Durchbruch für Digitalisierung und Künstliche Intelligenz?

Durchbruch für Digitalisierung und Künstliche Intelligenz?Görlitz, 29. Juli 2019. Die Digitalisierung und Anwendungen der Künstlichen Intelligenz sind in aller Munde, besser gesagt: in vielen Medien präsent. Doch wie ist der Stand, was wird sich in der Alltagspraxis durchsetzen, was nicht? Wo liegen die Potenziale und wo die Risiken?
Abbildung: Ob es richtig ist, bereits kleinere Schulkinder an Bildschirmgeräten lernen und arbeiten zu lassen? Die Welt zu begreifen ist doch eher wörtlich gemeint

Digitale Lösungen müssen so nützlich sein, dass sie akzeptiert werden

Digitale Lösungen müssen so nützlich sein, dass sie akzeptiert werden

Erstaunlich schnell hat die Digitalisierung die Auswahl möglicher Partner und die Kontaktaufnahme verändert

Von Thomas Beier. Versetzen wir gleich zu Beginn einem Modewort den Todesstoß: Künstliche Intelligenz. Es gibt keinen Künstliche Intelligenz, denn diese wäre an ein eigenes Bewusstsein gebunden. Doch das verstehen wir noch nicht einmal beim Menschen. Deshalb haben findige Köpfe diese bislang unerreichbare Ausprägung der Künstlichen Intelligenz als "starke Künstliche Intelligenz" definiert – ein Bereich also, der heute praktisch keine Rolle spielt und vielleicht nie spielen wird.

Aber wie ist das mit der "schwachen Künstlichen Intelligenz"? Auch hier ist keinerlei Intelligenz im Spiel außer der menschlichen. Dennoch gewinnt das, was als schwache Künstliche Intelligenz bezeichnet wird, an Bedeutung, vor allem, wenn es um die Auswertung riesiger Datenbestände geht und die Systeme dabei eine Datenbasis und Verknüpfungen in einem Umfang auswerten, wie es ein einzelner Mensch oder ein Team nie könnten. Beispiele dafür sind die Medizin, die dadurch die Erfahrungen aus Millionen Krankheitsverläufen, Eingriffen und Therapien verfügbar machen kann, oder das autonome Fahren.

Ein Risiko entstünde, wenn alle Datenspuren, die ein einzelner Mensch hinterlässt, zusammengefasst und ausgewertet würden, vor allem dann, wenn diese Möglicjhkeiten in die Hände eines totalitären Regimes gelangen würden, das mit deren Hilfe die Menschen klassifizieren könnte.

Wie realistisch sind technische Visionen?

Autonomes Fahren – ein weiteres Stichwort. Große Konzerne arbeiten daran, doch wird es wirklich kommen und wenn ja, in welchem Umfang? Mit technischen Visionen sollte man sehr vorsichtig umgehen. Noch in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts waren viele überzeugt, dass sich zur Jahrtausendwende Lufttaxis durchgesetzt haben werden, aber niemandem fiel ein, dass es handtellergroße Geräte geben könnte, mit denen man telefonieren kann, fotografieren, Filme aufnehmen und ansehen, Notizen schreiben und sich mit anderen Personen und der ganzen Welt verbinden und vernetzen kann.

Bei technischen Visionen wird gern die menschliche Komponente vergessen. Es gibt schon seit Jahren Geräte, mit denen man sich vollautomatisch ein Essen zubereiten kann, in wohl nahezu jeder Wohnung steht ein Herd, an dem man von Hand kocht, aber doch lieben wir es, im Freien zu grillen oder am Lagerfeuer Knüppelbrot zu backen – also längst veraltete Technologien der Speisenzubereitung anzuwenden. Beim autonomen Fahren würde der Mensch sich des Erfolgsgefühls berauben, das Fahrzeug "im Griff" zu haben, nach Lust und Laune zu beschleunigen, die Entscheidung zum Überholen zu treffen, vor anderen mit seiner Fahrweise zu glänzen.

