Görlitz richtet zentrale sächsische Gedenkveranstaltung zum 17. Juni aus

Görlitz richtet zentrale sächsische Gedenkveranstaltung zum 17. Juni ausGörlitz, 14. Juni 2013. Beim Aufstand vom 17. Juni 1953 in Sachsen spielte die Stadt Görlitz eine besondere Rolle. Im Werk II des damals etwa 6.000 Mitarbeiter großen Waggonbauwerks (VEB LOWA, ein Kürzel für Lokomotiv- und Waggonbau; zur Abbildung siehe unten) entschließen sich Arbeiter zu einer Protestkundgebung, der sich schließlich das gesamte Werk anschließt. Beim Marsch durch die Stadt stoßen Mitarbeiter aus weiteren Betrieben und die Bevölkerung hinzu, es kommt zu Gewaltausschreitungen vor allem gegen SED-Funktionäre, das Amtszimmer des Bürgermeisters und das Gefängnis werden gestürmt - bis am Abend die Rote Armee die Macht übernimmt. Vor diesem Hintergrund wurde Görlitz für die Ausrichtung der zentralen Gedenkveranstaltung des Freistaates Sachsen zum 60. Jahrestag des Aufstandes ausgewählt. Ministerpräsident Stanislaw Tillich wird hier am 17. Juni gemeinsam mit dem Oberbürgermeister der Stadt Görlitz, Siegfried Deinege, und dem sächsischen Landtagspräsidenten Matthias Rößler an einer Kranzniederlegung teilnehmen. Danach besuchen Ministerpräsident und Oberbürgermeister eine Ökumenische Andacht in der Frauenkirche, wo Tillich eine Fürbitte sprechen wird.

Fritz R. Stänker: Die Gedenkveranstaltung in Görlitz hat hohen Symbolwert

Wegen der Gedenkveranstaltung kommt es am Montag, dem 17. Juni 2013, zwischen 12 und 16 Uhr zu Verkehrseinschränkungen im Bereich des Postplatzes. So gelten in dieser Zeit im gesamten Bereich Postplatzes umfangreiche Haltverbote, Anwohner weist die Stadtverwaltung Görlitz auf die beschilderten Anwohnerparkplätze zwischen der Berliner Straße und der Jakobstraße hin. Außerdem werden Anlieger gebeten, das Parkhaus CityCenter Frauentor oder die Parkmöglichkeiten im Bereich Jakobstraße und zwischen der Jakobstraße und der Konsulstraße zu nutzen.

Zwischen 13 und 15 Uhr wird der Postplatz voll gesperrt, weswegen die untere Berliner Straße mit Fahrzeugen in dieser Zeit nur über die Hospitalstraße erreicht werden kann.

Die zentrale Gedenkveranstaltung zum 17. Juni 1953 beginnt um 14 Uhr auf dem Postplatz an der Gedenktafel am Gerichtsgebäude, die Andacht in der Frauenkirche um 15 Uhr.

Die Stadtverwaltung bittet, die Hinweise zu beachten und teilt mit: "Den Anweisungen der Polizei ist Folge zu leisten."


Kommentar:

"Den Anweisungen der Polizei ist Folge zu leisten" - das passt im Kontext der Gedenkveranstaltung ungefähr so wie die Arbeiterfaust aufs Funktionärsauge. Hat da schon wieder oder immer noch jemand Angst, das Volk könnte den Anweisungen nicht Folge leisten, sich nicht so regieren lassen, wie es soll?

Den Respekt vor dem Volk sollten sich Funktionäre - frühere wie heutige - immer erhalten. Der bequemste Sessel muss immer zugleich Schleudersitz sein, sonst wäre es mit der Demokratie nicht weit her.

Wünschen würde ich mir das indianische Ritual der Häuptlings-Inthronisierung, wie es B. Traven in seinem Roman "Regierung" beschrieben hat: Der Kandidat muss sich auf einen Stuhl ohne Boden setzen und das darunter entfachte Feuer mit stoischer Miene aushalten - auf dass er nie vergesse, welch ein Feuer ihm sein Volk unter den Hintern machen wird, wenn er es schlecht regiert.

Ein schönes Symbol deutscher Vergangenheits- oder Vergangenheitsnichtbewältigung ist es, dass an der Seite des Ministerpräsidenten mit dem Görlitzer Oberbürgermeister ein Ex-Waggonbauer, der in diesem Unternehmen selbst eine führende Rolle innehatte, an Kranzniederlegung und Andacht teilnimmt.

Ob die Görlitzer Veranstaltung einem aufrichtigen Gedächtnis dient, wird sich also zeigen.

Schon jetzt aber bestätigt sie aufs Neue, dass Politik die größte aller Huren ist,

meint Ihr Fritz R. Stänker


Mehr:
Augenzeugenbericht zum 17. Juni 1953 in Görlitz


Abbildung:
Ansicht des Eingangs zur Ausstellungsfläche der Messestand der VVB LOWA (Vereinigung volkseigener Betriebe des Lokomotiv- und Waggonbaus) auf dem Ausstellungsgelände der Technischen Messe in Leipzig im Jahr 1951.
Foto: Roger und Renate Rössing
Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany
Quelle: Deutsche Fotothek

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Kommentare Lesermeinungen (1)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

LOWA

Von Jens am 17.06.2013 - 17:00Uhr
Von aufrichtigem Gedenken kann ja wohl nicht die Rede sein, sonst würde nicht der langjährige APO-Sekretär der Schmiede im Waggonbau und hochdekorierte Kämpfer in den Kampfgruppen der Arbeiterklasse, der Genosse Siegfried Deinege, die Gedenkrede halten.

Es ist eine Schande und eine beispiellose Verhöhnung der Opfer, auch oder besonders, weil dieser Herr jetzt Oberbürgermeister ist.

Herr Stänker hat mit seiner Einschätzung über diese gewissenlosen Politiker sehr recht!

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  • Quelle: red | Kommentar: Fritz Rudolph Stänker
  • Zuletzt geändert am 14.06.2013 - 07:30 Uhr
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