Die überforderte Gesellschaft

Die überforderte GesellschaftGörlitz, 9. Oktober 2021. Von Thomas Beier. Die Coronapandemie hat quasi im Eilzugtempo gesellschaftliche Entwicklungen zugespitzt und vermengt. Ihre gemeinsame Plattform haben dabei die Gegner jener Vorsichtsmaßnahmen, mit denen einer weitgehend unbeherrschbaren Ausuferung der Pandemie Einhalt geboten und Schaden vom Einzelnen abgewendet werden soll, ausgebaut.

Abb.: Demonstration Mitte Februar in München

Foto: Michael Hofmann, Pixabay License

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Meinungen nicht nur bewerten, sondern nach Umständen und Motiven fragen, die zu ihnen führen

Die Überschneidung von religiösen und esoterischen Gedanken in Bezug auf die Pandemie sowie von Ansichten aus völkischen, rechtsextremen, reichsbürgerlichen und antisemitischen Kreisen hat zu einer tiefen Spaltung der deutschen Gesellschaft geführt: In jene, die an Wissenschaft, Vernunft und den grundsätzlich guten Willen staatlichen Handelns glauben, und in jene, die sich unserer komplexen und auch widersprüchlichen Gesellschaft entfremdet fühlen und Erklärungen und Gewissheiten außerhalb suchen.

Vor allem die Tatsache, dass heutzutage jedermann in den sozialen Netzwerken enorme Reichweiten erzielen kann, wobei sich wie bei jedem Dorftratsch auch hier negative, emotional aufgeladene und beunruhigende Nachrichten mehrfach besser verbreiten als die nüchternen Sichtweisen, hat zu einer Lagerbildung bei den sogenannten Coronakritikern bis hin zu Coronaleugnern geführt.

Diesem Lager steht der Rest der Gesellschaft weitgehend fassungslos gegenüber – und nicht nur das: in vielen Fällen auch wehrlos. Aber wie will man mit jemandem diskutieren, der Wissenschaft ablehnt, dafür aber bloße Behauptungen, die meist nur auf einem "es könnte ja sein" beruhen, postuliert?

An vielen Stellen ist eine mangelnde Differenzierung festzustellen, in Windeseile werden Meinungen bestimmten Grundhaltungen zugeordnet und es wird darüber vergessen:

    • Nicht jeder, der Zuwanderung aus ganz anderen kulturellen und religiösen Kreisen kritisch sieht, ist ausländerfeindlich.
    • Nicht jeder national-konservativ Orientierte ist ein Nazi.
    • Nicht jeder Esoteriker lehnt die Wissenschaften ab.

Allerdings ist die gesellschaftliche Diskussion wohl vor allem aus zwei Gründen zum Erliegen gekommen: Die Fronten der Lager sind verhärtet und das auch, weil jene, die sich vom esoterisch-völkisch-rechten Gedankengut angezogen fühlen, entweder hier den Ansatz für eine einfachere, überschaubare Welt zu finden glauben oder dieses Potential ganz bewusst nutzen, um selbst an Macht zu gewinnen.

Esoterik in der Realität

Befreit man die Esoterik von Okkultismus und Verschwörungsmythen – von den Illuminaten bis zu den Reptiloiden – bleibt eine Grundfrage: Sind wir menschliche Wesen, die spirituelle Erfahrungen machen, oder sind wir spirituelle Wesen, die für eine gewisse Zeit als Menschen existieren? Die Antwort auf diese Frage scheint nicht so wichtig, wie sich diesem Entweder-Oder überhaupt bewusst zu sein.

Mal praktisch: Viele glauben, mit Hilfe der Tarot Karten einen Blick in die Zukunft werfen zu können. Allerdings ist es ein Unterschied, ob sich jemand schicksalsgläubig den Karten ausgeliefert fühlt oder diese als Zugang nutzt, um über die eigene Zukunft nachzudenken. Über die Zukunft zu sinnieren beinhaltet eine Dreiteilung: Was ist naheliegend und sicher, was kann man selbst beeinflussen und welchen Entwicklungen ist man ausgeliefert? So gesehen ermöglichen die Tarot Karten einen Zugang zur Zukunft, der sonst so einfach nicht zu finden wäre – und den kluge "Wahrsager" selbstverständlich nutzen.