Sicher wird autonomes Fahren rein technisch möglich werden und auch genutzt, viele Anwendungen vom Gütertransport bis zum Verkehr in Ballungszentren oder auf der Autobahn sind denkbar. Doch wir sind nicht nur emotionslose Wesen, die sich von A nach B bewegen, sondern genießen beim Fahren auch das Gefühl von Freiheit und Macht über die Technik.

Widerspruch zwischen heute vorhandenen Möglichkeiten und deren Nutzung

Schon heute klafft in der Digitalisierung ein enormer Widerspruch zwischen gegebenen technischen Möglichkeiten und deren Anwendungen auf. In manchen Büros erlangt man den Eindruck, die E-Mail sei erst vorgestern erfunden worden. Voller Stolz wird dann ein Schreiben nicht mehr per Post, sondern per E-Mail verschickt und beim Empänger erst einmal auf Papier gedruckt. Soll das Schreiben weiterverarbeitet werden, wird es wieder abgetippt. Das ist kein erfundenes Beispiel, sondern in 2019 erlebte Realität. Auch beim Görlitzer Anzeiger gehen Pressemitteilungen in Form geschlossener PDF-Dateien ein, deren Inhalt man nicht per copy & paste übernehmen und anschließend bearbeiten kann. Eiserner Grundsatz in der Redaktion: Elektronische Dokumente werden nicht abgeschrieben, auch der Aufwand, den Inhalt per OCR (optische Zeichenerkennung) wieder verarbeitbar zu machen, wird gespart.

Im Grunde ist im geschäftlichen Bereich das Zeitalter der klassischen E-Mail mit ihren Dateianhängen und Verteilern schon vorbei. Cloudbasierte Systeme schonen Ressourcen (was jede eingehende E-Mail mit megabytegroßem Dateianhang verdeutlicht) und sind sicherer wie auch übersichtlicher. In wie vielen Betrieben werden E-Mails in großen Verteilern verbreitet, nur weil der Absender sich absichern möchte ("Ich habe Sie ja informiert!")? Medienkompetenz besteht auch darin, für Informationen den richtigen Übertragungweg zu wählen, vom persönlichen Gespräch über das Telefonat, vom Brief über die E-Mail und den Messengerdienst bis zum Cloudsystem, das Informationen bereitstellt.

Auch andere Beispiele, wo seit langem gegebene digitale Möglichkeiten nicht genutzt werden, finden sich immer wieder, so beispielsweise bei einem regelmäßigen Rundschreiben an mehrere hundert Empfänger, bei dem der Mitarbeiter einer Firma so pfiffig war, den Text immer wieder zu kopieren und dann die Adressen einzutragen – leider war ihm das Stichwort "Serienbrieffunktion" unbekannt. Weiter: Der bundesdeutsche Personalausweis besitzt eine Online-Ausweisfunktion und ist für die Unterschriftsfunktion vorbereitet. Nur praktisch genutzt werden diese Funktionen kaum. Und dann gibt es, als letztes Beispiel, Gruppendiskussionen per E-Mail, bei denen man wahnsinnig schnell den Überblick verliert, anstelle in der Cloud eine gemeinsame Datei anzulegen oder ein cloudbasiertes Projektmanagementsystem wie Trello oder Mantis zu nutzen.

Gefragt sind intelligente Lösungen

Wo die Digitalisierung neue Lösungen ermöglicht, sei an zwei Beispielen aufgeführt. Eines basiert auf der Blockchain-Technologie, wie sie zur Erzeugung von Kryptowährungen angewendet wird. Diese Technologie ermöglicht das Smart Contracting, also den automatisierten Abschluss sich selbst vollziehender Verträge oder, anders gesagt, das Auslösen rechtsverbindlicher Handlungen ohne menschliches Zutun. Oft angeführtes Beispiel ist die Miete eines Autos: Online gemietet erhält man einen Zugangscode zum Fahrzeug, sobald vollautomatisch Alter, Führerschein, Versicherung und Bezahlung geklärt sind. Auch der Motor würde sich erst starten lassen, wenn eine zugelassene Buchung vorliegt. Obgleich sich dieses Szenario mit der herkömmlichen Informationstechnologie realisieren lässt, gewährleistet erst die Blockchain die Rechtsverbindlichkeit.

