeGörlitz, 2. Februar 2020. Von Thomas Beier. Der Deutschlandfunk hat am vergangenen Freitag zum letzten Mal Meldungen über Staus und Verkehrsbeeinträchtigungen ausgestrahlt. Damit geht ein Kulturgut verloren und der wehmütige Rückblick, der zugleich ein Plädoyer für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist, fällt entsprechend umfassend aus.

Ein Familienradio mit Geschichte: Von den USA in die Sowjetunion geliefert (für Enthusiasten: mit Stahlröhren, also keine Glaskolben), vom Großvater mit einem neuen Gehäuse versehen. Bis in die Siebzigerjahre kam über dieses Gerät der Deutschlandfunk in die Küche. Funktioniert übrigens noch heute, wenn auch nur ganz leise.

Foto: © BeierMedia.de

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Verkehrsmeldungen brachten Deutschland nahe

Beginnen wir im Jahr 1964 und versetzen uns in eine Familie in der "DDR", irgendwo in einem Tal, allerdings nicht ganz ahnungslos: Immerhin transportierte das Radio, was als TV – damals sagte man noch Fernsehen – nicht ankommen konnte. Zu selten waren die (späteren) Ausflüge mit Großvater und Trabant und vor allem dem Junost-603 Fernsehgerät sowjetischer Bauart. Damit konnte man auf den erzgebirgischen Bergen wie etwa der Breitenbrunner Juchhöh mit etwas Glück Westfernsehen gucken.

Der Alltag war dem Radio vorbehalten. Mutter hörte Radio Luxemburg, von dessen "Vier fröhlichen Wellen" nur die Kurzwelle im 49-Meter-Band den Weg ins Erzgebirgstal fand. Mutter entwickelte sich zum Beatles Fan, was endlose Diskussionen mit einem Bruder, bekennender Rolling-Stones-Fan, mit sich brachte. Wer war nun kreativer, die Beatles mit Walzertakt in "We Can Work It Out" oder die Stones mit den Geigen, sorry, Violinen in "As Tears Go By"? Kam Vater von der Schicht im Schacht nach Hause, wurde das Programm gewechselt, auf den Deutschlandfunk oder den RIAS, den "Rundfunk im amerikanischen Sektor", damals im Osten gern "Sender Riesa" genannt, um sich nicht zu verplappern. Zum Glück sendete der Deutschlandfunk auf Langwelle, das kam recht stabil rein; der RIAS mit seinen beiden Programmen hatte es schon schwerer, durchzukommen.

Der Deutschlandfunk, seit Jahresbeginn 1962 on Air, darf nicht mit dem Deutschlandsender, der 1971 mit der Berliner Welle zur "Stimme der DDR" fusionierte, verwechselt werden. Nein, der Deutschlandfunk vermittelte, dass es zum Weltbild des SED-Staates eine Alternative gab. Gut verankert in meinen Kindheitserinnerungen ist das Pausenzeichen des Deutschlandfunks, damals wahrgenommen als "ein Land voll Lieb und Leben", suggerierend ein Paradies. Schaut man sich das 1820 entstandene Lied von Hans Ferdinand Maßmann näher an, so will die leidige Vaterländerei nicht mehr so richtig passen. Andererseits: Der Glaube an ein nach 1945 neu entstandenes demokratisches Deutschland ist der schlechteste nicht.

Botschaften aus einer anderen Welt

Nun zur Sache: Als Kind waren die Verkehrsmeldungen des Deutschlandfunks Botschaften aus einer anderen Welt: Die leeren Holper-Autobahnen der sowjetischen Besatzungszone gewohnt, waren die Meldungen über Verkehrsstaus etwas, was durchaus der Feder von Stanisław Lem hätte entsprungen sein können. Es waren Meldungen von einem anderen Planeten, ob nun von der Autobahn bei Nürnberg, bei Kassel oder bei Unna, nachzuvollziehen nur auf Landkarten. Sogar Pferde gab es auf den Autobahnen im Westen! Eine Welt voller Rätsel, wie sich auf meiner ersten Trabi-Fahrt 1989 (heute der legendäre Redaktions-Trabi) nach Frankfurt am Main bestätigte. Einspurige Autobahn-Ab-und-Auffahrten, beiderseits beplankt: Und wenn da nun einer eine Panne hat? Dann steht alles. Diese für einen Trabantfahrer sehr reale Frage machte mir klar, weshalb der Deutschlandfunk ständig Staumeldungen senden musste.

