Fritz Pleitgen, Zeitgenosse

Fritz Pleitgen, ZeitgenosseGörlitz, 11. August 2021. Von Thomas Beier. Gestern las der bekannte ARD-Journalist Dr. Fritz Pleitgen im Kuppelsaal des Kulturforums Görlitzer Synagoge aus seinem neuen, 2021 erschienenen Buch "Eine unmögliche Geschichte. Als Politik und Bürger Berge versetzten." und reflektierte über seine Zeit als Korrespondent in Moskau, Ostberlin und Washington, über die Implosion der "DDR" und die deutsche Wiedervereinigung. Dabei erwies er sich als Kenner ostdeutscher Befindlichkeiten.

Abb.: Herzliche Begrüßung von Dr. Fritz Pleitgen, der mit Frau (li.) und Tochter gekommen war, durch den Görlitzer Kulturbürgermeister und Moderator des Abends Dr. Michael Wieler. Eröffnet hatte die Veranstaltung Landrat Bernd Lange.

Foto: © BeierMedia.de

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Journalismus mit Standpunkt

Journalismus mit Standpunkt

Fritz Pleitgen im Jahr 2002 mit dem Schwarzenberger Holzbildhauer und Kunstkneiper Jörg Beier in der Freien Republik Schwarzenberg, die von seinem Freund Stefan Heym im Roman "Schwarzenberg" thematisiert wurde. Hintergrund sind die Ereignisse unmittelbar nach Kriegsende: In der Amtshauptmannschaft Schwarzenberg hatten vor allem kommunistische und sozialistische Aktivisten, nachdem das Gebiet nicht besetzt wurde, die Nazis am 12. Mai 1945 selbst entmachtet und das Überleben organisiert. Schließlich wurde die Rote Armee herbeigebeten, die am 26. Juni 1945 friedlich einrückte. Im Foto verewigt sich Fritz Pleitgen auf dem Stammtisch, wie man noch heute sehen kann. Aus Görlitz bestellte er gestern Grüße in die Freie Republik Schwarzenberg.

Foto: Lydia Schönberg

Wenn Fritz Pleitgen von seiner Arbeit als Journalist des öffentlich-rechtlichen Rundfunks – für ihn ein Qualitätsanspruch – berichtet, dann macht er aus seiner ganz persönlichen Perspektive keinen Hehl. Die ist geprägt von der Sicht des Sozialdemokraten, der er aus Sympathie für die Ostpolitik des auch in der "DDR" beliebten Bundeskanzlers Willy Brandts wurde. Das übrigens führte in Pleitgens USA-Zeit zu Misstönen, weil er die Aufrüstungspolitik von US-Präsident Ronald Reagan kritisch sah, später allerdings anerkannte, dass sich Reagan im großen Umfang auf die von Michail Gorbatschow favorisierte Abrüstungspolitik einließ.

Interviewpartner und Freunde

Überhaupt wurde am Abend im Kuppelsaal des als "Neue Synagoge" errichteten Hauses deutlich, wie stark einzelne Führer die Geschicke der Welt beeinflussen. Pleitgen hat mit vielen von ihnen gesprochen, so als erster westlicher Korrespondent mit Leonid Breschnew, Vorsitzender der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Auch die Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Kohl waren Interviewpartner, nur "DDR"-Staats-und Parteichef Erich Honecker nicht, mit dem "mittelmäßigen Funktionär" und seinem starren Denken konnte Pleitgen gar nichts anfangen. Überhaupt misst Pleitgen dem Wirken einzelner Persönlichkeiten große Bedeutung und damit Verantwortung zu.

Nicht die Funktionäre, sondern andere, die aus dem Gebilde "DDR" stammten und später freiwillig oder unfreiwillig in den Westen, die alte Bundesrepublik übersiedelten, waren Pleitgen wichtig. Dazu zählten der Schriftsteller Günter Kunert (1929-2019) und der 1936 in Hamburg geborene, 1953 in die "DDR" übergesiedelte und 1976 ausgebürgerte Lyriker und Liedermacher Wolf Biermann, den Pleitgen mit spitzbübischer Freude zitierte. Ein wichtiger Gefährte war auch der als Helmut Flieg in Chemnitz geborene Schriftsteller Stefan Heym (1913-2001), Flüchtling aus Nazi-Deutschland, Rückkehr als Soldat der US-Armee, einer der bedeutsamsten Schriftsteller der "DDR", Demokrat, Sozialist und SED-Gegner, Alterspräsident des Deutschen Bundestags.

