Optimistisches Richtfest für Werk 1 / RABRYKA

Optimistisches Richtfest für Werk 1 / RABRYKAGörlitz, 22. September 2018. Von Thomas Beier. Vorgestern einer der für die Görlitzer Stadtgesellschaft ganz wichtigen Termine: Richtfest für das sozio-kulturelle Jugendzentrum Werk 1, dem zu wünschen ist, es möge fortan einfach nur "Werk 1" heißen. Der Termin hatte sich um knapp fünf Wochen verzögert, weil Denkmalpfleger erst schnell noch einen historischen Dachbinder retteten, was nicht so unkompliziert wie erwartet ging.
Abbildung oben: "Die Zukunft hängt am Haken", so der Gedanke des Görlitzer Moderators Axel Krüger zum Einschweben der Richtkrone

Krüger: Es ist eine Lust, hier zu leben!

Krüger: Es ist eine Lust, hier zu leben!

Fröhlich beim Richtfest: Die Macher des Werks 1

Auch für den Görlitzer Anzeiger stand der Tag mit seinen Terminen in der RABRYKA, im Werk 1 und am Abend im Café Kugel rot angestrichen im Terminkalender – und doch kam es anders, niemand konnte dabei sein. Deshalb tun wir es heute anderen Presseorganen gleich und schauen mal, was gemeinhin als vertrauenswürdig einzustufende Quellen im beliebten Netzwerk facebook berichten. Seriöserweise hat der Görlitzer Anzeiger die Zitierten angefragt und deren freundlich erteilte Genehmigung eingeholt, seid's bedankt! Zu danken ist außerdem dem Görlitzer Fotoreporter Matthias Wehnert für die prompte Übermittlung von Bildern.

Unumstritten war das Projekt, einen Teil des alten Waggonbau-Werks 1 als Jugendzentrum zu nutzen, nicht: Gegenargumente waren die bestehenden Einrichtungen für junge Leute und – wie auch anders – die Kosten, die bei rund dreieinhalb Millionen Euro liegen sollen. Da ist es beruhigend, dass hinter dem Werk 1 mit dem Second Attempt e.V. seit dem Stadtratsbeschluss vom 25. Februar 2016 ein Betreiber steht, der seine Professionalität nicht nur beim Schreiben von Förderanträgen längst bewiesen hat und sofort in das Projekt eingestiegen ist, so dass dieses nutzerorientiert entwickelt wird.

Es ist, als ob ein Ruck durch Görlitz geht, zumindest bei jenen, denen die Stadtentwicklung am Herzen liegt. Das Werk 1 hat das Potenzial, Görlitz attraktiver für den Zuzug auch jüngerer Leute zu machen, man Vergleiche mit dem Werk 2, immer wieder Ort froher Stunden.

Der Görlitzer Kosmopolit Axel Krüger formuliert die Entwicklung des Werks 1 so: "In Görlitz muss ich umlernen. Hier erlebe ich ein starkes Projekt, gemeinsam und klug zwischen verschiedensten Playern entwickelt. Beim Abwägen der unterschiedlichen Interessen, in der Kluft zwischen Betreiberträumen und Rechtsvorschriften, beim Austarieren zwischen Jungen und Alten, zwischen handwerklich Orientierten und Verspielten ist jede Menge gegenseitiger Respekt zu spüren." Ihn beeindrucke, wie eine Stadtgesellschaft eben auch sein kann: Mit Sinn für Geschichte zusammen nach vorne rudern. Krüger: "Es ist eine Lust, hier zu leben." Der letzte Satz hat das Zeug, zum Stadt-Slogan zu werden.

Krügers Kompagnon, der Pop-Literat Mike Altmann, sprach vom Richtfest als von einem Treffen der "bunt gemischten Stadtgesellschaft". In der Tat hatten sich über hundert Macher und Interessierte, darunter Prominente wie ein sichtlich vergnügter Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinege und Regina Kraushaar, Staatssekretärin im Sächsischen Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz, eingefunden. Altmann sieht im Richtfest einen Etappenerfolg, nun gelte es "Pläne zu schmieden für das, was demnächst im Werk 1 lebt".

Das Leben ins Werk 1 könnte bereits im Spätsommer 2019 einziehen, die Bauarbeiten sollen im August fertig sein.

Davor

Vor dem Richtfest gab es im Speicher der RABRYKA unter #LASSUNSREDEN eine Podiumsdiskussion darüber, welche Impulse kulturelle Szenen – Sichwort: Jugend(sub)kultur – für das Gemeinwesen setzen können. Veranstalter war die AG Eigenständige Jugendpolitik, die sich den Landesverband Jugendkultur Sachsen ins Boot geholt und Gäste aus Verwaltung, Wirtschaft, Kultur und Politik eingeladen hatte. Mit seiner Jugend- und Kulturszene ist Görlitz auf einem guten Weg. Diskutiert wurden die Bedingungen dafür und wie diese weiter verbessert werden können.

Danach

Ein Novum für Görlitz ist der parteienunabhängige, jedoch parteienübergreifende, sich vom Netzwerk zum Verein mausernde "MOTOR Görlitz". Der traf sich am Abend des Richtfesttages im Café Kugel, 40 Leute, darunter viele, die kurz zuvor noch im Werk 1 gesichtet wurden. Weil der Görlitzer Anzeiger nicht dabei sein konnte, gibt es kein Foto von der denkwürdigen Veranstaltung.

Mike Altmann hat die Ergebnisse des Café-Kugel-Treffens zusammengefasst:
  1. Das bestehende parteiunabhängige Netzwerk MOTOR Görlitz gründet sich im Oktober als Verein. Altmann: "Insofern feierten wir auch ein kleines Richtfest!"

  2. Der künftige MOTOR Görlitz e.V. will die demokratische Mitwirkung und die Bürgerbeteiligung stärken.

  3. Gut 15 Leute waren beim Treffen dabei, die sich vorstellen können, für den Stadtrat zu kandidieren. Kommentar Altmann: "Wow!" Ob diese motivierten Neulinge auf Listen bestehender Parteien und Wählervereine oder auf einer MOTOR-Liste kandidieren wollen, entscheiden sie spätestens im November selbst. "Ganz demokratisch", so Berichterstatter Altmann.

  4. MOTOR ist offen für alle Görlitzer und Görlitzerinnen, die sich für unsere Heimat engagieren wollen. Eine Mitgliedschaft in anderen Parteien oder Wählervereinigungen ist kein Hindernis, um bei MOTOR Görlitz mitzuwirken.

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MOTOR Görlitz auf facebook



Kommentar:

MOTOR Görlitz kann, was andere wohl nicht schaffen: Die lösungsorientierten, proaktiven Akteure ohne parteiliche Scheuklappen und Ellenbogenmentalität auf dem gemeinsamen Nenner zusammenbringen und insgesamt mehr an der Entwicklung der Stadt Interessierten ermöglichen, sich gesellschaftspolitisch zu engagieren.

Höchst erfreulich ist auch die Entwicklung im Werk 1, auch wenn sich dafür im Stadtsäckel ein neues Loch auftut. