Lausitz Festival soll Region weiter aufwerten

Lausitz Festival soll Region weiter aufwertenGörlitz, 21. März 2019. Von Thomas Beier. Die Lausitz spürt erneut den Wind des Wandels aufkommen: Nach dem wilden Kahlschlag der alten Industrie, die so nur unter den "DDR"-Bedingungen der Stagnation überlebt hatte, in der ersten Hälfte der Neuzigerjahre nun der Zwanzigjahresplan des Braunkohleausstiegs, wenn denn nur jemand einen Plan hätte oder wenigstens die Kompetenz, einen solchen zu entwickeln. Trotz alledem: Das Lausitz Festival, das 2019 extrem kurzfristig durch die Lausitzhalle und mehrere Kirchen gehen soll, hat Potenzial. Wer da mit Vergangenheit unkt, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt.
Abbildung oben: Maria Schulz und Benedikt M. Hummel, die Doppelspitze der Görlitzer Kulturservicegesellschaft mbH, eröffneten die Pressekonferenz zum Lausitz Festival

Ein neues Festival mit hohem Anspruch

Ein neues Festival mit hohem Anspruch

Von links: Festivalintendant Daniel Kühnel, Oberbürgermeister Siegfried Deinege und Ministerpräsident Michael Kretschmer, ganz rechts Ulf Großmann, Präsident der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen

Vorgestellt wurde das Lausitz Festival am Morgen des 20. März 2019 in den Räumen der Görlitzer Kulturservicegesellschaft in der Brüderstraße. Einen wohl unbeabsichtigt intellektuellen Hintergrund zu den erschienenen Politikern und Honoratioren bot die aktuelle Armin Mueller-Stahl Ausstellung "Der wie'n Vogel fliegen kann" (Tipp: unbedingt angucken – nur noch bis zum 30. März 2019!).

Das Gute: Die Pressekonferenz war perfekt organisiert, nach der Begüßung durch die Kulturservice-Geschäftsführer Maria Schulz und Benedikt M. Hummel sagten die Redner das, was zu sagen war: Der Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinege sah Görlitz stellvertretend für die gesamte Lausitz. Außerdem war ihm die Lage von Stadt und Region in der Mitte Europas wichtig. Es ist schön, immer wieder an diese Tatsache erinnert zu werden, die in Bezug auf das Lausitz Festival nun endlich wirklich einmal hilfreich sein könnte. Ministerpräsident Michael Kretschmer betonte die Rolle der Kultur für einen für die Wirtschaft attraktiven Standort und deutete angesichts des Braunkohleausstiegs eine Sonderwirtschaftszone für die Lausitz an, in der Investitionen im besonderen Maße erleichtert werden können. Man müsse zeigen, dass hier überraschende Dinge möglich sind.

In der Klarheit der Worte war es allerdings Festivalintendant Daniel Kühnel, der die eigentliche Botschaft des Festivals verständlich machte: Nicht die Region als Kulisse benutzen, sondern bei Kunst und Kultur von Weltrang das Interesse für die Lausitz wecken. Das macht Hoffnung auf eine künstlerische Befruchtung der Region, die beispielsweise über die Installationen der Transnaturale, einem von 2005 bis 2009 durchgeführten Licht-Klang-Festival im Norden des Landkreises Görlitz, hinausgeht und nicht in Konkurrenz zum Lausitzer Musiksommer, der im Jahr 2019 aussetzt, steht.

Die Wirtschaft folgt der Kultur. Wem sonst? Nicht ohne Grund sind bedeutende Wirtschaftsführer zugleich der Kunst zugewandt (während Politiker, wenn sie nicht zu den ganz Großen gehören, eher dazu neigen, diese zu benutzen). Einfach gesagt: Wenn unterschiedliche Wirtschaftsstandorte aus wirtschaftlicher Sicht ähnliche Rahmenbedingen bieten, ja, wonach will man bei der Auswahl denn gehen? Regionen mit hoch entwickelter Kultur versprechen am ehesten Leistungswillen, Engagement, gemeinsame interessenplattformen und interessante Menschen. Anders sieht das allerdings der AfD-Oberbürgermeisterkandidat Sebastian Wippel, der sich bereits vor der Pressekonferenz geäußert hatte: "...anzunehmen, durch ein staatlich subventioniertes Festival kämen neue Unternehmen in die Lausitz oder würden sich gründen, ist reichlich naiv und letzten Endes Steuergeldverschwendung."

