Alltag? Nein danke!

Alltag? Nein danke!Görlitz, 18. Dezember 2020. Von Thomas Beier. Mit zunehmendem Alter klagen viele Leute darüber, dass die Zeit immer schneller und schneller vergeht. Ein Erklärungsversuch und was man tun kann.

Abb.: Der Rathausturm am Görlitzer Untermarkt mahnt, wie die Zeit vergeht: Gleich zwei Uhren – ein gewöhnlicher Zwölf-Stunden-Ticker und eine Mondphasenuhr – zeigen das an. Minütlich öffnet der Wächterkopf seine glühenden Augen und erinnert an den Stadtbrand, der er verschlafen hat, und sein damit verbundenes schreckliches Schicksal. Der Löwe im Fenster über den Uhren sollte ursprünglich mit seinem Gebrüll Diebe verjagen, leider brüllt er heutzutage nur gelegentlich.
Foto: © Görlitzer Anzeiger
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Die Jahre verfliegen, wenn man nichts dagegen unternimmt

Die Jahre verfliegen, wenn man nichts dagegen unternimmt
Echte Abenteuer erleben und dabei auch noch ein Dach über dem Kopf haben, das geht für Kinder und Erwachsene in der Spielwelt des Turihallums in Turisede bei Görlitz
Foto: © BeierMedia.de

Mal angenommen, das menschliche Hirn hätte einen Impulsgeber, der im Laufe des Lebens immer langsamer wird – und angenommen, dieser Impulsgeber würde bei einem Zehnjährigen täglich zehn Impulse geben. Wer sich an seine Kindheit erinnert: Die Tage waren endlos lang, Zeit gab es im Überfluss und die Eltern mussten sich sogar überlegen, wie sie ihren Kindern im Kampf gegen die endlose Langeweile helfen konnten.

Aber der Impulsgeber wird langsamer, zwar schleichend, aber stetig. 30 Jahre später – das Kind ist jetzt 40 Jahre alt – liefert der Impulsgeber noch acht Impulse täglich. Viele sind mit 40 in der Blüte ihrer Jahre, es läuft, auf Anstrengung folgt Erfolg, die Tage sind angefüllt mit Erlebnissen, das Leben ist schön.

Weitere 30 Jahre später, im Alter von 70 Jahren, liefert der Geber nur nur sechs Impulse am Tag, wenn nicht sogar noch weniger. Während in der Kindheit der Tag noch zehn Impulse lang war, ist er im Alter schon nach sechs Impulsen vorbei: Scheinbar ist der Tag nun viel schneller vergangen als in jungen Jahren, entsprechend verfliegen die Wochen, die Monate und die Jahre immer rasanter.

Soweit der Erklärungsversuch für das Gefühl, die Zeit vergehe immer schneller. Wie aber sollte man diesem Phänomen begegnen?

Die Zeit wieder dehnen

Die allererste Regel: Nichts von dem, was man im Leben tun oder erreichen möchte, aufschieben – je älter man wird, umso knapper wird die Zeit! Deshalb übrigens gehen ältere Menschen sorgsamer mit ihrer Zeit um als junge, die meinen, alles läge noch vor ihnen und sie hätten endlos Zeit dafür. Für manches gibt es sogar nur ein kleines Zeitfenster. in dem "Jetzt oder nie!" gilt, wie diese Erinnerung aus dem Landkreis Görlitz zeigt. Fakt ist: Wer die Gelegenheit nicht beim Schopfe packt, für den kommt sie nicht wieder.

Aus dem sorgsamen Umgang mit Zeit leitet sich die zweite Regel ab: Alles meiden, was Zeit stiehlt! Zu den Zeitdieben gehören Menschen, die nur ihre Probleme abladen wollen, statt sie zu lösen, oder – noch schlimmer – jemandem Lebenszeit rauben, nur um für sich selbst Bestätigung zu finden oder einseitig davon zu profitieren.

Ein wichtiges Merkmal produktiver Zeitnutzung sind gute Gespräche. Nicht gemeint sind Diskussionen, in denen jeder seine mehr oder meist weniger ausgereifte Meinung vertritt und sich damit womöglich auch noch durchsetzen möchte. Das ist etwas für Leute, die noch nach Orientierung suchen oder voller Sendungsbewusstsein glauben, andere von irgend etwas überzeugen zu müssen. Vielmehr geht es um aufbauende Gespräche, die den Gesprächspartnern einen Zugewinn bringen.

