Politische Haft im DDR-Zuchthaus dokumentiert

Politische Haft im DDR-Zuchthaus dokumentiertSchwarzenberg/Erzgebirge, 15. Februar 2013. Nein, zu vieles war nicht gut in jener deutschen Republik, die sich eine demokratische nannte. In der bundesdeutschen Spaßgesellschaft, in der "Ossipartys" fröhliche Urständ´ feiern, droht unterzugehen, dass die Diktatur viel tiefer in das Leben der Menschen eingriff, als es "Versorgungsengpässe" oder SED-beförderte Berufskarrieren vermuten lassen. Gleichsam zeigt sich das heute, wenn das freiheitlich angelegte Leben in der Bundesrepublik auf materiellen Wohlstand (oder den mangelnden Zugang dazu) reduziert wird in Kombination mit der Unfähigkeit, die gegebene Freiheit tatsächlich zu nutzen. Gegen die Verklärung der DDR wendet sich der Schwarzenberger Holzgestalter Jörg Beier, der Ende der sechziger Jahre wegen "staatsfeindlicher Hetze" zu 18 Monaten Zuchthaus verurteilt wurde - als einer von vielen. Glücklichen Umständen ist es zu verdanken, dass sowohl die Anklageschrift (die in der DDR den Angeklagten nicht ausgehändigt wurde), die Urteilsverkündung und die Briefe ins und aus dem Gefängnis erhalten sind. Sie bilden den Grundstock für eine am 9. Februar 2013 in der Galerie "Silberstein" in Schwarzenberg eröffnete Sonderausstellung. Von den Vorbereitungen dazu hatte der Görlitzer Anzeiger unter dem Stichwort "woanders" berichtet.

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Eine beklemmende Dokumentation aus dem real existierenden Sozialismus

Eine beklemmende Dokumentation aus dem real existierenden Sozialismus

Ein früherer Mithäftling über gibt Jörg Beier (re.) das Buch "Via Knast in den Westen". Dabei sind Siegmar Faust und Sylvia Wähling vom Menschenrechtszentrum Cottbus e.V. Fotos: BeierMedia.de

Thema: Menschenrechte

Menschenrechte

Menschenrechte sind weltweit Thema. Die Erinnerung an die "sozialistische Rechtsprechung" und das SED-Unrecht sowie die vorangegangene Nazi-Diktatur mahnen, auch in Deutschland Menschenrechte und Demokratie nicht als selbstverständlich hinzunehmen, sondern immer wieder dafür einzutreten.

Die Vorgeschichte ist schnell erzählt: Stell Dir vor, es ist Sozialismus. Du bist Student und willst mit Freunden in den Sommerurlaub nach Bulgarien fahren. An einem Abend kurz vor der Abreise witzelt einer in der Kneipe: "Schickt doch mal ´ne Ansichtskarte aus der Türkei." Ein Stasi-Zuträger erkennt die Rolle seiner Bedeutung und unterstellt den Verdacht auf "Republikflucht". Beier, der gerade in Berlin ist, wird auf das Volkspolizeikreisamt bestellt (man brauche noch eine Unterschrift für die Reise) und wird dort festgehalten - vier Tage, ohne Nachricht an die Familie: verschwunden. Schnell zeigt sich, dass eine Republikflucht nie beabsichtigt war, aber eine Haussuchung fördert zu Tage, was den Bütteln der Machthaber suspekt erscheint: Biermann auf dem Tonband, Beschäftigung mit Religion, Sartre im Bücherregal, eine politisch zweideutige selbstgemachte Neujahrskarte... Es folgen sechs Wochen Einzelhaft auf dem berüchtigten Chemnitzer Kaßberg, insgesamt elf Monate Untersuchungshaft, Verurteilung, Verlegung ins Zuchthaus Cottbus.

Der Briefwechsel - eingehende Briefe wurden dem Gefangenen teils nur in Auszügen vorgelesen - dokumentiert die Sorge und die Mühen der Eltern und weniger Unterstützer, aber auch das System aus willfährigen Helfern des SED-Systems und die Angst der Anderen - beides Grundlagen der Diktatur. Die Stasi überwacht Beier bis 1989, der letzte IM Bericht datiert vom 24. Oktober.

