Vandalen gegen Kunst in Görlitz

Vandalen gegen Kunst in GörlitzGörlitz, 13. Oktober 2016. Nein, Görlitzer Art kann das nicht sein, wie manche Zeitgenossen mit der Kunst im öffentlichen Raum der Stadt Görlitz umgehen. Es geht um die Zerstörungswut gegenüber Kunstobjekten der Ausstellung "Görlitzer ART" (ein Wortspiel mit dem englischen Art = Kunst), die von sowohl jungen und wie auch etablierten Künstlern aus Breslau (Wrocław) und Niederschlesien stammen. Schon vor der Eröffnung am 1. April 2016 wurden einzelne Objekte der Ausstellung beschädigt, in der Nacht zum 12. Oktober 2016 wurde nun die Installation "Grenze" von Tomasz Tomaszewski auf dem Lutherplatz schwer verwüstet.
Abbildung: Wenn Kunst den Menschen einen Spiegel vorhält, dann halten die verwüsteten Prismen der "Grenze" den Vandalen einen solchen vor.

Prismen der Installation "Grenze" werden repariert

Thema: Ausstellungen in Görlitz

Ausstellungen in Görlitz

Görlitz verfügt nicht nur über fast 4.000 Baudenkmale, sondern ist eine Stadt der Museen und Ausstellungen. Hier befinden sich beispielsweise das Kulturhistorische Museum, das Schlesische Museum zu Görlitz, das Museum der Fotografie und das Senckenberg Museum für Naturkunde, im polnischen Teil der Europastadt das Lausitz-Museum. Darüber hinaus gibt es häufig Sonderausstellungen an anderen Orten, auch im Umland der Stadt.

Nachdem sie davon erfahren hatten haben sich Mitarbeiter des Görlitzer Betriebshofes der städtischen Görlitzer Kulturservicegesellschaft mbH, von der die Ausstellung organisiert wurde, vor Ort das Ergebnis des Wütens gegen die Kunst angesehen. Sie fanden eine teils umgeworfene Kunstinstallation, die zudem wohl mit spitzen und schweren Gegenständen beschädigt wurde.

Die Fläche um das eigentlich mit Spiegeln, die nun teils zerbrochen sind, versehene Kunstobjekt musste abgesperrt werden. Die Scherben haben Mitarbeiter des Betriebshofs entfernt.

Sicher ist: So massiv ist noch keines der Kunstobjekte angegriffen und beschädigt worden. Der Sachschadens wird seitens der Görlitzer Stadtverwaltung auf bis zu 1.000 Euro geschätzt, ein Wert, der was angesichts des Gesamtaufwands durchaus höher ausfallen könnte.

Gemeinsam mit dem Görlitzer Kulturservice hat sich die Stadtverwaltung Görlitz dafür entschieden, die Kunstinstallation vollständig zu reparieren und wieder aufzustellen - schon, um sich nicht einer Vandalismusaktion zu beugen. Sobald der vom nasskalten Wetter aufgeweichte Platz etwas getrocknet ist, sollen die instandgesetzten Prismen wieder aufgestellt werden. Die sind übrigens mit Gehwegplatten und Sandsäcken gefüllt, damit sie sicher stehen. Zugleich ist das ein Indiz dafür, dass bei der Beschädigung mehrere Täter am Werk gewesen sein müssen.

Bei der Reparatur soll das Spiegelglas durch schlagzähes Acrylglas ersetzt werden. Das verhindert zwar keinen Vandalismus, kann aber die auf dem Platz spielenden Kinder besser vor dessen Folgen schützen.

