Abtreibungen grenzenlos?

Abtreibungen grenzenlos?Görlitz, 13. Juli 2021.Von Thomas Beier. Aufregung in Görlitz, jedenfalls bei jenen, die es eher beschaulich mögen: Die Künstlerin Lisa Maria Baier hatte im Vorjahr für die Open Air Kunstausstellung "Görlitzer Art" mit ihrem Werk "Kulisse" einen der zehn Zuschläge bekommen. Aufgestellt in Neißenähe an der Straßenverbindung nach Polen nutzt sie ihre Installation nun, um gegen das restriktive polnische Abtreibungsrecht zu protestieren.

Foto: © BeierMedia.de

Anzeige

Ist das Kunst? Muss es deshalb weg? Lösung gefunden

Ist das Kunst? Muss es deshalb weg? Lösung gefunden

Kunst hinter Gittern? Nein, es sind nur Bauzäune vor der in Sanierung befindlichen Görlitzer Stadthallte

Foto: © BeierMedia.de

Thema: Ausstellungen in Görlitz und Umgebung

Ausstellungen in Görlitz und Umgebung

Görlitz verfügt nicht nur über fast 4.000 Baudenkmale, sondern ist eine Stadt der Museen und Ausstellungen. Hier befinden sich beispielsweise das Kulturhistorische Museum, das Schlesische Museum zu Görlitz, das Museum der Fotografie und das Senckenberg Museum für Naturkunde, im polnischen Teil der Europastadt das Lausitz-Museum. Darüber hinaus gibt es häufig Sonderausstellungen an anderen Orten, auch im Umland der Stadt sowie in der Dreiländerregion von Sachsen, Tschechien und Polen.

Doch weit gefehlt, lediglich die Schriftzüge "PRAWA KOBIET" / "WOMAN'S RIGHTS!" (dt.: Die Rechte der Frauen) und ABORCJA BEZ GRANIC (dt.: Abtreibung ohne Grenzen) sind zu erkennen. Wer aus der Verwendung der polnischen Sprache einen Angriff auf Polen und die gutnachbarschaftlichen Beziehungen – die es zumindest in der Europastadt Görlitz-Zgorzelec noch gibt – erkennt, dem muss man diese Wahrnehmung lassen, da hat ja bekanntlich jeder seine eigene.

Dennoch entstehen Fragen. Die erste und schon sprichwörtliche lautet: Ist das Kunst oder kann das weg? Nun, die aus Görlitz stammende Lisa Maria Baier hat die Kunst lange studiert, an der altrenommierten Hochschule für Bildende Künste Dresden (HfBK), die Partnerin der Görlitzer Art 2021/2022 ist, und an der Magyar Képzőművészeti Egyetem (MKE), das ist die Ungarische Akademie der Bildenden Künste, schließlich als Meisterschülerin bei Prof. Scheffler. Will sagen, und das ist sehr ernst gemeint: Bei derartig hochstudierten Künstlern ist eben Kunst, was bei anderen als kreativer Anfall gewertet wird – so, wie sich eben ein Strich von Picasso von dem eines Zeichenzirkelmitglieds unterscheidet.

Kunst als Bote

Die "Kulisse" ist also Kunst, tief- und hintersinnig, und die Jury für die "Görlitzer Art" – die Ausstellung sorgte erst- und letztmalig im Jahr 2016 für Aufregung in Görlitz – hat einen guten Griff getan, die Installation auszuwählen. Nun aber hat Lisa Maria Baier, ihre Installation, die wohl wegen der Stadthallen-Baustelle hinter einem Bauzaun aufgestellt ist, genutzt, um eine andere Botschaft zu senden, die zum einen eher allgemein Frauenrechte einfordert, dann aber konkret wird, weil sie bedeutet: Wir Frauen unterscheiden selbst über unseren Körper.

