Weihnachtsmärkte – viel mehr als Bratwurst und Glühwein

Weihnachtsmärkte – viel mehr als Bratwurst und GlühweinMünster | Görlitz | Schwarzenberg, 5. Dezember 2016. Von Thomas Beier. Deutschlandweit haben Weihnachtsmärkte Hochkonjuktur, ob nun der Nürnberger Christkindlesmarkt, der Schlesische Christkindelmarkt in Görlitz, die Weihnachtsmärkte im sächsischen Erzgebirge, die, mitten im deutschen Weihnachtsheimatland, als die weihnachtlichsten überhaupt gelten, oder der Weihnachtsmarkt im westfälischen Münster. Wobei – "Weihnachtsmarkt" trifft es hier nicht ganz, wird die Münstersche Altstadt doch gleich von fünf Märkten okkupiert.

Foto: © Görlitzer Anzeiger

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Unterwegs in Westfalen und in Sachsen

Unterwegs in Westfalen und in Sachsen

In Münster liegen die fünf Weihnachtsmärkte im Stadtzentrum dicht beeinander, ideal für einen ausgedehnten Bummel.

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Thema: Woanders

Woanders

"Woanders" – das ist das Stichwort, wenn der Görlitzer Anzeiger auf Reisen geht und von Erlebnissen und Begegnungen "im Lande anderswo" berichtet. Vorbildliches, Beispielhaftes und Beeindruckendes erhält so auch im Regional Magazin seine Bühne.

Und das mit Ausdauer: Während die Görlitzer das Markttreiben im Jahr 2016 vom 2. bis zum 18. Dezember dulden, haben die rund 300 Stände in Münster nach dem Wenn-schon-denn-schon-Prinzip bereit seit dem 21. November geöffnet – und meist bis kurz vor Ultimo, also bis zum 23. Dezember. Schauen wir uns doch einmal um.

Der größte und älteste Weihnachtsmarkt in Münster lockt in den Rathausinnenhof, nicht etwa zu vergleichen mit dem traulichen Görlitzer Rathausinnenhof, sondern gelegen auf dem Platz des Westfälischen Friedens. An den ungefähr 120 Ständen wird im Verlauf des Marktes mit insgesamt einer Million Besuchern gerechnet. Die werden von einem Mix aus 70 Prozent Kunsthandwerk und 30 Prozent Gastronomie angelockt. Eine tolle Service-Idee ist der Gepäckbus der Stadtwerke Münster, in dem man seine Einläufe lagern kann, ehe man sich erneut in das Gewirr der Weihnachtsbuden stürzt.

Auf dem Weihnachtsmarkt am Aegidiimarkt haben sich eine große Weihnachtspyramide mit Glockenspiel, eine Krippe und eine Märchenwelt (Tipp für Familien: die Märchenwanderung, die mit einer Überraschung beim bösen Wolf endet) zu den Verkaufsständen gesellt. Hier wird fündig, wer nicht nur Bratwurst und Glühwein, sondern vielleicht auch einen schicken Hut, Keramik, Holz- oder Wollwaren sucht. Seine geschützte Lage macht den Aegidiimarkt zur ersten Wahl, wenn der Wind übers Münsterland pfeift – nur nicht am 23. Dezember, denn hier ist bereits am Tag zuvor Schluss.

Zu Füßen von St. Lamberti funkelt es: Nicht ohne Grund ist der Markt an der Kirche als der Lichtermarkt bekannt. Weil die Münsteraner und ihre Gäste die blauen, weiß gedeckten Giebelhäuschen auf dem Prinzipalmarkt so sehr mögen, nennt sich dieser Weihnachtsmarkt selbstbewusst der schönste von Münster.

Wer durch das Tor aus Tannenzweigen und gewundenen Lichterschläuchen den Giebelhüüskesmarkt (in Münster wird Mönsterlänner Platt geschnackt) betritt, dem bietet sich als Kulisse die markante Überwasserkirche. Der auch Ghü genannte Markt ist der jüngste im Reigen der fünf Weihnachtsmärkte der Stadt. Die Giebelhäuschen erinnern – wenn auch nur ein klein wenig – an die verrückten Bauwerke auf der Kulturinsel Einsiedel. Ghü reimt sich auf Glüh, also setzt dieser Markt auf seine typischen Glühweine und außerdem auf hochwertiges Kunsthandwerk. Auch auf diesem Markt gehen die Lichter einen Tag vorzeitig, am 22. Dezember um 20 Uhr, aus.

Kiepenkerle wurden die fahrenden Händler zwischen Sauerland und Hamburg genannt, in Westfalen waren diese nicht nur an ihrer Kiepe, dem Korb auf dem Rücken, sondern auch an ihrer Tracht zu erkennen: blauer Leinenkittel, Mütze, Wanderstab, Holzschuhe (nicht zu verwechseln mit den holländischen) und nichtzuletzt die Tabakspfeife. Heute erinnern nicht nur Radio Kiepenkerl, das Kiepenkerl-Windhundrennen und das Kiepenkerl-Viertel in Münster an die Händler. Wenn der Münsteraner jedoch zu Kiepenkerl geht, dann ist mit Sicherheit eine der beiden benachbarten Gaststätten "Großer Kiepenkerl" oder "Kleiner Kiepenkerl" gemeint. Genau hier auf dem Spiekerhof entsteht alljährlich das Weihnachtsdorf im Kiepenkerlviertel.

