Wahlkampf der Tiere

Wahlkampf der TiereGörlitz, 28. Mai 2022. Von Thomas Beier. Es begab sich, dass in einem Wald von den Tieren ein Walddirektor gewählt werden sollte. Das Prozedere zur Wahl war genauestens festgelegt und vor dem Wahltag, an dem der Beste unter jenen, die sich für den Posten hergeben wollten, bestimmt werden sollte, unternahmen die Kandidaten vielerlei, um das Wahlvolk von sich zu überzeugen.

Abb.: Wer hat im Wald den Hut auf? Frage nicht...

Bildquelle: ivabalk, Pixabay License

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Es geht um die Macht im Walde

Thema: Parteien, politische Akteure und Wähler

Parteien, politische Akteure und Wähler

Demokratie lebt von Akteuren, die substantiell zu Meinungsvielfalt beitragen, konsensfähig sind und so handeln, dass möglichst viele einbezogen werden und ein allgemein anerkannter Nutzen für die Gesellschaft entsteht, der über das oft genannte "Zeichen setzen" hinausgeht.

Das ist durchaus als legale Wahlbeeinflussung zu verstehen, wenn die Kandidaten sich ins rechte Licht setzen wollen und den Wählern das erzählen, was möglichst viele von denen gut finden, denn so kommt man zu Stimmen und an die Macht. Weil Macht zu haben sehr angenehm ist, hatten sich unter den Waldbewohnern sechs Kandidaten gefunden, die gern Walddirektor werden wollten: Reineke Fuchs, Henning Hahn, Kater Murr, Meister Petz, der Rabe Pflückebeutel und Isegrim, der Wolf.

Sechs Kandidaten diskutieren und verraten dabei viel über sich selbst

Ein wichtiger Termin für die Kandidaten war eine Podiumsdikussion unter der Leitung von Grimbart, dem Dachs. Der hatte sich viele wohldurchdachte Fragen bereitgelegt, etwa zur ausufernden Waldokratie, zur von vielen als viel zu hoch empfundenen Zapfensteuer oder zum Problem der herumstreunenden Jäger. Diese Grünröcke sorgten immer wieder für Unruhe unter den Waldbewohnern und stellen an den beliebtesten Wildwechseln Fotofallen auf, worin die Waldbewohner ihre Persönlichkeitsrechte beeinträchtigt sahen.

Die Kandidaten antworteten artig und gut vorbereitet auf alle Fragen, doch es ließ sich nicht vermeiden, dass bei einem jeden auch ganz eigene Ansichten und ein Stück des Charakters zum Vorschein kamen. Isegrim etwa, auf in Schafherden marodierende Wolfsrudel angesprochen, schaute ganz erstaunt und meinte, er habe noch nie davon gehört und überhaupt seien das alles bösartige Verleumdungen und Verschwörungstheorien gegen sein Volk.

Henning Hahn hingegen verwies darauf, man könne sich nicht ständig mit Kleinigkeiten aufhalten und müsse das große Ganze sehen. Am wichtigsten sei es, in die Welt hinauszugackern, wie schön es doch im Wald sei, alles andere ergebe sich dann schon von selbst. Man könne doch beispielsweise Kamele anlocken und ihnen den wunderschönen Wald zeigen und dabei das Geld aus der Tasche ziehen. Am Waldsee wolle er ein Karpfenhotel bauen, wo diese und auch kleinere und größere Fische dann so richtig ausgenommen werden können.

Das rief Kater Murr auf den Plan: Die Selbstinszenierung und Selbstbeweihräucherung nütze doch gar nichts, am Ende des Tages zähle doch nur, wie viele Mäuse man habe! Die Waldverwaltung beschäftige sich vor allem mit sich selbst, werde immer größer und suche sich ständig neue Beschäftigung, indem sie die Waldbewohner mit immer komplizierteren Bestimmungen und unsäglichen Kontrollen drangsaliere. Im Übrigen gleiche die Waldverwaltung einer total verfilzten dunklen Wolke aus Schall und Rauch, die völlig losgelöst von den Waldbewohnern herumschwebe.