Das ist eine Meinung, die nicht jeder teilt, und immer wieder sind es Männer, die sich für den Schutz ungeborenen Lebens ereifern. Sicher berührt das tiefste Grundsätze der Weltanschauung, doch wenn nach wohlgemerkt gründlicher Beratung dem Entschluss zur Abtreibung nicht nachgegeben wird, dann passiert's eben im Hinterzimmer, was ja auch niemand wollen kann.

Doch das ist gar nicht der Kern des Problems. Der liegt eher dort, wo sich die Görlitzer Stadtpolitik als internationale Spitzenpolitik begreift und jegliche diplomatische Verwirrung im Ansatz unterbinden möchte. Irgendwie erinnert das an die Verklemmung, aus der heraus im Jahr 2006 die Plakate einer Medienkunstausstellung überklebt wurden – mit schwarzer Folie, aus Angst, Kinder in Höschen könnten pädophile Neigungen erwachen lassen.

Welche Freiheit zählt?

Wie dem auch sei, hier prallen drei Freiheiten aufeinander: Auf der einen Seite stehen das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Freiheit der Kunst, auf der anderen Seite das Recht der "Görlitzer Art", sich ein Kunstwerk im Großen und Ganzen wie vereinbart einzufordern. Welches Recht wiegt höher? Ausgesucht hatte die auszustellenden Kunstwerke im Oktober 2020 eine nichtöffentlich tagende Jury, die aus zwei HfBH-Vertretern, einer Künstlerin und seitens der Stadt Görlitz aus Kulturbürgermeister Dr. Michael Wieler und Kai Wenzel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kulturhistorischen Museum Görlitz, bestand.

Wie sich die Stadt Görlitz nun in einer Sache, die es eigentlich des Aufhebens nicht wert ist, entscheiden wird, stand zunächst in den Sternen. Kolportiert wurde bereits, dass sich der Stadtrat damit beschäftigen könnte. Dann hätte jedoch zur ganzen Wahrheit gehört, die Entwicklung der Demokratie in Polen und die Auswirkungen auf das deutsch-polnische Zusammenleben zu debattieren.

Statements an den Kulturbürgermeister

Lisa Maria Baier jedenfalls hat nicht stillgehalten, der Bekanntheit schadet's allemal nicht. Am späten Vormittag des heutigen Tages war sie an Ihrer Installation an der Stadthalle, von seiten der Stadtverwaltung Görlitz war niemand gekommen, nur ein paar Freunde, auch Mike Altmann und Kristian Seifert, die beide der Stadtratsfraktion Motor Görlitz/Bündnisgrüne angehören. Nun lief die Kommunikation erst einmal als Einbahnstraße statt als Dialog, denn Lisa Maria Baier hat dem Kulturbürger ein Schreiben geschickt (nachstehend geringfügig orthografisch korrigiert), das sie auch vor der Stadthalle verlesen hatte:

Görlitz, 13.07.2021

Sehr geehrter Herr Dr. Wieler,

vergangene Woche forderten Sie mich auf, Ihnen bis heute mitzuteilen, ob ich bereit sei, meine Installation "Kulisse" zurückzubauen oder zu verändern, was einem Rückbau für mich gleichkommt. Ich sage heute, ich baue nicht ab. Mein Kunstwerk "Kulisse" bleibt! Kunstfreiheit bleibt! Das "Verschwindenlassen" von Kunst, die Ihnen nicht "gefällt", ist eine Praxis, die ich niemals unterstützen werde.

Sie sehen den Zusammenhang mit meiner Grundidee nicht mehr? Ich sehe ihn sehr deutlich. Sie selber haben "Kulisse" zu einer Kulisse gemacht, auf der nur Sie gerade im Namen der Stadt Görlitz Ihr Stück aufführen. Sie nutzen das Kunstwerk bereits.

Die Perspektiven werden verschoben, wie ich beschrieben habe. Ich zitiere aus meinem Konzept: "Denn nicht nur, wer die Installation "nutzt" und in ihr steht oder sitzt, sondern auch die Außenstehenden sollen inbegriffen und sich als Teil der Inszenierung fühlen."

