Eine Lanze für guten Journalismus...

Eine Lanze für guten Journalismus...Görlitz, 1. Februar 2020. Von Thomas Beier. Qualitätsjournalismus Raum und Stimme zu geben ist in Zeiten vieler und aufeinanderprallender Meinungen notwendiger denn je. Ausgerechnet die freie Mediengesellschaft macht es den seriösen Stimmen jedoch schwer, wahrgenommen zu werden. Bereits werden intitutionalisierte oder öffentlich-rechtliche Nachrichtenmedien von der Berichterstattung über bestimmte Ereignisse ausgeschlossen. Eine Zustandsbeschreibung.

Grafik: Görlitzer Anzeiger, Hintergrundfoto: Ryan McGuire, Pixabay License

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...und für die Tageszeitung

Ach, wie war es doch vordem für die Medien so bequem: Die geliebte Heimatzeitung fungierte noch als Zentralorgan. Das brachte zu Zeiten der "DDR" für den noch nicht abgestumpften Leser und für die aufgeschlossene Leserin die reizvolle Herausforderung mit sich, zwischen den Zeilen zu lesen. "Zwischen den Zeilen lesen, aber da steht doch gar nichts?", wird nun manches jüngere Semester fragen. Ei freilich, es gab schließlich auch genug, worüber gar nicht berichtet wurde, über willkürliche Verhaftungen etwa, wenn Honecker eine Stadt besuchte und die üblichen Verdächtigen erst einmal für zwei-drei Tage verschwanden.

Zwischen den Zeilen zu lesen hat aber weitere, für die Medienkompetenz förderliche Aspekte: So war zu checken, ob eine Nachricht im Sinne einer, damals der der sozialistischen, Weltanschauung verzerrt wurde oder gar eine geheime Botschaft versteckt war, die offen auszusprechen für den Journalisten unagenehme Folgen nach sich gezogen hätte. Auch die offizielle Lüge war der in den sozialistischen Ländern – wie vorher im national Sozialismus – gleichgeschalteten Presse nicht fremd.

Und wie ist das heute? Die Presse ist formal freier denn je, nur scheint sie zuweilen ihre Freiheit selbst eilfertig zu begrenzen, schließlich will man ja nichts falsch machen. Wichtiger jedoch ist, dass die Presse heutzutage in einem Markt bestehen muss, in dem der Rezipient nicht unbedingt nach der Qualität der journalistischen Arbeit auswählt, sondern oft genug nach dem Grad der Erregung und des Bedienens eigener Vorurteile. Das bringt die institutionalisierte Presse in eine Zwickmühle: Beschränkt sie sich auf die klassische und ausgewogene Berichterstattung und auf Kommentare nach journalistischen Kriterien, wandern die Leser ganz besonders im Onlinebereich ab zu Portalen, die das Aufmerksamkeitszentrum im Hirn besser bedienen als den Verstand, Folge: Neuigkeiten werden reflexhaft konsumiert und zu einem Meinungsbild zusammengesetzt, das mit den Ansprüchen gesellschaftlichen Zusammenlebens und der Entwicklung eines Weltbildes kaum noch etwas gemein hat.

Vor diesem Hintergrund, so der Eindruck, teilt sich die Nachrichtenwelt. Wenn wir im Printbereich bleiben, dann sind es die bundesweit relevanten Tageszeitungen, die das Qualitätsfähnchen hochhalten. Je regionaler die Ausgaben werden, umso mehr scheinen sie sich am Lesebedürfnis potenzieller Abonnenten zu orientieren, wenn man bei den zu bezahlenden Zeitungen bleibt. In den Onlineausgaben der Regionalblätter hingegen scheinen zuweilen die Hilfsredakteure von der Leine gelassen. Unter Beiträge, die ohne Hintergrundwissen und die geringste Recherche erstellt wurden, mischen sich immer wieder Meldungen, die nicht einmal das "nice to know"-Niveau erreichen. Es geht wohl schlichtweg darum, Klickzahlen zu generieren, um Online Werbung zu verkaufen. Besonders die Konzentration auf Meldungen aus dem Blaulichtbereich lassen bei vielen Lesern den irrigen Eindruck einer ganz besonders hohen Gefährung entstehen.

Auch Verkehrsmeldungen aus dem Unfallgeschehen – und seien sie noch so hanebüchen – finden so starkes Interesse, dass sie überregional verbreitet werden. Für die Redakteure sind solche News freilich mit viel weniger Aufwand zu erstellen als eine sorgfältig recherchierte Meldung, wer wüsste das besser als wir beim Görlitzer Anzeiger selbst. Und dennoch verzichten wir mit Meldungen aus dem Schmuddel- und Blaulichtbereich auf ein ganzes Stück Klickrate, dabei auch wissend, dass wir eine gute Tageszeitung nicht ersetzen können. Deshalb bleibt es unser Rat: Abonnieren Sie eine gute Tageszeitung, aber lesen Sie den Görlitzer Anzeiger!

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  • Quelle: Thomas Beier | Grafik: Görlitzer Anzeiger, Hintergrundfoto: RyanMcGuire / Ryan McGuire, Pixabay License
  • Erstellt am 01.02.2020 - 11:01Uhr | Zuletzt geändert am 01.02.2020 - 12:01Uhr
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