Gewalt gegen "Schaufenster der Kulturhauptstadt Europas"

Kunstobjekte der "Görlitzer ART", die nach vierjähriger Vorbereitung im Görlitzer Stadtgebiet gezeigt werden, sind seit Ihrer Aufstellung immer wieder beschädigt worden. Diese formalen Sachbeschädigungen haben eine kulturpolitische Dimension, denn sie Ausstellung ist laut Ausschreibung ein Schaufenster der diesjährigen Kulturhauptstadt Europas Breslau. Welcher der Künstler, die die Ausschreibung gewonnen haben, welches Kunstwerk an welchem Platz installiert, haben die Görlitzer selbst entschieden. Eine Route verbindet die Aufstellungsorte zwischen dem Görlitzer Bahnhof und der Altstadtbrücke zu einem Spaziergang der besonderen ART.

Bislang - ohne die Schäden der vorletzten Nacht - mussten bereits 4.390 Euro von der Stadt Görlitz und 1.340 Euro von den Künstlern selbst aufgewendet werden, um die Ausstellungsobjekte nach Beschädigungen zu reparieren bzw. zu ertüchtigen.

Nur drei der zehn Objekte blieben bisher von schwerem Vandalismus verschont:
  • die "Maske" im Kreisverkehr Bahnhofstraße,
  • die "Spindel" auf dem Lutherplatz und
  • die "Uhr" auf der Conrad-Schiedt-Straße.

Beschädigt wurden hingegen:
  • das "&" auf dem Wilhelmsplatz,
  • der "Turm" auf der Hotherstraße in Nähe der Altstadtbrücke
  • die "Herde" auf der Elisabethstraße (jetzt auf dem Marienplatz aufgestellt),
  • die "Grenze" am Lutherplatz,
  • der "Puls der Stadt" auf der Berliner Straße,
  • die "Wolkenschaukel" auf dem Otto-Buchwitz-Platz und
  • die "Salzkristalle" im Uferpark an der Lausitzer Neiße.

"Görlitzer ART" ist noch bis zum 9. April 2017 in Görlitz zu sehen.

Mehr erfahren über die "Wolkenschaukel" im Görlitzer Anzeiger!
28.05.2016: Görlitzer können wieder in den Wolken schaukeln

Kommentar:

Wieder fällt ein Schatten auf Görlitz, denn überregional nimmt man lediglich wahr, dass in Görlitz Kunst beschädigt wird. Im Hintergrund schwebt dann mit (Vorurteile suchen nach Bestätigung!), dass diese Provinzler im östlichen Dunkelsachsen eben mit Kunst, vor allem, wenn sie modern ist, nicht umgehen können - was so verallgemeinernd ja keinesfalls stimmt. Doch wo wird in Zeiten des Schwarz-Weiß-Denkens noch differenziert und hinterfragt?

Im Umgang mit der Kunst und ihren Spielarten zeigt sich der Zustand einer Gesellschaft. Nur so konnten die Nazis den Begriff "entartete Kunst" etablieren und Werke bedeutender und unbekannter Künstler lächerlich machen, der öffentlichen Wahrnehmung entziehen, vernichten oder klammheimlich verkaufen.

Kunst hat nicht den Anspruch, zu "gefallen", sondern es geht darum, welche Gefühle und Denkprozesse sie auslöst. Wer allerdings mit dieser Wirkung von Kunst nicht umgehen kann, verlangt schon mal deren Entfernung aus dem öffentlichen Raum oder - als höchste Form der Ablehnung - zerstört sie.

Dieses Phänomen greift in unserer Gesellschaft um sich: Auch ohne Wissen und Erfahrung kann man sich eine Meinung bilden und im Bekanntenkreis oder dank der sozialen Netzwerke des Internets Leute mit gleichen Ansichten finden. So ist es möglich, eine "kritische Masse" Gleichgesinnter, die sich gegenseitig bestätigen und aufputschen, zu mobilisieren - seien es wenige, wenn es gegen ein Kunstobjekt geht, seien es viele, wenn es beispielsweise um Flüchtlinge geht.

"Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift" - dieses Lenin-Zitat gilt leider universell. Deshalb ist es so notwendig, dass die Anständigen unter uns sich artikulieren, mit ihren Sorgen, mit ihren Vorschlägen, stets aber human und sich abgrenzend gegen simple Stimmungsmache,

meint Ihr Thomas Beier

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