Aus dem Tagebuch einer Zittauer Journalistik-Studentin

Aus dem Tagebuch einer Zittauer Journalistik-StudentinEichstätt | Zittau, 9. Juni 2009. Romy Ebert aus Zittau studiert im 2. Semester Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt. In Ihrer heutigen Kolumne widmet sie sich dem Thema: Studierst du noch oder lebst du schon? Sie sinniert über Studienabbrecher und den Nutzen des Studiums.

Foto: Privat

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Bachelor, Bischof, Bar - Alltägliches aus der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

Upps, da waren es nur noch Zweiundzwanzig. Nein, nicht verbliebene Klopfer in der Vorratspackung, ungelernte Spanischvokabeln oder Studenten-Fußballer auf dem Platz. Sondern Zweiundzwanzig Bachelor-Journalistikstudenten, die keine kalten Füße bekommen haben und noch dabei sind.

Traumberuf Journalist. Immer auf Achse, mit Millionen Menschen rund um den Globus in Kontakt, alles schon einmal gehört. Schnell mal ein paar kreative, vielleicht sogar intelligente Sätze für die morgige Zeitungsausgabe hingekritzelt. Fertig. Genau das wollten sie alle. All die 140 motivierten Bewerber und Gelegenheitsjournalisten, die sich just vor einem Jahr durch Probeartikel, Pressekonferenzen, Bewerbungsgespräche und überdurchschnittlich knifflige Wissenstests gekämpft, geboxt, beinahe gebissen haben. „Ich habe alle wichtigen Chefredakteure auswendig gelernt, also den Kai Diekmann von der Bild und den Giovanni di Lorenzo von der Zeit oder…“ Das war das erste was ich von einer Mitbewerberin zu hören bekam. Zu sehen wie sie sich nervös die Haare und frisch gebügelte Bluse richtig zupfte. „Und du so?“ Meine Vorbereitung? Schulterzucken. Vielleicht ein paar Texte für die Schülerzeitung geschrieben. Das wird doch wohl reichen, oder etwa nicht?

Jedenfalls sitzen wir jetzt, gerade, heute nebeneinander. Im Seminarraum. Innovationen im Journalismus. Zweites Semester. Sie malt Bleistiftbildchen von Sonne und Strand in den proppevollen Terminkalender, da wo in 4 Monaten „Semesterferien“ drinstehen. Ich sitze hier und schreibe meine Kolumne. Die restlichen Anwesenden blättern in Zeitungen (oder in E-Papern), träumen mit geschlossenen Augen oder verfolgen gespannt die Diashow auf dem Laptop des Vordermanns. „Haben wir wieder was gelernt!“ - Markus Kavka hätte keine Berechtigung seinen Lieblingsslogan loszuwerden - weniger noch als nach seiner Moderation der Nachrichten auf MTV. Aber stehen da nicht zwei Leute vorn und werfen bunte Bildchen an die Wand - ach nein, sie halten ein Referat, ´tschuldigung. Meine Nachbarin holt das Sudokuheft aus der Tasche. Es ist fast komplett gelöst. Logisch. Man hat ja genug Zeit zum lösen, wenn man sieben Seminare und gefühlte sieben Tage die Woche von Referaten umspült wird. Umspült mit aus Büchern geliehenem Wissen und von Studenten gespielter Interesse. Könnte ich nicht mein Referat für nächste Woche beginnen oder mal beim Lokalblatt anfragen ob sie eine neue Billig-Schreibkraft brauchen?

Da war doch noch was - ach ja, Anwesenheitspflicht. Hallo Bachelor. Das Praktisch-Journalistische kann da schon mal auf halber Strecke nach Energie und Zeit ächzend links liegen bleiben. Und das alles, um dann von renommierten Journalisten im arrangierten Expertengespräch mit Chefredakteuren, also Kai Diekmann oder Giovanni di Lorenzo, zu hören, dass ein Fachstudium, zumal als Bachelor, eher lächerlich als förderlich für die SuperDuper-Karriere sei. Kein Wunder, dass die Studenten da kalte Füße bekommen. Ich meine, wer von uns hat noch nicht darüber nachgedacht abzuhauen. Bachelor? Ach komm - die Welt ist doch groß.

Zuerst war da nur der Ortswechsel und Nummer 1 ging nach einem Tag. Dann: Wechsel von der Journalistik zur Philosophie. Adé Nummer 2. Und heute - BAM! - gehen gleich zwei. „Ich halte das einfach nicht mehr aus, das ist soviel Stress. Ich gehe jetzt ein Urlaubssemester nach Südafrika.“, sagt die Eine. „Ich glaub ich will doch kein Journalist werden.“ - der Andere. Schon tragisch, was der Bachelor aus den Motivationsmonstern gemacht hat. Aber wer sollte es ihnen verübeln? Etwa der Präsident der Universität? Moment - welcher denn? Der zuletzt Gewählte hat ja dann kalte Füße bekommen, als seine Vorstellungen über den Job von den Trägern der Universität doch nicht als förderlich abgestempelt wurden. Dreifache Pensionsforderungen - so ein Dreikäsehoch.

Wer kann es den Studenten denn dann noch verübeln?

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  • Quelle: Romy Ebert | Foto: Privat
  • Erstellt am 09.06.2009 - 12:13Uhr | Zuletzt geändert am 04.01.2021 - 16:36Uhr
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