Aber es müsse doch alles seine Ordnung haben, brummte Meister Petz. Das mache zwar viel Aufwand, aber mit Vernunft und im guten Einvernehmen man komme doch am ehesten vorwärts. Überhaupt sei er der Einzige, der sich auskennt, warum müsse er da überhaupt noch Wahlkampf machen?

Das sah der Rabe Pflückebeutel ganz anders, er hatte eine gewiefte Wahlkampftaktik entwickelt: Ständig schrie er, was alles her müsse: Durchblick und auf jeden Fall weiter so, aber ganz anders, weil mit ihm! Das kam beim Wahlvolk gut an, weil es gar nicht merkte, dass viele von Pflückebeutels Wahlversprechen bereits vom amtierenden Walddirektor erfüllt waren, auf andere seiner Versprechen der Pflückebeutel gar keinen Einfluss hatte und wieder andere gegen die Waldgesetze verstießen, also unerfüllbar waren.

Während der Pflückebeutel sich echauffierte, lächelte Reinecke Fuchs ihn an und fragte sich innerlich, wie der Schreihals wohl schmecken würde. Unter allen Kandidaten war Reineke der vielleicht wirklich erfahrenste. Er wusste ganz genau, wo die Hühner ihre Eier legen und wie man dort die Türen öffnet. So versprach er in wohlgesetzten Worten den Wählerinnen und Wählern, dass alle an seinen Kenntnissen und Beziehungen teilhaben würden, wenn nur die meisten ihm ihre Stimme gäben. Dass die Hennen dann doch lieber für Henning Hahn stimmen würden, war Reineke schon klar: Schlau wie er nun einmal war, setzte er lieber auf die Stimmen der Waldameisen.

Grimbarts Rat

Am Ende der Diskussion, die doch eher ein Schaulaufen war, fragte Grimbart die Wähler danach, wer in Zeiten der Veränderung besser als Walddirektor geeignet sei: Jemand, der mit Erfahrung die Dinge am Laufen halten und die Waldbewohner auch durch Unsicherheiten führen könne oder jemand, der als Neueinsteiger erst einmal lange brauche, um sich einzuarbeiten und noch länger, um jenes Vertrauen aufzubauen, das Zusammenarbeit erst effizient macht.

Schlussworte für die Kandidaten

Grimbart ließ seinen Blick in die Runde schweifen und sagte, anstelle eines Schlusswortes der Kandidaten werde er jedem Kandidaten ein Schlusswort mit auf den Weg geben.

Mit einem Blick auf Isegrim meinte Grimbart, man müsse auch schauen, wer noch so alles im Rudel hinter einem Kandidaten stehe. An Henning Hahn gewandt mahnte Grimbart, die Waldverwaltung sei kein Hofstaat und habe für die Waldbewohner da zu sein, nicht nur für einzelne Vorzeigeobjekte, für die sich die Höflinge gegenseitig auf die Schulter klopfen. Und Kater Murr musste sich belehren lassen: Eine eingespielte Waldverwaltung zu modernisieren und auf Effizienz zu trimmen, das sei so, als kämpfe ein Kater allein gegen tausend Mäuse: Er wird ermüden und dann von den Mäusen abgenagt.

Auch Meister Petz bekam nicht etwa Honig, sondern sein Fett weg: Vernunft zähle halt in der Politik wenig, weil die Waldtiere die Realität des Waldes ganz unterschiedlich wahrnehmen. Die Elster sieht den glitzernden Tau, der Biber die viele Arbeit und der Maulwurf ist beleidigt und macht nicht mehr mit, weil ihm jemand auf den Kopf gemacht hat. An den Pflückebeutel erging der Rat, sich als Heißluftproduzent doch besser in der Heizungsbranche auszutoben, da gebe es aktuell Bedarf an Energiespendern wie ihm.

Und der Reineke? Der hatte sich schon längst davongeschlichen, leistete sich ein vergnügliches Hühnerstündchen und malte sich inmitten der herumfliegenden Federn aus, mit welchen Posten und Pöstchen er als Wahlsieger seine Sippe und Unterstützer wohl versorgen würde.

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  • Quelle: Thomas Beier | Bildquelle: Czech / ivabalk, Pixabay License
  • Erstellt am 28.05.2022 - 13:34Uhr | Zuletzt geändert am 28.05.2022 - 14:32Uhr
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