Wenn es in Görlitz weihnachtet

Selbstverständlich geht es den Görlitzern wie den Münsteranern: Ihr Markt, der in der ostsächsischen Stadt Schlesischer Christkindelmarkt genannt wird, ist ebenfalls der schönste weit und breit. Tatsächlich sorgt die Kulisse der original erhaltenen und weitgehend sanierten Altstadt für eine besonders anheimelnde Atmosphäre. Die alte Handelsstadt, unweit des Dreiländerecks von Sachsen, Polen und Tschechien, freut sich über Weihnachtsstandbetreiber aus diesen Ländern und dem Kernbereich Oberlausitz, Böhmen und Niederschlesien.

Was diesen Markt besonders macht, ist vor allem das mit ihm verbundene Veranstaltungsprogramm. Täglich kommt das Christkindel und die Kinder können basteln. Die Feuerwehr legt Feuer, damit Knüppelkuchen gebacken werden kann. Zum geselligen Beisammensein lädt eine große Jurte mit Kanonenofen, im Lesezelt wird gelesen und auf der Bühne musiziert – nicht nur, wenn der Markersdorfer Singekreis zum Großen Weihnachtssingen ruft. Überhaupt sind Vereine ganz stark am Leben auf dem Görlitzer Weihnachtsmarkt beteiligt. Am Rathaus bietet das "Weihnachtliche Postamt" seine Dienstleistungen für die Grußverschickung an. Als regionale Besonderheit fallen die drei Meter hohen Lichtzepter ins Auge, die es nur mancherorts in der Oberlausitz und in Schlesien gibt. Wer es körperlich aktiv mag, den wird man über kurz oder lang auf der Eislaufbahn oder beim Eisstockschießen wiederfinden.

Weihnachtliches Erzgebirge

In der an Brauchtum reichen Montanregion, zugleich deutsches Ur-Weihnachtsland, stehen zur Adventszeit die Schwibbögen in den Fenstern und in Dörfern und Städten drehen sich die Großpyramiden – die allererste übrigens seit 1934 in Schwarzenberg, die welthöchste seit 2014 in Johanngeorgenstadt.

Die Weihnachtsmärkte in den erzgebirgischen Bergstädten, so beispielsweise auch in Annaberg und Schneeberg, sind vom engen Bezug der Einheimischen zu den Traditionen des Bergbaus, teils auch der Blechverarbeitung, geprägt. In Schwarzenberg vermischen sich die auf einem Felssporn gelegene Altstadt, zu der auch das über dem Schwarzwassertal thronende Ensemble aus Schloss (Tipp: Museum!) und Kirche gehört, und der Weihnachtsmarkt zu einer einzigartigen Weihnachtsstadt: dem Schwarzenberger Weihnachtsmarkt. Die Provisorische Regierung der Freien Republik Schwarzenberg sieht das vom Zweiten bis zum Dritten Advent andauernde weihnachtliche Treiben mit Wohlgefallen und befördert es rund um Kunst und Kneipe, so auch im Künstlergässchen, nach Kräften.

Den Rundgang beginnt man am besten am Bahnhof. Vorbei am Schnitzerheim geht es den Bahnhofsberg hinauf, wo die Felsen des Totensteins die Kulisse für einen überlebensgroßen Weihnachtsberg (bis Februar) bieten. Ein Stück höher noch lugt sogar der Schwarzenberger Lindwurm hervor...
Im Zentrum, hier oft "die Stadt" genannt, verteilen sich die Marktbuden über den Unteren und den Oberen Markt, über die Untere und die Obere Schloßstraße und die Erlaer Straße. Unbedingt besuchen sollte man das Marktgäßchen mit dem erwähnten Künstlergässchen, außerdem den mittelalterlichen Weihnachtsmarkt im Schlosshof. Für Eisenbahnfreunde gehört ein Abstecher in den Eisenbahntunnel unter dem Schloss – hier stellen Modelleisenbahner große Anlagen aus – zum Pflichtprogramm.

Für viele wäre Weihnachten nicht vollständig ohne die Große Schwarzenberger Bergparade (Sonnabend, 10. Dezember 2016, 17 Uhr) und die Christmetten, die wohl nur noch im Erzgebirge am frühen Morgen des ersten Weihnachtstages abgehalten werden. Sie folgen auf die letzte Schicht des Jahres im Bergwerk, die deshalb sogenannte Mettenschicht, die mit einer kleinen Feier beendet wurde.

Weihnachtsmärkte sind attraktiv

Liebevoll inszeniert, perfekt organisiert und mit lokalen Traditionen verbunden – das scheint das Erfolgsrezept der deutschen Weihnachtsmärkte zu sein. Dennoch werden in den Regionen, das zeigen auch die Beispiele aus Münster, Görlitz und Schwarzenberg, unterschiedliche Akzente gesetzt.

Wer's nicht glaubt, muss selber hinfahren.

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  • Quelle: Thomas Beier | Fotos: © Görlitzer Anzeiger
  • Erstellt am 05.12.2016 - 10:41Uhr | Zuletzt geändert am 07.09.2021 - 06:26Uhr
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