Kunst bleibt frei!

Mit freundlichen Grüßen

Lisa Maria Baier


Zuvor hatte bereits der Studierendenrat der HfBK sekundiert:

Sehr geehrter Herr Wieler,

wir sind sehr erschrocken über den Umgang mit Lisa-Maria Baiers Kunstwerk "Kulisse". Es handelt sich um eine interaktive Installation im öffentlichen Raum, mit der sich Frau Baier für die Görlitzer Art 2021 beworben hat: Auf einer Holztribüne sind mehrere Sitze befestigt, am Ende der Tribüne gibt es eine Art Leinwand, die Arbeit erinnert an ein Kino. In ihrem Konzept geht es, angelehnt an den starken Filmbezug der Stadt, um das Spannungsverhältnis zwischen betrachten und betrachtet werden und das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Realitäten.

Der Ort, an dem das Kunstwerk stehen sollte, war zum Zeitpunkt der Zusage nicht festgelegt. Frau Baier hat sich für einen Ort entschieden, der sich direkt an der Landesgrenze zu Polen befindet. Menschen in Polen demonstrieren seit Monaten gegen ein verschärftes Gesetz, welches Abtreibungen nahezu vollständig verbietet. Vor allem junge Frauen gehen immer wieder für ihre individuelle Freiheit und gegen regressive Politik auf die Straße. Um sich von dieser Seite der Grenze aus zu solidarisieren, hat Frau Baier ein Banner in ihre Installation eingebaut und es mit Filmstills aus einer Dokumentation über die genannten Proteste bedruckt. Außerdem hat sie bunte Stoffstreifen mit Schlagworten und Slogans wie "Frauenrechte" oder "My Body My Choice" an Kleiderbügeln aufgehängt.

Anstatt Frau Baiers Fähigkeit, auf diesen spezifischen Ort der Landesgrenze einzugehen und politisch zu kommentieren, als Qualität zu sehen, werfen Sie ihr Vertragsbruch vor und fordern, dass die "Kulisse" abgebaut wird. Sie begründen dies damit, dass Frau Baiers Kunstwerk von der ursprünglichen Konzeption abweiche. Sollte Frau Baier der Forderung nicht nachkommen, wollen Sie, der sich 2016 noch über die Zerstörung von Kunst empört hat, den Abbau selbst in die Wege leiten.

Mal abgesehen davon, dass den teilnehmenden Künstler*innen der Görlitzer Art vertraglich künstlerische Freiheit zugesichert wurde und die "Kulisse" ihrer Konzeption immer noch stark ähnelt, fragen wir uns an dieser Stelle, was genau eigentlich das Problem ist. Es ist ja gerade eine der Ideen von Kunst im öffentlichen Raum, spezifische Orte in einen anderen Kontext zu rücken, soziopolitische Bedeutungen herauszustellen und Kritik zu äußern. Dementsprechend produzieren unterschiedliche Orte und Situationen neue Inhalte und erfordern mitunter konzeptionelle Modifikationen oder Erweiterungen. Es ist nur logisch, dass Frau Baier ihr Konzept nicht als in Stein gemeißelt angesehen hat.

Was Sie als Abweichung und Vertragsbruch ansehen, ist eine inhaltliche Setzung, die in Bezug auf den Ort nachträglich vorgenommen wurde. Sie hat ihre zentralen Fragestellungen genommen und auf den Ort angewendet: Ist eine Grenze nicht stets ein Ort aufeinander treffender Realitäten? Und sind wir nicht Zuschauer*innen, wenn wir über die Grenze blicken - im direkten Sinne oder durch Medienbilder? Stellt Frau Baiers Arbeit nicht fundamental wichtige Fragen darüber, was unsere Rolle als Nachbarland und EU-Mitgliedsstaat in Bezug auf ein Gesetz ist, was den Grundsätzen einer freien Gesellschaft widerspricht? Ist es nicht wahnsinnig wertvoll, wenn eine junge Künstlerin das politische Potential eines Ortes erkennt und es nutzt, um sich mit Menschen zu solidarisieren, denen Ungerechtigkeit widerfährt?