Es ist keine nüchterne Dokumentation, sondern die Dokumente des Unrechts werden auf beklemmende Weise präsentiert: Hohe Wände, Enge, nackte Glühbirnen, eine nachempfundene Zelle. Einzelne Zitate hervorgehoben, im Kontext mit Collagen, dazu behutsam eingesetzte multimediale Ergänzungen.

Wie sehr die Ausstellung der Nerv politisch verantwortungsbewusster Menschen trifft zeigen die vielen zur Vernissage angereisten Gäste: Freunde, Mitinhaftierte, der Landrat des Erzgebirgskreises Frank Vogel (CDU), die Schwarzenberger Oberbürgermeisterin Gudrun Hiemer (CDU) und Beiers Familie trafen auf Sylvia Wähling, Geschäftsführende Vorsitzende des Menschenrechtszentrums Cottbus e.V. und den Autor Siegmar Faust, der sich als ehemaliger Häftling dort sehr engagiert. Über das Cottbusser Menschenrechtszentrum haben die früheren Häftlinge das größte politische Gefängnis der DDR im Jahr 2011 gekauft, um es als Gedenkstätte zu erhalten - ein wohl weltweit einmaliger Vorgang.

Umgesetzt hat Jörg Beier das Ausstellungsprojekt, das ihn über Monate hinweg beschäftigte, nicht alleine: Der Autor, Freie Journalist und Kulturredakteur Matthias Zwarg, der Grafiker Ingolf Höhl und die Fotografin Lydia Schönberg haben beigesteuert. Finanziell ermöglicht wurde die Ausstellung durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die Erzgebirgssparkasse, das Landratsamt Erzgebirgskreis und die Stadtverwaltung Schwarzenberg.

In Görlitz hatte Jörg Beier Ende 2012 in der früheren Synagoge seine Ausstellung "Jüdische Spurensuche" gezeigt.

Prädikat: Unbedingt hingehen!
Die Ausstellung unter dem Titel "Aber die Gedanken sind frei. Jörg Beier - gefangen in der DDR. Briefe durch die Gitter" wird bis zum 29. März 2013 in der Galerie "Silberstein", Obere Schloßstraße 5, 08340 Schwarzenberg/Erzgebirge, gezeigt. Öffnungszeiten sind jeweils von Dienstag bis Donnerstag von 15 bis 18 Uhr. Sonderführungen, insbesondere für Schulklassen, können vereinbart werden. Kontakt: Handy 0152 - 2 99 34 85.

Die Regional Magazin Gruppe berichtete u.a.:
Görlitzer Anzeiger vom 6. Januar 2013: Unfreiheit dokumentiert
Görlitzer Anzeiger vom 5. Sept. 2012: Wolf Biermann - Benefizkonzert für einen Knast
Görlitzer Anzeiger vom 8. August 2012: Wolf Biermann kommt ins Zuchthaus Cottbus
Sozialblatt.de vom 27. August 2010: Künstler vom Cottbusser Knast

Mehr:
Link zur Cottbusser Häftlingsgemeinschaft
Download der Selbstdarstellung des Menschenrechtszentrum Cottbus e.V.
http://www.freie-republik-schwarzenberg.de

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Kommentare Lesermeinungen (6)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Deutschlands Vergangenheit

Von Hermann Schwiebert am 19.03.2013 - 09:12Uhr
Sehr geehrter Herr Jäschke,

muß über Deutschlands Vergangenheit geredet werden? Von mir ein ganz klares und entschiedenes JA!

Es geht nicht darum, Deutschland schlecht zu reden. Das heutige Deutschland wird überall im Ausland respektiert, Deutschland ist begehrtes Anlaufland bei Asylbewerbern. Aber es geht um das Deutschland von Adolf Nazi. Und das Deutschland hat eben keinen Respekt verdient.

Natürlich haben auch andere Staaten eine dunkle Vergangenheit. Aber wenn wir mit dem Finger auf andere zeigen, wird unsere Vergangenheit nicht besser. Wir haben unsere Vergangenheit aufgearbeitet, mehr als andere Staaten, und dafür werden wir überall in der Welt geachtet.

Cottbus Stasiknast 1987 - 22.10.1987

Von Hans Ronald Bretschneider am 12.03.2013 - 21:50Uhr
Habe selbst im Stasiknast gesessen und wurde drei Stunden lang nackt fotografiert und somit in den Menschenrechten verletzt.

