Stimmen zur Siemens-Rettung in Görlitz

Stimmen zur Siemens-Rettung in GörlitzGörlitz, 9. Mai 2018. Nachdem bekannt wurde, dass Siemens sein Görlitzer Werk zur Zentrale für Industriedampfturbinen ausbauen will und damit die seit dem Vorjahr erwogene Schließung vom Tisch ist, haben sich die Görlitzer Verwaltungsspitze sowie Politiker zu Wort gemeldet.
Abbildung: Teilansicht des Görlitzer Siemens-Werkes

Görlitzer Oberbürgermeister und Landtagsabgeordnete

Nachdem der Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinege (parteilos) mit der Görlitzer Werkleitung und dem Betriebsrat über die Nachricht zum Standorterhalt des Siemens-Turbinenwerkes gesprochen hatte , äußerte er sich gestern Nachmittag: "Uns ist in Görlitz ein Stein vom Herzen gefallen. Das ist eine sehr gute Nachricht für Siemensianer, ihre Familien und die Menschen dieser Stadt." Es gelt, die Industriedampfturbine in Görlitz weiterzuentwickeln: "Denn angesichts der Krise im Großturbinengeschäft muss sich auch Görlitz mit dem speziellen Sektor der Industriedampfturbine dem Wettbewerb stellen."

Deinege freute sich darüber, dass sich Siemens nach der ursprünglichen Schließungsmitteilung mit den danach vorgelegten Standortkonzepten offen auseinander gesetzt hat. In Görlitz hatte, so der Eindruck des Oberbürgermeisters, vor allem die motivierte, selbstbewusste und kreative Belegschaft den angereisten Siemens-Chef Joe Kaeser beeindruckt: "Indem die ganze Stadt hinter den Siemensianern stand und steht – von Ladenbesitzern über Schüler, Gewerkschaften, Vereine, Kirche, Politiker und Wirtschaftsvertreter – ist eine einfache und billige Abwicklung des Görlitzer Werkes nicht mehr möglich gewesen."

Unabhängig von den weiteren Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Konzernleitung, wie viele der gut 950 Beschäftigten weiterhin in Görlitz arbeiten werden, zog Deinege eine erste Bilanz: "Heute ist zweifellos der Tag, das erfolgreiche gemeinsame Ringen um den Standort zu feiern."

Thomas Baum, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag, betonte gestern, dass sich der gemeinsamer Kampf für Siemens in Görlitz gelohnt habe. Das Bekenntnis von Siemens zum Standort Görlitz sei ein starkes Signal für die Stadt und die Region, das Hoffnung macht: "Wenn Görlitz wie jetzt angekündigt zur weltweiten Zentrale für das Industrieturbinengeschäft entwickelt werden soll, zieht das hoffentlich andere Investoren in die Oberlausitz. Die braucht die Region dringend. Dieses Bekenntnis zum Görlitzer Standort ist der Erfolg der gesamten Region und aller Beteiligten die in den letzten Monaten extrem hart dafür gekämpft haben. Es zeigt auf eindrucksvolle Weise, wenn die Menschen im Landkreis Görlitz zusammenhalten, dann sind wir stärker, als wenn alle ihr eigenes Süppchen kochen."

In Bezug auf das Lepziger Werk, dass nun ebenfalls nicht geschlossen werden soll, sprach Baum von einem Lichtblick: "Das Unternehmen muss jetzt beim angedachten Verkauf des Leipziger Werkes im Blick haben, dass die dortigen Beschäftigten so schnell wie möglich eine sichere Perspektive bekommen." Baums Fazit: "Der gemeinsame Kampf der Kolleginnen und Kollegen, Betriebsräte, der IG Metall, aber auch der regionalen Politiker hat sich gelohnt. Wir werden den weiteren Prozess im Interesse der Arbeitnehmer und der Region begleiten."

Mirko Schultze, Görlitzer Abgeordneter der Landtags-Linksfraktion, sprach von einem guten Signal für die Oberlausitz, aber zum Feiern sei es noch zu früh: "Dass die Schließungspläne für das Görlitzer Siemens-Werk jetzt vom Tisch sind, ist ein gutes Signal für die Oberlausitz. Trotzdem müssen wir weiter für den Erhalt jedes Arbeitsplatzes in der Region kämpfen. Auch steht noch nicht fest, wie viele Jobs noch gestrichen werden. Wir stehen weiter an der Seite der Beschäftigten, denn noch immer geht es Siemens vor allem darum, auf Kosten der Belegschaft noch höhere Gewinne zu erzielen." Für Görlitz sei es gut, dass weiter Industriedampfturbine produziert werden sollen. Dass dem Werk die Aufgaben anderer Standorte übertragen werden, zeige indes, "dass Siemens mit dem Erhalt dieses Werkes andere Entlassungen rechtfertigen will".

Zum Feiern sei es eindeutig zu früh, meint Schultze: "Jetzt, wo Görlitz gerettet scheint, dürfen wir auf gar keinen Fall unsere Solidarität mit den Beschäftigten in anderen Werken fallen lassen. Schließlich standen Siemensianer aus ganz Deutschland mit uns auf der Straße, als das Görlitzer Werk geschlossen werden sollte."

Von anderen Parteien sind beim Görlitzer Anzeiger keine Statements zum Verbleib von Siemens in Görlitz eingegangen.

Kommentar:

Für die Stadt Görlitz, ihre Bevölkerungsstruktur, den hiesigen Einzelhandel und die Dienstleister sind der Erhalt und die Aufwertung des Siemens-Werkes, das schon bisher fünf Standorte, so in Tschechien und Brasilien, steuerte, von enormer Bedeutung.

Und die anderen Siemens-Standorte? Das Siemens-Werk in Offenbach bei Frankfurt am Main, das Kraftwerksturbinen baut, hat längerfristig keine Perspektive, allerdings sollen hier die Mitarbeiter wohl großenteils von Siemens selbst in der Region aufgefangen werden. Eine solche Option, überhaupt in einem anderen Industriebetrieb unterzukommen, hätte es in Görlitz nicht gegeben.

Dennoch: Die Umstrukturierung erfasst weitere Siemens-Werke, betriebsbedingte Entlassungen gehören sicherlich dazu, denn der Kraftwerksmarkt ist um 75 Prozent eingebrochen. Der Wandel hält nicht inne, deshalb sind Unternehmen wie Arbeitnehmer auch in Görlitz gut beraten, sich der Arbeitswelt 4.0 zu stellen. Der wachsende IT-Sektor, nur als Beispiel, ist für die Neißestadt ein gutes Signal,

meint Ihr Thomas Beier

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  • Quelle: red | Foto: Matthias Wehnert
  • Zuletzt geändert am 09.05.2018 - 10:51 Uhr
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