Wir wünschen uns, dass Sie als Kulturbürgermeister einer Stadt, die so viel Wert auf Kunst und Kultur legt, diese Punkte sehen und ernst nehmen. Wir wünschen uns auch, dass Sie die Schaffensfreiheit, die Sie jungen Künstler*innen zugesichert haben, nicht im Nachhinein wieder beschneiden und davon absehen, "Kulisse" abbauen zu lassen. Der Abbau wäre frustrierend für Frau Baier, entmutigend für zukünftige Bewerber*innen der Görlitzer Art und ein Armutszeugnis für die Kultur in Görlitz.

Mit freundlichen Grüßen

Stura HfBK Dresden

Alles wird gut

Gegen 18 Uhr dann die befreiende Nachricht von Lisa Maria Baier via Facebook: "Erfolg!!!!!! Der Vertrag mit der Görlitzer Art besteht immer noch – ihr habt alle dazu beigetragen. Danke. Kulisse bleibt vorerst stehen. Am Freitag um 11:00 Uhr am Lutherplatz ist die Eröffnung der Görlitzer Art mit dem Oberbürgermeister @octavian_ursu_gr. Ich bin vor Ort und werde vor meinem Kunstwerk eine öffentliche Debatte in Anwesenheit von Medien und Gästen führen. Kommt vorbei. Stellt gern Fragen zu Kunst, Kulissen, Theater und Abtreibung."

Update

Die Görlitzer Stadtverwaltung hat das Antwortschreiben von Dr. Wieler an den Studierendenrat veröffentlicht:

Sehr geehrte Mitglieder des Stura,

auf Ihren offenen Brief erlauben Sie mir einleitend mit den Zeilen zu antworten, welche ich gestern auf erste Nachfragen der Sächsischen Zeitung an die Redakteurin Susanne Sodan gesendet habe:
Die Informationen sind – zumindest oberflächlich - korrekt. Allerdings sehen Sie in der Anlage, dass das realisierte Werk keineswegs mit dem von der Jury prämierten übereinstimmt. Ging es im Wettbewerbsbeitrag um die Frage Görlitz als Filmstadt, Betrachten und Betrachtetwerden etc., geht es nun um Frauenrechte und Abtreibung in Polen. Die Künstlerin hat uns im Vorfeld nicht darüber informiert, dass sie beabsichtigt, das Werk inhaltlich so grundlegend anders auszurichten. Die Jury von Görlitzer ART hat auch nicht Künstler ausgewählt und ihnen überlassen, ein Werk für Görlitz zu schaffen, sondern es war ausgeschrieben und ausgewählt, ein konkretes Werk für Görlitz. Die Künstlerin ist der Meinung, wir hätten ja mal nachfragen können, ob sie macht, was sie uns vorgeschlagen hat und was ausgewählt wurde. Ich bin der Meinung, wer etwas ändern will, hat die Verpflichtung, dieses dem Vertragspartner mitzuteilen.

Warum bin ich nun nicht bereit, das Kunstwerk wie nun realisiert stehen zu lassen. Weil es nicht die Art der politischen Kommunikation ist, welche wir als Stadt mit der polnischen Seite pflegen. Wir konnten uns mangels o.g. nicht geführter Kommunikation seitens der Künstlerin damit auch gar nicht auseinandersetzen und uns als Stadt dazu entscheiden. Ich betrachte dies nicht einmal mehr einfach als Geschäft der laufenden Verwaltung, sondern einen herausgehobenen kommunalen Akt, einer Künstlerin unseren Stadtraum für eine derartige Demonstration bewusst zur Verfügung zu stellen. Es handelt sich hier eben nicht nur um künstlerische Freiheit, die unbenommen ist, sondern um eine bewusste Positionierung der Stadt, eine solche politische Demonstration auf diese Weise zu tätigen. Wollte Frau Baier hingegen eine politisch von ihr verantwortete Demonstration beantragen, wäre dies eine andere Sache, die ihr wie jedem Bürger selbstverständlich zusteht.