Habe meine Stasiakte erhalten, es wurden viele Stellen geschwärzt.

Der ehemalige Kollege (...) entpuppte sich als Spitzel der Gegenseite.

Deutscher Neuanfang

Von Ernst am 18.02.2013 - 18:15Uhr
@ Jens Jäschke: Die Chance für einen Neuanfang ist den Deutschen nach 1945 ja gewährt worden (wobei die Fehler von 1918 weitgehend vermieden wurden) und 1990 noch einmal.

Ich kann Herrn Schwiebert und Görzelec sehr gut folgen. Es muss das Bewusstsein wach gehalten werden, wie es zu Diktatur, nationaler Überheblichkeit, Kriegsgeilheit und Rassenwahn kommen konnte, sonst wiederholt sich das.

Vergangenheit

Von Görzelec am 17.02.2013 - 19:45Uhr
Vergessen tun wir als Menschen von ganz alleine. Da braucht man sich keine Sorgen zu machen, das ist ein völlig normaler Vorgang im Gehirn.

Aber wer seine Geschichte vergisst, ist gezwungen, sie zu wiederholen. Das ist ein nachdenkenswerter Satz.

Und das "die anderen" nicht über die dunkle Seite ihrer Geschichte reden würden und nur "die Deutschen" das, quasi zwanghaft, täten, wird mit der permanenten Wiederholung dieser Behauptung auch nicht wahrer.

Beispielsweise diskutiert die USA-Gesellchaft gerade anlässlich des neuen Tarantino-Streifens seit langer Zeit einmal wieder tiefgreifend über ihre Sklavereivergangenheit.

Und beim Blick in die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts gibt es nun einmal viel Böses zu erinnern. Das hat mit "Schuldkultur" oder irgendwelchen "Komplexen" gar nichts zu tun. Sondern es ist ein gutes Zeichen für die zivilisatorische Reife, derer wir uns derzeit in diesem Staat erfreuen dürfen. Schmerzhaft genug war der Weg bis hierher - gerade auch für die Nachbarn der Deutschen - allemal. Das zu vergessen, wäre sträflich.

Also immer schön die Erinnerung wach halten.

Dunkles Deutschland?

Von Jens Jäschke am 17.02.2013 - 17:04Uhr
Werter Herr Schwiebert,

muss denn über Deutschlands Vergangenheit geredet werden? Was entsteht dadurch für eine Ansicht über Deutschland? Wird über die "dunklen Seiten und Zeiten" von Russland, Polen, Hollands, Amerikas und den vielen anderen Staaten geredet, die menschenunwürdiges Handeln veranlasst haben? Nein.

Deutschland lässt sich gerne alles vorhalten, was mal war. Es nutzt allerdings nichts, sondern es schadet in den meisten Fällen. Irgendwann muss die Chance für einen Neuanfang auch gewährt werden, denke ich.

Langsam kommt das Vergessen

Von Hermann Schwiebert am 17.02.2013 - 04:52Uhr
Solche Ausstellungen kann es gar nicht genug geben. Nicht nur über die DDR, sondern auch über den Nationalsozialismus.

Langsam sterben die Überlebenden der Nazi-Diktatur aus, niemand kann mehr erzählen, alles gerät ins Vergessen. Und die DDR-Bürger, die den DDR-Staat erlebt haben und darüber erzählen möchten, werden auch weniger.

Die heute Zwanzigjährigen kennen weder das eine noch das andere. Alles ist weit weg. Die Freiheit und das Recht wählen zu gehen werden nicht mehr wahrgenommen. Reisefreiheit ist selbstverständlich. Politiker kritisieren: Vor Folgen muss sich heute keiner mehr fürchten.

Es ist an der Zeit, dass sich Schulklassen aufmachen und sich derartige Ausstellungen anschauen, auch die Orte des Grauens. Und danach muss in der Schule darüber gesprochen werden. Sonst spricht irgendwann niemand mehr über die dunklen Jahre Deutschlands.

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  • Quelle: red | Fotos: BeierMedia.de
  • Erstellt am 15.02.2013 - 08:52Uhr | Zuletzt geändert am 07.08.2019 - 15:44Uhr
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