Balsam für die ostdeutsche Seele

Der Journalist Pleitgen wäre sicher auch ein guter Diplomat geworden. Er verstand es, sowohl mit den Herrschenden auch mit ihren Gegnern zu sprechen und auf beiden Seiten respektiert zu werden. Offenbar hat er auch den Leuten im Osten des heutigen Deutschlands gut zugehört, wenn sie von ihren Befindlichkeiten erzählten. Und so konnte Pleitgen die vernarbte ostdeutsche Seele streicheln.

Er erzählte von den Siegern die selbst nichts hatten – Stefan Heym sprach von Befreiern, die die Freiheit nicht bringen konnten – und deshalb mitnahmen, was die Deutschen ihnen genommen hatten, während im Westen der in der Bundesrepublik klug als Darlehen verwaltete Marshall-Plan den Zunder für den Aufschwung bildete. Auch kritisierte Pleiten die schnelle Besetzung ostdeutscher Führungspositionen mit Westdeutschen und meinte, vieles hätten die Leute vor Ort auch selbst gekonnt – Pokerface beim Moderator.

Allerdings darf man darüber nicht vergessen: Auch im "Goldenen Westen" hatten es nach dem Krieg und trotz Wirtschaftswunder viele nicht leicht und mancher Vorteil des Lebens im Sozialismus blieb verwehrt, wenn man etwa an die – freilich sozialistisch geprägte – Kinderbetreuung und die zumindest formale Gleichstellung der Frau denkt.

Erzählungen überdauern die Zeiten

Bei allem bleibt Pleitgen ehrlich: An die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten in absehbarer Zeit habe in den Siebziger- und Achtzigerjahren weder in West noch in Ost kaum noch jemand geglaubt. In Ostberlin wohnte er an der Leipziger Straße, in einem der großen weißen Häuser an der Mauer, wo vor allem VIPs und Funktionäre zu Hause waren, weil der Blick nach Westberlin – und auf das Axel-Springer-Hochhaus – dank der Sperranlagen der Berliner Mauer, deren Abriss damals auf Jahrzehnte hinaus unvorstellbar schien, unverbaubar war.

Jedenfalls sprach Pleitgen auch in Görlitz aus, was vielen nicht so recht ins idealisierte Bild passen will: An die Zeit der "Friedlichen Revolution" mit ihren Demonstrationen und Runden Tischen schloss sich nahtlos nicht etwa der Ruf nach der deutschen Einheit, sondern der nach der D-Mark an. "Kommt die D-Mark, bleiben wir. Kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!" war der ernstgemeinte Ruf, der damals im ost- wie im westdeutschen Staat für Sorgen bei den Staatslenkern sorgte. Trotz schneller Währungsunion wanderten dann doch viele in die alten Bundesländer ab, wegen besserer Bezahlung oder um die generell besseren Chancen für höher Qualifizierte zu nutzen.

50 Geschichten aus den wilden Jahren hat Fritz Pleitgen in seinem Buch zusammengefasst und damit ein Zeitdokument geschaffen, das hilft, Zerrbilder der Erinnerung zu korrigieren und einen wichtigen Abschnitt deutscher Geschichte nicht nur den Historikern zu überlassen.

Lesetipp!
Eine unmögliche Geschichte. Als Politik und Bürger Berge versetzten.
Von Dr. Fritz Pleitgen. Erschienen bei Herder, Freiburg 2021, ISBN 978-3-451-39053-1.


Nachsatz:
1978 war Fritz Pleitgen erstmals in Görlitz und sah die schöne, aber dank der Politik der SED-Genossen dem Untergang geweihte Stadt. Das wiederauferstandene Görlitz hätte gut sein Altersitz werden können, meinte er. Nun aber, im späten Abendlicht, mag ihm der Auftritt im Kulturforum Görlitzer Synagoge trotz aller Anstrengung eine Freude gewesen sein. Dem Görlitzer Kulturservice ist dafür zu danken, die Veranstaltung an diesem Ort ermöglicht zu haben.

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto in der Synagoge: © BeierMedia.de, Foto Jörg Beier und Fritz Pleitgen: Lydia Schönberg
  • Erstellt am 11.08.2021 - 06:56Uhr | Zuletzt geändert am 29.09.2021 - 17:25Uhr
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