Mauer wird doch nicht wieder aufgebaut

Mauer wird doch nicht wieder aufgebautGörlitz, 30. Oktober 2019. Zum 30. Jahrestag der Maueröffnung sollte die Berliner Mauer in Görlitz zumindest auf der Bühne wieder aufgebaut werden – und zwar in den Köpfen, wenn Bühnenliteraten aus West und Ost nicht etwa mit-, sondern in einer Leseschlacht gegeneinander antreten. Nun musste die Veranstaltung abgesagt werden.

Ist es nicht schön, wenn man überlegen muss, ob hier die Mauer verlief? Hier, am Kapelle-Ufer, genau vor der Treppe links im Bild, bog die an der Grenze zu Westberlin errichtete Mauer vom Ostberliner Spreeufer ab nach Norden in Richtung Nordhafen. Der Todesstreifen begann jedoch bereits an der weiter in Richtung Ostberlin verlaufenden inneren Mauer. Sicher waren Flüchtlinge erst, wenn sie die politische Grenze zwischen Ost- und Westberlin erreicht hatten, die im Bild am gegenüberliegenden Ludwig-Erhard-Ufer verlief.

Foto: © Görlitzer Anzeiger

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Für den 9. November geplante Veranstaltung abgesagt

Thema: Lesebühnen

Lesebühnen

Lesebühnen sind in Görlitz fester Kulturbestandteil - teils musikalisch unterlegt, teils mit Autoren von vor Ort, teils mit weitgereisten Schreib- und Lesenden.

Der symbolische Mauerbau könnte Zuspruch finden, weil die Görlitzer anders ticken, meinte der Görlitzer Anzeiger in seiner Ankündigung vom 22. Oktober.

Nun ist alles anders und die Frage, ob die Görlitzer überhaupt noch ticken, liegt in der Luft über dem Gerhart-Hauptmann-Theater. Jedenfalls hat man den Ticketvorverkauf analysiert und ist zum Schluss gekommen, dass die Mauer 2.0 auf viel zu wenig Gegenliebe stößt. So ist das wohl, wenn Popliteraten, die gern mit ihrem Alter kokettieren, mit einem Thema punkten möchte, das für eine ganze Generation nur noch Füllstoff im Geschichtsbuch ist. Die Normalität des vereinten Deutschlands mag vielleicht in Hinterposemuckel noch nicht angekommen sein, aber wen interessiert das?

Welch herbe Worte! Ist doch die Zusammenarbeit der Mauerschlacht-Veranstalter, des Duos Mike Altmann und Axel Krüger, selbst ein Kind des Mauerfalls. Tief im Westen, ungefähr dort, wo die Sonne versinkt, hatte Krüger einst Morgenluft gewittert, als die innerdeutsche Grenze fiel, und später, längst umgezogen an die Lausitzer Neiße, wo die Sonne aufgeht, mit seinem kongenialen Görlitzer Partner Altmann die Görlitzer Lesebühnenszene und anderes mehr mitgeprägt. Weil das der Görlitzer Kulturszene richtig guttut, wäre für die beiden Pfiffikusse längst das Verdienstkreuz an der Socke fällig.

Trösten über die abgesagte Veranstaltung kann man sich auf den anderen Lesebühnen-Veranstaltungen in der Stadt, etwa im APOLLO-Theater oder im Basta!-Jugendkulturzentrum.

Mehr:
Verlauf der Berliner Mauer

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  • Quelle: red | Foto: © Görlitzer Anzeiger
  • Erstellt am 30.10.2019 - 06:07Uhr | Zuletzt geändert am 30.10.2019 - 07:08Uhr
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