Also: Das Werk ist keineswegs das von der Jury ausgewählte, die Künstlerin will aber darauf bestehen, das veränderte resp. neue Werk auszustellen. Dies entspricht nicht dem geschlossenen Vertrag, welcher sich ausdrücklich auf das prämierte Werk "Kulisse" bezieht. Und: Sie deuten es in Ihrer letzten Frage m.E. richtig an. Es geht der Künstlerin wahrscheinlich tatsächlich eher um die Debatte, als um das Werk. Ich kann das nachvollziehen, zumal ich – persönlich und privat – die sachliche Position der Künstlerin im Hinblick auf die Frauenrechte durchaus teile (ohne genauere Details der Position von Frau Baier hierzu zu kennen). Ich habe ihr deshalb einerseits angeboten, das Werk zu realisieren, wie es vereinbart war, andererseits aber auch nicht darauf bestanden, weil ich die Künstlerin auch nicht vertraglich zwingen will, ein Werk zu realisieren, mit dem sie sich – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr identifizieren kann. Für diesen Fall (mein gesetzter Termin für eine Entscheidung ist morgen) habe ich allerdings den Rückbau angekündigt. Gleichzeitig ist es mir wichtig, diesen Vorgang und die Auseinandersetzung nicht irgendwie verschwiegen und fernab von Öffentlichkeit zu führen. Deshalb habe ich Frau Baier angeboten, hierzu tatsächlich in einem geeigneten Format eine öffentliche Debatte in Anwesenheit geladener Medien und Gäste mit ihr zu führen.

Gewissermaßen in eigener Sache: In meiner Zeit als künstlerischer Leiter, zuletzt als Intendant des Musiktheaters, habe ich zahlreiche in der großen Überzahl konstruktive Diskussionen und Auseinandersetzungen mit Darstellern und Regisseuren geführt und halte einen solchen Diskurs für notwendig und fruchtbar. Die von Frau Baier geradezu eingeforderte Debatte nehme ich in diesem Sinne gerne auf. Ja, vielleicht entsteht dadurch das Werk erst richtig…"

Lassen Sie mich nun etwas genauer auf die Bedeutung der Auswahl der Kunstwerke für die Ausstellung eingehen. Jeder Betrachter und in erster Linie die Künstlerin selbst darf davon ausgehen bzw. sollte davon ausgehen können, dass das betreffende Werk bewusst ausgewählt wurde. Dadurch kommt eine grundhafte Akzeptanz, in den Augen der Betrachter berechtigt sogar grundhafte
Zustimmung der Stadt zu dem ausgewählten Werk zum Ausdruck. Stellen Sie sich einmal die entgegengesetzte Situation vor: Ich hätte auf die Intervention von Frau Baier nicht mit der Gegen-Intervention geantwortet. Dann wären - wahrscheinlich - dieselben Medien gekommen und hätten gefragt, warum wir uns zu dieser politischen Demonstration der Künstlerin entschlossen hätten. Die - zutreffende - Antwort: 'ich habe nichts davon gewusst' wäre für alle Seiten beschämend, noch mehr die Zuflucht zu der schnell zur Floskel degradierten Wendung, es handele sich hier um die Freiheit der Kunst. Ihr "Erschrecken", sehr geehrte Mitglieder des Stura, erschreckt mich: Bagatellisieren Sie doch bitte nicht die Freiheit der Kunst, in dem Sie deren Annahme als aktive Wahl als obsolet betrachten. In meiner langjährigen Zeit als Theaterintendant galt für mich immer der Grundsatz, dass die Kunst ein ernstes Spiel ist, nicht etwas, was einem egal sein kann, weil die "Freiheit der Kunst" in spießbürgerlicher Floskelhaftigkeit alles exkulpieren kann.

