Tillich gehört zu uns

Dresden. In ihrer Ausgabe vom 25./26. Juli 2009 widmet sich eine ostsächsische Tageszeitung den 297 Tagen, in denen der heutige sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich beim Rat des Kreises Kamenz „Stellvertreter des Vorsitzenden des Rates des Kreises für Handel und Versorgung“ war.

Eine Reflektion über Anpassung im DDR-System

Aufgegriffen werden Vorwürfe gegen den sächsischen Ministerpräsidenten, die von bestimmten Kreises kampagnenartig vorgetragen werden, ausgelöst vermutlich nur durch einige wenige Menschen, die im Westen des heutigen Deutschlands sozialisiert wurden, genauer gesagt in ihrem ganzen Leben nichts anderes gelernt haben, als irgendwie und mit allen Mitteln mit dem Arsch an die Wand zu kommen. Was offenbar aber nicht so richtig gelang, deshalb kamen sie - legitim und willkommen - in die Neuen Bundesländer. Ja, jeder, der sich im Aufbau Ost einbringt, ist willkommen, ganz gleich, ob das Motiv nun Karrierechance, Helfersyndrom, Ostlandrittertum, Heimatflucht oder Abenteuer ist.

Allerdings nicht willkommen und nicht legitim ist, dass ganz bestimmte Typen heute über Lebensläufe im realen Sozialismus, den sie nie kennenlernten, geschweige denn sich im entferntesten vorstellen können, den Stab brechen wollen.

Die Freiheit in der DDR

In der DDR war es so, dass durchaus jeder die Freiheit hatte zu entscheiden, wie weit er im System mitspielen wollte.

Wer wenig oder garnicht mitspielte, musste vor allem auf berufliche Karriere verzichten.

Wer gegen das sozialistische Vaterland spielte, gehörte gewöhnlich nicht zu denen, die „abgehau´n“ oder per Ausreiseantrag „rübergemacht“ sind, sondern landete im Stasi-Knast, auf dem Kaßberg in Chemnitz, im Gelben Elend in Bautzen, in der JVA Cottbus oder sonstwo. Zu den wahrhaft deutschen Patrioten zwischen 1949 und 1989 gehören auf jeden Fall jene politischen Häftlinge der DDR, die sich nicht in den Westen entlassen ließen, sondern blieben - unter widrigen Umständen.

Ob Wohlstandsflüchtlinge, die bei bekannter Gefahr für Leib und Leben über die innerdeutsche Grenze türmten, Patrioten sind, das mögen sie hingegen selbst entscheiden.

Wer aber mitspielte in der ehemaligen Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) - wie die mehr als zwei Millionen SED-Genossen (auf 17 Millionen Einwohner! - Sag mir, wo die Genossen sind, wo sind sie geblieben? Die Antwort, mein Freund...) - dem stand die kleine DDR-Welt offen.

Lebensläufe zwischen Systemnähe und -distanz

Die meisten DDR-Bürger fanden ihren Weg irgendwo zwischen Anpassung, Toleranz und Widerstand.

Mit Fragen wurde jeder konfrontiert:

Schickst Du Deine Kinder zu den Jungen Pionieren? Du willst doch nicht, dass sie Nachteile erleiden. Thälmann-Pionier werden sie dann ganz von allein. Welches Kind will schon ausgeschlossen sein, wenn die anderen das Halstuch bekommen und zum Pioniernachmittag gehen.

Gehst Du in die Freie Deutsche Jugend (FDJ)? Ziehst das Blauhemd an? Es sind doch fast alle drin. Und die FDJ-Jugendclubs sind doch wirklich klasse, viel lockerer als im verklemmten Westen.

Wirst Du Mitglied in der Organisation für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF)? Völkerfreundschaft ist doch nichts schlechtes.

Kommst Du mit zur Gesellschaft für Sport und Technik (GST)? Da kannst Du Deine Lkw-Fahrerlaubnis machen.

Trittst Du in den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) ein? Daran hängt der Urlaubsplatz für Deine Familie. Und die Gewerkschaft macht manchmal sogar das Maul auf.

Interessante Aufgaben warten auf Dich bei der Mitarbeit an Landesverteidigungsobjekten (LVO)! Mach mit, jedes Land muss sich doch verteidigen!

