Zehn Jahre Görlitzer Kantinenlesen: 84. Ausgabe

Zehn Jahre Görlitzer Kantinenlesen: 84. AusgabeGörlitz, 26. September 2018. Als am 26. September 2008 das erste Görlitzer Kantinenlesen ins Basta! lockte, konnte keiner ahnen, dass das Baby, ein Ableger des Berliner Kantinenlesens, je seinen zehnten Geburtstag erleben wird. Von dieser ersten regelmäßigen Görlitzer Lesebühne ist erhalten, dass von September bis April jeweils am letzten Freitag des Monats drei Berliner Autoren nach Görlitz kommen. Die einzige Ausnahme gibt es im Dezember: Im letzten Jahresmonat findet das Görlitzer Kantinenlesen immer am 26., dem zweiten Weihnachtsfeiertag, statt.
Abbildung: Blick aufs Basta! nach Einnahme von Liebe statt Drogen

Hasta la Basta, siempre!

Thema: Lesebühnen

Lesebühnen

Lesebühnen sind in Görlitz fester Kulturbestandteil - teils musikalisch unterlegt, teils mit Autoren von vor Ort, teils mit weitgereisten Schreib- und Lesenden.

Die Autoren lesen auf der kleinen Basta!-Bühne ihre Geschichten vor – meist kurz und unterhaltsam, wie es halt klingt, wenn die Berliner raus in die Republik fahren. Abwechslung entsteht auch, weil neben Wiederholungslesern auch neue Autoren eingeladen werden.

Die Trennung von Lesebühne zuerst und Musik danach haben die Bastianer schon nach ein paar Jahren aufgehoben. Statt DJs gibt es seither Live-Musiker, die sich den Abend über mit den Autoren abwechseln, immer reihum, drei Texte, und dann ein Lied. Das kam beim sehr verehrten Publikum gut an, schon bald musste die Lesebühne deshalb vom Barraum im ersten Stock in den größeren Tanzraum in Parterre umziehen. Dort findet sie noch heute statt.

Folglich gibt es auch 2018, nach zehn Jahren also, noch immer keinen Grund, das damalige Experiment, ein Großstadt-Event, in die entlegen-schöne, ehedem preußische Provinz zu holen, wieder zu beenden.

Jubiläumsausgabe!

Zur Jubiläumsausgabe am 28. September 2018 ist ein lustiges und abwechslungsreiches Programm vorbereitet, bei dem mit Dan Richter auch ein Autor dabei ist, der schon beim allerersten Görlitzer Kantinenlesen auf der Bühne stand.

Gefördert wurde das Görlitzer Kantinenlesen in seinem ersten Jahr von der Kulturstiftung des Bundes. Heute wird die Lesebühne von der Stadt Görlitz und der Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien schon seit Jahren großzügig geschmiert, äh, mit monetären Unterstützungen für die Gesamtfinanzierung versehen.

Prädikat: Hingehen!
Freitag, 28. September 2018, Einlass 20 Uhr, Beginn 21 Uhr,
Jugendkulturzentrum Basta!, Hotherstraße 25, 02826 Görlitz.

Der Eintritt ist gerecht, denn er erleichtert jede eintretende Person – im Gendersprech die Eintretenden jeweils im Einzelfall – völlig geschlechtsneutral um fünf Euro. Wer nun meint, das sei zu teuer, dem sei folgende Rechnung aufgemacht: Fünf Euro sind rund zehn D-Mark, die wiederum sind etwa 40 Ost-Mark Für 40 Ostmark konnte man in der "DDR" 400 sehr schöne Bäckersemmeln (das war noch echte Friedensware!) erwerben – heute, für fünf Euro, wären das ungefähr nur noch ein Dutzend Discounter-Semmeln aka Doppelbrötchen, die ihre Geburtsstunde vielleicht in China erlebten. Eintritt für zwölf Semmeln ist doch nun aber wirklich weit billiger als für 400 Semmeln.


Detailliert man die Lesebühnenkünstler, zeigt sich folgendes Ergebnis:

  • Tube, geboren im Jahr der Senftenberger Postleitzahl, allerdings in Ostberlin, wurde als Tobias Herre beurkundet. Das hielt ihn nicht davon ab, am 4. Juli 1996 zusammen mit Volker Strübing, Spider (Andreas Krenzke), Uwe Beneke, Sabine Mylius, Andre Lange, Klaus Schwarz und Gunnar Klemm die Berliner Lesebühne "LSD - Liebe statt Drogen" (nicht etwa Lysergsäurediethylamid) zu gründen. Anfangs traten sie noch unter den harmloseren Namen "Supernova" und "Ein Keller Buntes"auf. Seit 1997 ist Tube zudem Mitglied der Lesebühne "Surfpoeten". Nicht genug: Statt publikumstauglicher Texte schreibt er auch noch Computerprogramme in einem babylonisch anmutenden Programmiersprachgewirr – noch heute arbeitet er hauptberuflich als EDV-Spezialist.
    Tube wird geliebt: für seine logisch konstruierten Texte, die er in unnachahmlich nüchterner Art vorträgt. Texte von Tube erschienen unter anderem in verschiedenen Lesebühnen-Anthologien, darunter "Frische Goldjungs" von Wladimir Kaminer, im Satiremagazin Salbader sowie im Buch "Die Surfpoeten". 2011 erschien seine erste eigene Kurzgeschichtensammlung "Wenn ich Macht hätte". 2012 brachte er seinen ersten Roman "Das Fehlerchen" heraus.