Interessant sind zudem Gebiete, die der Esoterik zugeordnet werden, weil sie von der Wissenschaft zwar anerkannt werden, diese aber bislang keine vollständigen Erklärungen dafür liefern kann. Zu den beeindruckendsten Phänomenen zählen Außerkörperliche Erfahrungen (AKE), wie sie etwa im Zusammenhang mit Nahtodeserfahrungen geschildert werden, beispielsweise, wenn ein Ertrinkender sich selbst von oben sieht. Ähnliche Erfahrungen können – wissenschaftlich unbestritten – mit sogenannten Astralreisen gemacht werden. Ausgelöst werden kann das Verlassen des eigenen Körpers willentlich – etwa durch Meditation – oder unwillkürlich in einem Zustand, den man mit “schlafender Körper und waches Hirn” bezeichnen kann. Auch chirurgische Eingriffe ins Hirn und Drogen können als Auslöser für AKE fungieren.

Wer eine Außerkörperliche Erfahrung erlebt hat, berichtet von einem Gefühl zwischen Angstüberwindung und tiefer Entspannung. Zu den beeindruckendsten Berichten gehört der des berühmten Psychiaters und Psychologen Carl Gustav Jung, der 1944 – also weit vor Beginn des Raumfahrtzeitalters – bei einem Herzinfarkt eine AKE erlebte: Er sah die Erde aus rund 1.500 Kilometern Höhe in blauem Licht, unter ihm Ceylon (heute Sri Lanka) und Indien. Es sei das Herrlichste und Zauberhafteste gewesen, was er je erlebt habe. (Quelle: Wikipedia / Außerkörperliche Erfahrung).

Erweiterte Definition von Lernen

Woher das Gehirn die für eine Astralreise nötigen Informationen nimmt, ist unklar. Beeindruckend ist jedoch immer wieder, mit welcher Klarheit diese in Erscheinung treten. Bei einer eigenen Astralreise – damals kannte ich den Begriff noch nicht – durch New York fiel mir auf, dass ich perfekt Englisch sprach und verstand, also Vokabeln und grammatikalische Konstruktionen nutzte, die mir im Alltag nicht geläufig waren. Seither hat sich meine Definition von Lernen verändert: Es geht nicht nur um den Wissenserwerb, sondern auch um den Zugang zu vorhandenem Wissen.

Die meisten Menschen können lernen Astralreisen zu erleben und auf diese Weise Außerkörperliche Erfahrungen zu machen, ganz im Sinne des hocheffizienten erfahrungsorientierten Lernens – Erfahrungen kann man nämlich nicht ablehnen, was andere an Wissen vermitteln möchten, hingegen schon. Da sich der Körper bei einer AKE im Schlaf befindet, ist er in gewisser Weise geschützt, während das Hirn eine Art Wachtraum erlebt. Ähnlich wie beim luziden Träumen – auch Klarträume genannt – kann sich der Schlafende während der Traumereignisse weitgehend steuern und diese auch abbrechen. Klarträume werden übrigens in der Psychologie genutzt, um etwa von wiederkehrenden Albträumen zu befreien.

Resümee

Angesichts der tiefen Risse in der Gesellschaft und ihrer Hintergründe wird deutlich, dass es nicht hilfreich sein kann, die anderen jeweils nur als “dumm” abzustempeln. Viel wichtiger ist es, auf Umstände und Motive zu schauen, die eine einzelne Person zu einer bestimmten Meinung geführt haben. So gesehen wird es einer sich immer weiter differenzierenden Gesellschaft nicht gerecht, von “den Rechten”, “den Linken”, “den Esoterikern”, den “Querdenkern” etc. pp. zu sprechen. Andererseits liegt es in der Verantwortung jedes Einzelnen, welcher Szene er sich aufgrund seiner Meinungen und seines Verhaltens zuordnen lassen muss und für welche Zukunft er damit eintritt.

Kulturzuschlag:
Lass uns auf die Reise gehen – aber ohne Drogen

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: muenocchio / Michael Hofmann, Pixabay License
  • Erstellt am 09.10.2021 - 07:50Uhr | Zuletzt geändert am 09.10.2021 - 09:49Uhr
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