Anwesend zur Pressekonferenz waren allerdings nur die Oberbürgermeisterkandidaten Octavian Ursu von der CDU und Franziska Schubert (Bündnisgrüne, unterstützt vom Bürger für Görlitz e.V. und von der Stadtbewegung Motor Görlitz). Schubert hofft, dass die regionale Verankerung des Lausitz Festivals auch wirklich gelingt und meint außerdem, das Festival könne den Einstieg in den Strukturwandel symbolisieren und verdeutlichen. Mike Altmann vom kommunalpolitschen Netzwerk Motor Görlitz äußerte sich auf facebook: "Möge nach dem geheimnisvollen Start – ganz ohne die Einbindung der regionalen Akteure – dieses Festival dabei helfen, der Lausitz ein Stück Zukunftsmut zu geben. Dafür wird eine Ideenkonferenz nicht reichen, zu der überaus kurzfristig eingeladen wurde."

Klein, aber fein

In seinem ersten Jahr wird das Lausitz Festival, ein kleines, ein exzellentes Festival sein. Warum es aber extrem kurzfristig, quasi im Handstreich, auf die Bühne resp. in die Kirchen gezerrt wird, bleibt fragwürdig. Der mit der Organisation beauftragten Görlitzer Kulturservicegesellschaft ist mit Sicherheit kein Vorwurf zu machen, aber ein Festival mit neun Tagen Ankündigungsvorlauf führt jeden Marketing-Profi in die Nähe des Schaffots. Kam der Zuwendungsbescheid für die Förderung so spät, durfte nicht eher begonnen werden? Der Countdown zur eilends gebauten, dennoch wohlgelungenen Festival-Website wäre unter anderen Umständen ein netter Marketing-Gimmick.

Abgesehen von der Pressekonferenz lockt das Festival mit fünf Konzerten und einer Ideenkonferenz als Einstieg, alles verteilt auf die Tage vom 29. März bis zum 2. April 2019. Die Ideenkonferenz, die sich der Zukunft des Lausitz Festivals widmen soll, und das erste Konzert finden in der Lausitzhalle Hoyerswerda statt, die vier folgenden Konzerte in Kirchen in Zittau, Görlitz und Cunewalde, wo die größte Dorfkirche Sachsens steht. Damit bleibt das Lausitz Festival in diesem Jahr auf die Oberlausitz*) beschränkt, auch die Oberlausitzer Regionen in Polen und Tschechien bleiben wie die Niederlausitz noch außen vor. Das sollte sich schon bei der nächsten Festivalauflage ändern, bitteschön, ebenso so wie die Erweiterung auf weitere Kunstsparten.

Und vorbeugend mit auf den Weg: Bitte nicht wieder von "grenzübergreifend" oder – schlimmer noch – "grenzüberschreitend" sprechen. Damit werden Grenzen betont, die eigentlich nach und nach soweit verschwinden sollten wie die einstige sächsisch-preußische Grenze im heutigen Landkreis Görlitz. Die Lausitz war seit ihrer Besiedlung immer so sehr beliebt, dass Hinz und Kunz wie auch Bolek und Lolek immer wieder einmarschierten (man nehme nur den Friede von Bautzen**)) oder sie bis ins 20. Jahrhundert als Tafelsilber beliebig den Herrscherhäusern zuschoben. Kunst und Kultur überhaupt sprechen die Sprache, die in dieser Region wie weltweit alle verstehen. Deshalb sollten wir sie nutzen.

Prädikat: Unbedingt hingehen!
Das Festivalprogramm des Lausitz Festivals ist hier zu finden (bitte auch den April anklicken) , die nicht genannten Eintrittspreise sollen dem Vernehmen nach günstig sein. Auf der Website finden sich auch Informationen zu den Künstlern, zum indendanten und zum Festival an sich.

*) Streng genommen gibt es keine Lausitz, sondern nur die beiden Lausitzen: die Oberlausitz und die Niederlausitz.

**) Der "Friede von Bautzen" wurde im Jahr 1018 durch ein Treffen des römisch-deutschen Kaisers Heinrich II. und des polnischen Herzogs Bolesław I. eingeleitet und beendete jahrzehntelange Kämpfe um die heutige Oberlausitz. Kurz gesagt hatten die Deutschen die Slawen besiegt und tributpflichtig gemacht. Doch auch in Böhmen und in Polen gab es Begehrlichkeiten, die militärisch durchgesetzt werden sollten. Bolesław I. besetzte die Burg Bautzen, von wo ihn Heinrich II. wieder vertrieb. Allerdings hielt Bolesław nicht still... In seiner historischen Dimension ist der Friede von Bautzen dem Westfälischen Frieden, der 1648 den DreißigjährigenKrieg beendete, vergleichbar.

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  • Quelle: Thomas Beier | Fotos: @ Görlitzer Anzeiger
  • Zuletzt geändert am 20.03.2019 - 18:17 Uhr
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