Rosenbacher Bürger: Massentierhaltung nicht mehr zeitgemäß

Rosenbacher Bürger: Massentierhaltung nicht mehr zeitgemäßRosenbach, 31. August 2020. Mit einem Rundgang, der dann doch zur Demonstration wurde, hat die Bürgerinitiative "Lebenswertes Rosenbach" am 28. August Aufmerksamkeit für ihre Argumente gegen den Bau eines zusätzlichen Stalls für die Milchviehanlage und die damit verbundene Aufstockung der Tierzahl erhalten.

Symbolfoto: Hans Braxmeier, Pixabay License

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Auch Landwirtschaft braucht Strukturwandel

Auf den ersten Blick läuft in Rosenbach das ab, was wohl fast jeder Investor schon erlebt hat: Werden die Pläne öffentlich oder spätestens, wenn die Baustelle sichtbar wird, gründet sich erst einmal eine Bürgerinitiative "Dagegen!" – der Mensch als solcher liebt halt die Veränderung nicht, schon gar nicht in seiner Nähe. Oft lautet der von Bürgern erhobene Vorwurf, es solle ja nur Gewinn gemacht werden und man muss zurückfragen: "Ja, was denn sonst?" Immerhin müssen aus dem Gewinn die Abgaben – nicht zuletzt als Gewerbesteuer ans Gemeindesäckel – gezahlt und die Investition selbst bezahlt bzw. die Kredite getilgt werden.

Ganz allgemein darf man Landwirtschaft schon hinterfragen. Da wird über zu geringe Milchpreise gejammert, aber alles getan, um die Milch noch effizienter zu erzeugen. Insgesamt liefert sich die Landwirtschaft einen desaströsen Erzeugerpreiswettbewerb, der – Stichwort Chemieeinsatz – zu Lasten der Qualität geht. Nur die Biobauern haben sich dem entzogen und setzen auf Qualität zu höheren Preisen, die zugleich Wertschätzung für Lebensmittel ausdrücken.

Auch bei den Rosenbachern, die nun demonstriert haben, muss man genau hinschauen, was sie bewegt: Sie haben die langfristigen Folgen der Massentierhaltung für Natur und Mensch im Blick – und es geht ihnen um die bisher schon vorhandenen Belastungen, die sie nicht unbedingt hinnehmen wollen.

So hat sich die Bürgerinitiative "Lebenswertes Rosenbach" in einer Mitteilung artikuliert:

Wir möchten gern den uns mit wenig Verständnis auftretenden Mitbewohnern des Dorfes, Kreises und darüber hinaus vermitteln, warum es aus unserer Sicht nicht mehr nachhaltig und zeitgemäß ist, weiter auf die scheinbar alternativlose Massentierhaltung der vergangenen Jahrzehnte zu setzen. Entgegen der Annahme es würde ja nur wenige Anwohner treffen, die sowieso schon immer mit der Belastung leben, und der Rest profitiere nur von dem Ausbau der Milchviehanlage, müssen Auswirkungen wie höherer Methanausstoß, mehr Transport- und Durchgangsverkehr und höhere Einträge von bspw. Nitraten, Phosphor und Antibiotika in die Böden der Umgebung von allen Bewohnern getragen werden.

Wir fordern auch, dass Bürgermeister und Landräte alle Möglichkeiten, und nicht nur die gesetzlich vorgeschriebenen, nutzen sollten, um die Menschen vor Ort in die Entscheidungsprozesse mit einzubeziehen und nicht Genehmigungsprozesse vorbei an der Öffentlichkeit durchzubringen.

Was wir definitiv nicht wollen, ist die vor Ort ansässige Agrargenossenschaft grundsätzlich in Frage zu stellen. Das haben wir immer wieder betont, auch wenn es niemand hören wollte. Es muss aber in einer differenzierten Auseinandersetzung auch möglich sein, einzelne Entscheidungen kritisieren zu können, ohne gleich einen ganzen Betrieb und seine Mitarbeiter abzulehnen. Denn die Auswirkungen der Landwirtschaft müssen nun einmal alle und vor allem auch unsere Kinder tragen, während die Gewinne daraus nur wenige (meist auch nicht einmal die Mitarbeiter) für sich verbuchen können.

Wir freuen uns, dass weitere Organisationen wie FridaysForFuture unser Anliegen teilen und uns helfen wollen, die nötige Aufmerksamkeit zu schaffen, um einen neuen Weg für nachhaltige Landwirtschaft aufzuzeigen und zu diskutieren. Trotz des laufenden Gerichtsverfahrens verschließen wir uns nicht für Kompromiss- Gespräche, um eine nachhaltige Lösung gemeinsam zu erarbeiten - damit wir uns auch zukünftig hier alle wohlfühlen und weiterhin leben wollen und können.

Wir wollen uns im Voraus bereits bei den zahlreichen Unterstützern der noch laufenden Petition innerhalb und außerhalb des Kreises bedanken und hoffen euch in großer Zahl am Freitag zu unserem Aufzug in Rosenbach begrüßen zu dürfen.

Anbei noch der Link zur laufenden Petition, welche auch noch weitere Informationen rund um unser Anliegen beinhaltet:
https://www.openpetition.de/petition/online/stoppt-den-bau-keine-neuen-kuhstaelle-in-rosenbach-fuer-knapp-1-000-tiere

Soweit die Mitglieder der Bürgerinitiative "Lebenswertes Rosenbach".

