Muss man als Politiker Narzisst sein?

Muss man als Politiker Narzisst sein?Görlitz, 13. September 2019. Von Thomas Beier. Aktuell, so kann der Eindruck entstehen, wird in breiten Kreisen der Gesellschaft, auch in Görlitz, mehr geschimpft als für ein gedeihliches Zusammenleben getan. Gern wird Pauschalkritik verteilt, "die Politiker" oder "die Altparteien" seien an allem, was als kritikwürdig eingestuft wird, Schuld. Besonders beliebt scheinen verbale Angriffe auf die Bundesregierung. Was steckt dahinter?
Symbolfoto: Felix Lichtenfeld, sik-life.de, via Pixabay

Über Selbstwertschätzung und übertriebene Selbstverliebtheit

Als Politiker hat man es ja nicht einfach: Ständig steht man im Blick der Öffentlichkeit und allen recht machen kann man's nicht. Das war schon immer so, nur heutzutage, im Internetzeitalter mit seinen sozialen Netzwerken, entsteht schnell ein verzerrtes Bild von Politik und damit eben von den Politikern. Übrigens: Für den Zeitaufwand und den öffentlichen Stress, den sich Politiker aussetzen, ist für die allermeisten der Job relativ schlecht bezahlt.

Aus der Psychologie ist bekannt: Das Negative erregt, das Positive wird hingenommen, ja beruhigt, weil es gewohnte und damit berechenbare Verhältnisse bestätigt. Dieses Phänomen stammt aus der Zeit, als der Mensch in der freien Natur täglich dem Überlebenskampf ausgesetzt war. Negativ, das war die Gefahr, die abgewehrt werden musste. Entsprechend schaltete der Mensch bei Gefahr automatisch in den Verteidigungsmodus, indem das Gehirn den Befehl "Adrenalin marsch!" gab. Die Aufmerksamkeit fokussierte sich auf die Gefahr, alles andere wurde in diesem Moment unwichtig und ausgeblendet.

Genau diese Verhaltensweise ist heutzutage zu erleben, wenn Veränderungen anstehen. Veränderungen werden meist vor allem negativ wahrgenommen, weil sie als eine Bedrohung des Gewohnten erscheinen. Politiker kennen das: Es ist nahezu unmöglich, eine Straße oder eine Windkraftanlage zu bauen, ohne dass eine Bürgerbewegung dagegen aufsteht, siehe das Straßenbauprojekt der B178n im Landkreis Görlitz. Das macht den Job des Politikers nicht einfacher, denn die renitenten Bürger sind ja auch Wähler. Man muss aber sagen: Natürlich ist es viel einfacher, etwas Bestehendes zu kritisieren, als vorausschauend zu gestalten. Hinzu kommt, dass der Blickwinkel der großen Politik natürlich weiter gefasst ist als der des einzelnen Bürgers, Politik in aller Regel also mehr Aspekte berücksichtigt, als dem Einzelnen bekannt sind. Politiker sind also gut beraten, wenn sie verständlich kommunizieren, was sie mit welchem Ziel tun.

Für Politiker ist es nicht einfach, diesen ständigen Öffentlichkeitsdruck auszuhalten. Sie entwickeln, teils instinktiv, in jedem Fall aber persönlichkeitsabhängig, unterschiedliche Strategien, damit umzugehen. Eine riskante Variante dabei ist, sich selbst mehr wertzuschätzen als andere. Natürlich ist Selbstwertschätzung etwas ausgesprochen Positives. Wer in sich ruht, ist nicht so schnell zu erschüttern und hat eine harmonische wie auch verbindliche Ausstrahlung. Solche Menschen sind sockelfest und tolerant zugleich. Diese Eigenschaften bezeichnet man auch als positiven Narzissmus.