Mir ist es ernst mit der Kunst. Und mir ist nicht egal, was Frau Baier da gemacht hat. Es ist eine Intervention, von der ich bereits gesagt habe, dass sie nicht der politischen und gesellschaftlichen Kommunikation entspricht, die wir seit 30 Jahren in der Europastadt Görlitz/Zgorzelec betreiben. Wir haben uns dazu gefunden und entschlossen, miteinander zu sprechen und - nach Jahrzehnten, nach Jahrhunderten deutsch-polnischen Konfliktes - eine gemeinsame Geschichte zu leben und zu erzählen. DAS IST KEINE FLOSKEL: Die politische Kritik der nun entstandenen Arbeit von Frau Baier gilt der Politik der polnischen Regierungspartei und ihrer Gefolgschaft. In der Europastadt Görlitz/Zgorzelec wurde aber - massiv gegen den nationalen Trend - ein liberaler Bürgermeister mit mehr als 60 % der Stimmen gewählt. Weil die im Alltag gelebte Gemeinsamkeit der beste Weg ist, gemeinsame europäische Werte zu erleben und zu teilen. So gesehen: Unsere Stadt ist eigentlich der falsche Platz für die Arbeit von Frau Baier: Wie mutig wäre es gewesen, einen - ggf. privaten Ort - in Warschau zu finden, um dort die Arbeit, als Teil der Ausstellung Görlitzer ART zu zeigen...

Abwegig wäre es jetzt nicht, wenn Sie mich noch fragten: 'Nun haben Sie aber doch das Werk von Frau Baier kennengelernt, Sie könnten es annehmen und sich dafür entscheiden, wenn Ihnen dieser Akt so wichtig ist.' Ja: ICH könnte das tun, aber DIE STADT erzählt ihre Geschichte. Nicht ICH bestimme hier über die Annahme der Baierschen Intervention, wir leben in einer Demokratie. Und die nehme ich genauso ernst wie die Kunst. Wenn der kommunalpolitische Souverän, der von den Bürgern gewählte Stadtrat, es von sich aus für geraten hält, das kommunikative Paradigma in der Europastadt Görlitz/Zgorzelec zu modifizieren, dann wäre dies aus meiner Sicht die adäquate Annahme der Arbeit. 'Werden Sie den Stadtrat dies fragen, Herr Wieler?' Nein. Ich werde ihn informieren, aber nicht darauf reduzieren, die Hand zu heben oder nicht. Die Kunst und die Demokratie ernst zu nehmen heißt, aktiv zu werden. Dann wird es ernst, denn die Kunst ist nur dann frei, wenn ihre Freiheit angenommen wird. Erst dann ist die Kunst und mit ihr die Gesellschaft frei.

Erlauben Sie mir die Freiheit: Ihr Erschrecken hat Sie zu einer reflexartigen Verteidigung geführt, die an der Sache vorbeiführt. Miniaturisieren Sie nicht die Kunst, in dem Sie ihre Freiheit auf ein Postulat reduzieren. Die Freiheit der Kunst ist immer eine Errungenschaft, nichts Gegebenes. Deswegen ist das Spiel so ernst.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Michael Wieler
Bürgermeister für Kultur,
Jugend, Schule, Sport, Soziales,
Bauen und Stadtentwicklung,
Stadtverwaltung Görlitz
(...)


Update vom 14. Juli 2021
Nun doch Vertrag gekündigt und Abbau der "Kulisse" ultimativ gefordert, mehr im Artikel: Rückschlag: Ist das die Görlitzer Art?

Kommentare Lesermeinungen (0)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Schreiben Sie Ihre Meinung!

Name:
Email:
Betreff:
Kommentar:
 
Informieren Sie mich über andere Lesermeinungen per E-Mail
 
 
 
Weitere Artikel aus dem Ressort Weitere Artikel
  • Quelle: Thomas Beier | Fotos: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 13.07.2021 - 20:37Uhr | Zuletzt geändert am 15.07.2021 - 17:25Uhr
  • drucken Seite drucken
Anzeige