Unterstützung aus der Politik

Annett Jagiela, Sprecherin des Kreisverbandes Görlitz von Bündnis90/Die Grünen, sieht sich an der Seite der Kritiker der neuen Stallanlage: "Ich unterstütze das Engagement der Bürgerinitiative 'Lebenswertes Rosenbach', denn sie leistet einen wichtigen Beitrag in unserer Region: Die Bürgerinnen und Bürger haben den Mut das Thema 'Massentierhaltung und die Auswirkungen auf die Umwelt' öffentlich anzusprechen.

Für Jagiela es es an der Zeit, auch im Landkreis Görlitz die Frage zu diskutieren, wie wir unsere Lebensmittel herstellen und wie wir sie verbrauchen: "Ich möchte eine Landwirtschaft die mit der Natur arbeitet und nicht gegen sie, die Tiere würdig behandelt, das Klima schützt und die Artenvielfalt bewahrt. Ich wünsche mir auch eine Landwirtschaft, in der die Bäuerinnen und Bauern ein gutes Auskommen haben und faire Preise erhalten und nicht zu riesigen Agrarfabriken wachsen müssen. Umwelt- und Tierschutz dürfen kein Wettbewerbsnachteil sein, sondern müssen Standard werden."

Allerdings sei es, so Jagiela weiter, bis dahin noch ein weiter Weg: "Zu viele Tiere werden in der deutschen Landwirtschaft zu schlecht gehalten; sie haben zu wenig Platz, zu wenig frische Luft, zu wenig Auslauf, zu wenig Tageslicht und zu wenig Beschäftigungsmöglichkeiten. Darüber müssen wir sprechen und es ändern. Aber das geht nur mit den Bäuerinnen und Bauern."

Bereits 2015 habe der Wissenschaftliche Beirat (WBA) des Bundeslandwirtschaftsministeriums ein umfassendes Gutachten vorgelegt, wie die Tierhaltung in Deutschland verbessert werden kann. In seinem Bericht beschreibt er laut Jagiela die gängigen Haltungsbedingungen als "hohes Risiko für das Auftreten von Schmerzen, Leiden und Schäden" bei den Tieren und attestiert der landwirtschaftlichen Tierhaltung in Deutschland sie sei in dieser Art "nicht zukunftsfähig".

Jagiela sieht auch die wirtschaftlichen Aspekte: "Ich verstehe, dass mehr Tierschutz und eine artgerechtere Haltung Geld kosten, bezahlbar sein müssen. Die Bäuerinnen und Bauern müssen dabei finanziell unterstützt werden und für Verbraucherinnen und Verbraucher muss eine tiergerechte Haltung auch erkennbar und nachvollziehbar sein mittels verpflichtender Haltungs- und Herkunftskennzeichnungen."

Die Bürgerinitiative „Lebenswertes Rosenbach“ mache ihrer Meinung nach aber noch einen anderen wichtigen Punkt deutlich: "Es gibt Themen, die bedürfen einer breiten Debatte – ergänzend zu den üblichen legitimierten Diskussions- und Entscheidungswegen im Gemeide- oder Stadtrat. Es ist die Aufgabe der Bürgermeister*innen und des Landrates solche Diskussionen mit den Bürgerinnen und Bürgern zu suchen und zu ermöglichen und Einvernehmlichkeit herzustellen. Es ist ein gutes Zeichen, wenn sich Bürgerinnen und Bürger für ihre Heimat einsetzen, sich politisch einmischen und mitbestimmen wollen. Dieses Engagement brauchen wir auch und insbesondere in den nächsten Jahren hier in der Lausitz, wenn es um den Strukturwandel geht."

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Kommentare Lesermeinungen (1)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Sehr einseitig

Von Matthias Ludwig am 31.08.2020 - 16:09Uhr
Wieso wird hier nur der einen Seite eine Bühne gegeben? Besteht eine Diskussion nicht im Abwegen von verschiedenen Argumenten?

Es bedarf meiner Meinung erstmal einer Definition von Massentierhaltung, das würde mich interessieren... Der Betrieb hält nach der Investitition nicht mehr Tiere als er in seinen Betriebsteilen vorher gehalten hat. Er hat genügend Fläche um den Dünger aufzunehmen. Die Kühe bekommen im neuen Stall mehr Platz erheblich bessere Bedingungen und auch für das Personal werden die Arbeitsbedingungen besser. Also wo genau liegt hier das Problem bei der "Massentierhaltung"?

Und wenn schon der Vergleich zur Industrie gezogen wird muss man sich am Ende fragen, wie die Gesellschaft verhindern will, dass die Landwirtschaft, die Tierhaltung nicht unter den Umständen ins Ausland abwandert, wo zum Teil zu erheblich schlechteren Bedingungen produziert wird. Das Phänomen ist bei der Eierproduktion und momentan bei der Sauenhaltung zu beobachten.

Aber was abgewandert ist ist ja nicht mehr unser Problem. Hauptsache es bleibt billig im Supermarkt... Und im Übrigen sollte man sich mal vor Augen führen wie der letzte Protesttag abgelaufen ist, 50 Demonstranten standen mehr als doppelt so viele "Gegendemonstranten" aus dem Dorf gegenüber.

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  • Erstellt am 31.08.2020 - 11:32Uhr | Zuletzt geändert am 31.08.2020 - 12:28Uhr
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