Innovative Köpfe, die mit ihren Ideen Geld verdienen wollen, sollten also weniger auf "Zukunftstechnologien" warten, sondern besser das Potenzial bestehender Technologien ausreizen. Ein Ansatz ist es, physische Abläufe in die Online-Welt zu übertragen. Dazu das zweite Beispiel: Das sprichwörtliche "dicke Portemonnaie" bezog sich früher auf die vielen Geldscheine darin, heute sind es eher Plastikkarten: Girokarten, Kreditkarten, Ausweise und Rabattkarten, die die Geldbörse anschwellen lassen – und deren Verlust Ärger und Aufwand mit sich bringt. Dieser Umstand war der Ansatz für ein junges Unternehmen, das vor allem Online-Käufer im Visier hat, die also gar keine physische Kreditkarte benötigen. Ihnen wird eine virtuelle Kreditkarte mit Sofort-Verfügung bereitgestellt. Man kann also online per Kreditkarte bezahlen, ohne je befürchten zu müssen, seine Kreditkarte irgendwo zu verlieren.

Der Eindruck, dass sich die Welt gerade teilt in jene, die die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzbringend aufgreifen, und jene, die der analogen bzw. Papierwelt verhaftet bleiben, kann nicht von der Hand gewiesen werden. Wer etwa im Jobcenter des Landkreises Görlitz wiederholt einen Antrag stellt, muss seine Unterlagen immer wieder aufs Neue komplett einreichen – auf Papier, versteht sich. Freilich sind rechtliche Vorschriften oft hinderlich für digitale Prozesse; beispielsweise muss eine SEPA-Lastschriftgenehmigung anachronistisch auf Papier ausgestellt werden, ansonsten erhält der Zahlungsverpflichtete erweiterte Rückbuchungsmöglichkeiten. Andererseits gibt es Vorreiter wie die Bayerische Beamtenkrankenkasse, wo man seine Belege schon seit langem papierlos per Smartphone einreichen kann, ganz einfach und zuverlässig.

Man sollte also im privaten wie im geschäftlichen Bereich überlegen, wo man mit wenig Aufwand per Digitalisierung große Effekte erzielen kann. Noch ein abschließender Tipp für jene, die Dokumente noch immer auf Papier kopieren: Man kann das Smartphone als Scanner nutzen und die pdf-Dateien automatisch in die Cloud übertragen lassen.

Thomas Beier ist freiberuflicher Unternehmensberater für Führungskräfte und geweblicher Unternehmer im Bereich der digitalen Medien. Mitunter versucht er, beide Welten zusammenzubringen.

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Kommentare Lesermeinungen (1)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Digitalisierung

Von Monika Hoffmann am 06.08.2019 - 10:45Uhr
Sehr geehrte Damen und Herren,

ich nutze das Internet zwar auch, halte aber das Tempo, das bei der Digitalisierung und Automatisierung vorgelegt wird, für viel zu schnell. Vorher nachgedacht wird selten, vielmehr wird übereilt gehandelt und so getan, als "müsse" das alles im Interesse eines "Wettbewerbs" sein.

Wieder einmal huldigt "man" einem Fortschrittswahn. Das eigene Denken und Handeln soll wohl von Maschinen übernommen werden – und die einzige Funktion des Menschen besteht dann darin, diese toten Dinger (oder ihre virtuellen Entsprechungen) zu verbessern und zu warten. Wer im Krankenhaus oder Altenheim von Menschen statt von Robotern gepflegt werden möchte (um nur ein Beispiel zu nennen), sollte hier möglichst schnell Widerspruch erheben.

Mit freundlichem Gruß

Monika Hoffmann

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto Mädchen: steveriot1 / Steve Riot, Foto Paar: geralt / Gerd Altmann, beide Pixabay und Lizenz CC0 Public Domain
  • Zuletzt geändert am 29.07.2019 - 05:08 Uhr
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