Eine dritte Regel: Außerdem – die Zeit wird im Laufe des Lebens immer wertvoller – sollte man sich von allen Tätigkeiten befreien, die stereotyp ablaufen. Das ist durchaus schwierig, denn bestimmte Tätigkeiten bringen ja auch ein Erfolgserlebnis mit sich oder sind einfach nur wohltuende Rituale. So kann etwa eine Stunde Rasenmähen verschwendete Zeit sein, weil das ein Mähroboter ganz alleine erledigen kann, andererseits, wenn der Rasen dann gemäht ist, hat man sein Erfolgserlebnis, das nur noch gesteigert werden kann, wenn man anstelle des Rasens eine Blühwiese anlegt.

Was man tun kann

Dennoch: Seinen Alltag einmal zu durchforsten, welche zeitlich bindenden Verpflichtungen man loswerden kann, schafft neue zeitliche Freiräume, die man für mehr Abwechslung – nicht Ablenkung – im Leben nutzen kann. Das ist wichtig, weil neue und intensive Erlebnisse den Effekt der gefühlten Zeitdehnung mit sich bringen, so, als ob der Impulsgeber jetzt wieder schneller läuft: Plötzlich dauert es wieder mehr Impulse, bevor der Tag um ist und die Zeit scheint deshalb langsamer zu vergehen.

Wo finden sich Ansätze, den Alltag von unnötigem Zeitaufwand zu befreien, damit mehr Abwechslung möglich wird? Zuerst könnte man Haus oder Wohnung automatisieren, wo immer es geht. Das Stichwort ist smart home, das vernetzte Haus. Warum allabendlich die Rollläden herablassen und morgens wieder hochziehen, wenn ein ferngesteuerter Rollladenmotor das übernehmen kann? Warum den Garten selbst gießen, wenn eine automatische Steuerung die Bewässerung besser und sparsamer erledigt? Gartenbesitzer können sich außerdem zum lazy gardening schlau machen, bei dem sich der Garten weitgehend selbst pflegt. Anstelle mehrmals wöchentlich durch Discounter und Supermärkte zu pilgern, helfen Großeinkauf und Lieferdienste, viele Stunden an Zeit einzusparen. Ganz egal, wo man ansetzt: Immer wieder geht es darum, Zeit für das zu gewinnen, was einem wirklich wichtig ist, Zeit für das, was man nicht aufschieben darf, etwa Zeit mit den Kindern oder Enkeln zu verbringen oder das zu tun, was einem im Leben wichtig ist..

Ein Trend für Leute, die ihrem Alltagstrott etwa wegen hoher beruflicher Belastung seit Jahren nicht entfliehen konnten, sind sogenannte Mikroabenteuer. Dabei geht es darum, genau das zu tun, was im Alltag sonst nicht vorkommen würde. Was damit gemeint ist? Im einfachsten Falle begibt man sich nicht auf dem gewohnten kürzesten oder schnellsten Weg von A nach B, sondern macht einen Umweg und sucht dabei nach neuen Eindrücken. Wer es aufregender mag: In der großen Stadt mit dem Bus spätabends bis zur Endhaltestelle fahren und sich dann zu Fuß wieder nach Hause durchschlagen. Ja doch, auch in die Spelunke gehen, die man sonst nie betreten hätte! Ein andere Trick ist, in einer fremden Gegend immer wieder in kleinere Straßen abzubiegen, bis man die Orientierung vollends verloren hat. Das Navi bleibt tabu, man muss an einer fremden Tür klingeln, um nach dem Weg zu fragen – und das Abenteuer beginnt. Ähnlich wäre es mit einer Urlaubsreise, am besten in eine anderes Land: Einfach losfahren oder hinfliegen, ohne jede Planung. Für wen das unvorstellbar ist: In der Nähe von Görlitz setzt die Geheime Welt von Turisede auf solche echten Erlebnisse in ungewöhnlichen Situationen, ob nun im Escape Room oder in der Mega-Kinder- und-Erwachsenen-Spielwelt des Turihallums.

Das Ungewisse, die nicht berechenbare Situation, die völlig neue Erfahrung, dass sind die Elemente, die im Rückspiegel gesehen das Leben bereichert haben. Diesen Reichtum anzuhäufen, dafür ist es nie zu spät.

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  • Quelle: red | Fotos Rathausturm: © Görlitzer Anzeiger, Foto Turisede: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 18.12.2020 - 09:13Uhr | Zuletzt geändert am 09.02.2023 - 18:16Uhr
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