Mit einer Träne im Knopfloch denke ich an die Zeit, als ich die vorher unerreichbaren Stau-Orte des Deutschlandfunks zum ersten Mal erleben durfte. Es waren damals, zu Beginn der Neunzigerjahre, Autoreisen nach Nürnberg, Köln, Heidelberg und Hamburg.
Heute ist alles anders, die Fixpunkte der Autobahnen fliegen vorbei, nur eben der Stau verschafft unverhofft Denkzeit oder zwingt zu neuen Plänen. Unvergesslich das Autobahnkreuz Lotte/Osnabrück im Jahr 2017, beim Abriss der zentralen Brücke. Der Deutschlandfunk hatte gewarnt – und behielt Recht: Statt Worpswede ein mehrstündiges Happening auf dem Highway. Was man nicht alles erlebt! Und wieder zeigte sich: Das wahre Abenteuer beginnt oft mit einem Zwangsaufenthalt.

In den letzten Jahren, als mich mein Weg immer wieder nach Münster führte, konnte sich der Deutschlandfunk meiner Aufmerksamtkeit beim Stichwort "Kreuz Unna" gewiss sein: Unna gewann als Beginn der letzten Etappe eine ganz neue Bedeutung. Überhaupt Unna, die Glückauf-Kaserne, aber das ist eine andere, eine alte Geschichte, die im "Volksfest mit Panzern" im Vorjahr ihre Fortsetzung fand.

Mehr als die Nachricht

Was ich sagen will: Wenn der Deutschlandfunk keine Verkehrsmeldungen mehr verbreitet, geht ein Stück Identität verloren. Wer hätte je von Reichenbach i.V. an der A72 gehört, wenn es dort nie einen Stau gegeben hätte? Oder von Hemer an der A46, von Hämelerwald an der A2 ganz zu schweigen? Unersetzbar hingegen das Gefühl, zu Hause zu sein und mit leichtem Schaudern aus dem Radio davon zu hören, wie andere im Stau stehen. Also, ich zahle meine öffentlich-rechtlichen Gebühren schon immer gerne – Qualität und Nachwuchsförderung haben ihren Preis – aber die in ihrer Nüchternheit schon kultigen Verkehrsmeldungen sollten weiterhin inklusive sein. Sie abzuschaffen, mag vernünftig erscheinen, ein Sieg der Vernunft ist jedoch nicht unbedingt ein Sieg des Herzens und schon gar nicht der Fantasie, wie sie von den Meldungen über Staus, Unfälle, Personen, Tiere und Autoteile auf der Fahrbahn befeuert wurde.

P.S.: Was Rundfunk leistet, wurde mir schnell bei etlichen Begegnungen in den westlichen Bundesländern klar. Der informierte Bürger Ost konnte sich in der westdeutschen Gesellschaft recht gut orientieren und auch kulturell wie politisch mithalten, nur der Bürger West konnte halt mit der Kultur des Ostens und den Verhältnissen dort nur wenig anfangen (neigte aber wohl gerade deshalb zum Ausweg, dem Bürger Ost den Osten zu erklären). Das Selbstverständnis West, in einem logischen Kontext gesellschaftlicher Entwicklung zu leben, prallte auf die Spuren des erlebten Lebens im Osten, das sich stets – Den Medien sei Dank! – mit den Nachrichten aus dem Westen abglich und auf diese Weise relativierte. Das zeigt: Es gibt halt mindestens einen anderen Weg.

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  • Quelle: Thoms Beier | Foto: BeierMedia.de
  • Erstellt am 02.02.2020 - 17:07Uhr | Zuletzt geändert am 03.02.2020 - 05:30Uhr
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