  • Spider, durch die Gnade der frühen Geburt zwei Jahre vor den Weltfestspielen der Jugend in Berlin-Hohenschönhausen, dem Knaststadtteil des Ostens, geboren, reagierte zunächst auf den Namen Andreas Krenzke. Dennoch absolvierte er von 1987 bis 1990 eine Ausbildung zum Facharbeiter für BMSR-Technik (Betriebs-, Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik, im Volksmund gern "Brems-Techniker" genannt). Offenbar war das unbefriedigend, denn später studierte er Physik und Geografie. 1996 gründete Spider mit anderen Typen die Berliner Lesebühne "Supernova", die später – wie wir bereits bei Tube erfahren haben – "Ein Keller Buntes" und seit 1999 "LSD – Liebe Statt Drogen" titelt.
    Zum Schriftsteller mutiert wurde er im Jahr 2000 bei den Surfpoeten aufgenommen. Gelesen hat er dann in Klubs, Theatern, Bars und Goethe-Instituten überall in Deutschland, aber auch in der Schweiz, in Frankreich, in den Niederlanden und in Dänemark. Sogar Kolumnen für mehrere Tageszeitungen, etwa die Berliner Zeitung, schrieb er. Anzutreffen ist Spider als Gast auf anderen Berliner Lesebühnen, in Kabaretts und Comedy Clubs. Auf sein erstes Buch "Im Arbeitslosenpark" (2006) folgten "Imbiss wie damals" (2008) sowie "Die letzte WG von Prenzlauer Berg" (2014).

  • Dan Richter, geboren in Berlin wie Tube im Jahr der Postleitzahl von Senftenberg, ist Schriftsteller, Bühnenkünstler und seit 1999 Autor – offenbar ein Gegensatz zum Schriftsteller. Er veröffentlicht in Tageszeitungen, Literaturzeitschriften und Anthologien. Ehenparcours: Dan Richter ist Mitbegründer und Autor der wöchentlichen Literaturshows Chaussee der Enthusiasten (1999 bis 2015) und Kantinenlesen (seit 2000). 2001 gründete er die Improvisations-Ensembles "Foxy Freestyle", "Paula P.", "Die Bö" und "Berliner Dunkeltheater". Von 2001 bis 2003 war er auf Poetry Slams in Berlin, München, Hamburg, New York, Boston und Chicago zu erleben. Weiterhin arbeitet Richter als Improvisationslehrer und -theoretiker.

  • Lennart Schilgen, geboren in Berlin – Ja, was nun? – im Jahr der Postleitzal vom Ortrand oder möglicherweise der von Warschau, hatte frühzeitig klassischen Klavierunterricht genossen, das Gitarrespielen lernte der als Autodidakt. Schon als Schüler schieb er eigene Lieder. Fasziniert von Sprache kam er nach Frankreich und in die Germanistik. Größte Freude und Befriedigung bereitet es ihm nach wie vor, wenn aus Gesagtem Gereimtes und aus Gereimtem Gesungenes wird.
    Einmal den Kopf schief gelegt, schon sieht die Welt ganz anders aus – Lennart Schilgen findet Blickwinkel, aus denen das vermeintlich Feststehende auf einmal wackelig erscheint. Und bringt es dann in seinen Liedern zum Kippen: Vom Tragischen ins Komische, vom Schönen ins Schräge. Oder auch mal umgekehrt. Mit Wortwitz und Ironie singt er über innere und äußere Schweinehunde, Black-Metal-Bands, die Liebe und alle anderen, die sich nicht wehren können. Die gute Nachricht ist: Meistens will man sich gar nicht wehren, sondern lieber verhalten mitsingen, schließlich sind die Melodien so hübsch eingängig. Gelegentlich ist das sogar erlaubt, oft scheitert es aber daran, dass es anders weitergeht, als vermutet: Mit verwegenen Reimen und eilensprüngen dreht er sich selbst das Wort im Munde um, wird vom Draufgänger zum Dran-Vorbei-Schleicher oder vom halben Hemd zum Hooligan. Dazu spielt er abwechselnd Klavier und Gitarre, mal zart, mal rabiat – aber stets im Sinne der Texte, vorgetragen mit grundsolider Heiterkeit und bisweilen bedenklichem Mienenspiel.
    Was dabei herauskommt ist subtiler Wahnsinn zum Wohlfühlen. Oder Geschichten, wie sie das Leben gerne geschrieben hätte. 2011 war er Teilnehmer der Celler Schule, seit 2013 gehörte er der Liedermacher-Schule SAGO unter der Leitung des 2015 verstorbenen Christof Stählin an. 2015 hatte sein Soloprogramm "Engelszungenbrecher" Premiere im Berliner Zebrano-Theater. Schon kurz nach der Premiere erhielt er den Deutschen Chansonpreis-Nachwuchspreis, zahlreiche weitere Preise folgten bis heute. Der NDR urteilte: "Wer Bodo Wartke mag, wird Lennart Schilgen lieben."

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  • Quelle: red | Foto: © Görlitzer Anzeiger
  • Zuletzt geändert am 26.09.2018 - 00:25 Uhr
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