Arbeitest Du mit in der Zivilverteidigung (ZV)? Eine Katastrophenschutz braucht doch jede Gesellschaft!

Und zeigst Du Haltung, wirst Du Kämpfer in den Kampfgruppen der Arbeiterklasse? Wir schützen den Frieden und verteidigen die Errungenschaften der Arbeiterklasse!

Und nun zeig eine ordentliche Haltung: Werde Mitglied der Partei! Gemeint ist - als sei es selbstverständlich - die Sozialistische Einheitspartei (SED). Sonst endest Du auf dem beruflichen Abstellgleis.

Hilf uns, die Feinde des Volkes und des Fortschritts zu entlarven! Als Informeller Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit bis Du auf der Seite der Friedenskämpfer.


Wie weit jeder mitspielte, wie gesagt, musste jeder selbst entscheiden. Pioniere, FDJ, DSF und FDGB waren für die meisten DDR-Bürger Standard. Weitere Entscheidungen hingen davon ab, welche Erfahrungen mit dem DDR-System gemacht wurden.

Wer bereits mit dem Staatsapparat kollidiert war, entschied sich gewöhnlich gegen Partei, Kampfgruppe und Rüstungsarbeit. Die Folge bestand in den kleinen und manchmal großen Unannehmlichkeiten: Die Leistungsprämie wurde nicht gezahlt. Die Kinder wurden unter Druck gesetzt, wenn es um Abitur und Studienplatz ging. Berufliches Fortkommen war nahezu unmöglich.

Wer aber nicht kollidierte oder die DDR nach der Erfahrung des Dritten Reichs, der westdeutschen Abspaltung und der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik als die bessere Alternative sah, hängte zum Feiertag die Fahne raus und hatte zumindest politisch keine Probleme.

Die politische Wende war mittel- und langfristig nicht vorhersehbar


Dass sich Bürger im System DDR einrichteten und ihre Nische suchten, kann nicht zum Vorwurf gemacht werden. Selbst das bundesdeutsche „Ministerium für innerdeutsche Beziehungen“ war von der politischen Wende in der DDR völlig überrascht und überfordert.

Im genannten Zeitungsbeitrag wird hingegen herausgehoben, dass Stanislaw Tillich 16 Monate vor dem Ende der DDR von derem Ende nichts ahnt. Wie auch, wer hat das schon - noch im August 1989 war von Wiedervereinigung nicht mal ansatzweise etwas zu spüren.

Vor allem aber wird Tillich die Zustimmung zur Enteignung von „Westgrundstücken“ vorgeworfen. Die Rechtswidrigkeit wird erst nach der Wende festgestellt. Das Motiv zur Zustimmung bleibt offen: Umsetzung geltender Regelungen? Die Ohnmacht, es nicht ändern zu können und sich lieber dort zu engagieren, wo etwas bewirkt werden kann? Einfach nur die Teilnahme am Abstimmungsritual?

Zur Erinnerung: Auch DDR-Bürger, die geblieben waren, konnten - wie in den späten achtziger Jahren - enteignet werden. Rückführung in den staatlichen Bodenfonds nannte sich das beispielsweise, wenn Bodenreformland klammheimlich vom Privat- in den Staatsbesitz wechselte. Über die Namen der verantwortlichen und ausführenden Mitarbeiter auch im Nachwende-Landkreis Görlitz ist die Zeit hinweggegangen - wir jedenfalls werden sie nicht veröffentlichen.

Menschen mit Führungseigenschaften steigen in jedem System auf, soweit, wie sie es selbst ethisch-moralisch vertreten können. Wenn Tillich für seine Karriere den Weg über die DDR-CDU gewählt hat, kann ihm übermäßige Systemnähe nicht vorgeworfen werden. Alten SED-Genossen, auch in der Medienlandschaft, hingegen schon.

Die psychologischen Folgen einer Tillich-Demontage durch West-Kader und sein Ersatz durch einen West-Import wären unübersehbar - für viele Sachsen wäre mit dem Verlust der Identifikationsfigur Tillich das Maß nämlich voll.

Denkt jedenfalls

Fritz R. Stänker

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  • Quelle: /Fritz Rudolph Stänker
  • Zuletzt geändert am 27.07.2009 - 12:09 Uhr
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