Wie alles im Leben kann man auch diesen positiven Narzissmus übertreiben, so dass er krankhafte Züge annimmt. Umgibt man sich mit Menschen, die immer nur zustimmen, wächst der Glaube an die eigene Unfehlbarkeit – und es ist viel einfacher zu agieren, wenn man Andersdenkende ins Abseits stellt oder sogar verunglimpft. In Deutschland können die Bündnisgrünen ein Lied davon singen, wenn grundlegende Anliegen ihrer Partei als "Klimawahn" abgetan werden oder – besonders im Internet beliebt – ihren Vertretern falsche Zitate untergeschoben werden. Dabei wird völlig überblendet, dass Anliegen wie gesunde Nahrungsmittel oder saubere Luft im Grunde von allen Menschen vertreten werden, wer will schon das Gegenteil?

Quantitativ hohe Zustimmung findet man leicht, wenn man als Zielgruppe Menschen mit einfachen Denkstrukturen manipuliert. Der Volksmund kennt das Prinzip und formuliert es im Gleichnis "Unter den Blinden ist der Einäugige König", in der Politik nennt man es Populismus. Mehr noch als mit positiven Versprechungen lassen sich große Teile der Bevölkerung durch den Aufbau einer diffusen Bedrohung mobilisieren. Das alte, instinktive Hirnprogramm zur Gefahrenabwehr funktioniert halt immer noch, der Einfluss des evolutionsbiologisch jungen Großhirns und damit der Vernunft ist relativ gering. Zwar glaubt jeder Mensch, vernünftig zu sein und viele bezeichnen Andersdenkende gar als dumm, nur: Wenn wir alle vernünftig wären, dann gäbe es keine Raucher und niemand würde zu schnell über die Straßen rasen.

Das Großhirn gewinnt Einfluss auf das Verhalten durch Bildung, ganz entscheidend aber durch die persönliche Reife. Die persönliche Reife bringt als einen ihrer Aspekte die Fähigkeit mit sich, in gewisser Weise über den Dingen zu stehen, ohne abgehoben zu sein, anders gesagt, zu beschreiben, was geschieht, was Hintergründe sind und wo es hinführt – nicht, um politische Positionen zu beziehen, sondern um den Hintergrund von Politik zu erkennen. Wohl jeder Wahlbürger kennt in der Politik reife Persönlichkeiten, die klar urteilen und mit festem Standpunkt handeln wie weiland Helmut Schmidt und solche, die nur Parolen wiederholen oder nicht besseres können, als den höheren Chargen ihrer Partei zuzustimmen. Wie gefährlich es ist, wenn ein einflussreicher Politiker übermäßig selbstverliebt und zugleich von Claqueren umgeben ist, zeigt der Blick in die USA. Der Präsident gebärdet sich wie eine unreife Persönlichkeit, ein großes Kind, das unter Bruch aller Regeln und mit unberechbaren Folgen andere in Zugzwang bringt.

In der Psychologie kennt man das Phänomen des sogenannten krankhaften oder echten Narzissten, das einer Persönlichkeitsstörung Ausdruck gibt; allerdings sollten sich Hobbypsychologen davor hüten, Diagnosen zu stellen und vermeintlich erkannte Narzissten als krank einzustufen. Viel wichtiger ist es, überhöhten Narzissmus überhaupt zu erkennen, wenn er im persönlichen Umfeld – vielleicht beim Chef oder beim Lebenspartner – oder eben in der Politik auftritt. Narzissten können Menschen in ihrem Umfeld stark beeinflussen, nämlich manipulieren und in ihrer Entwicklung hemmen.

Zurück zum Ausgangsthema: Karriere, sei es nun in der Politik oder anderen Organisationen wie beispielsweise Unternehmen oder Vereinen, übt wegen des damit verbundenen Ansehens und der wachsenden Macht auf Narzissten einen starken Reiz aus. Einen selbstbewussten Politiker, der für seine Meinung eintritt und dem politischen Gegner Paroli bietet, kann man aber deshalb keinesfalls als Narzissten einstufen. Zudem gilt: Selbstachtung, vielleicht auch ein wenig Selbstverliebheit, kommt im sozialen Umfeld gut an.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: Felix Lichtenfeld, sik-life.de, via Pixabay
  • Zuletzt geändert am 13.09.2019 - 08:22 Uhr
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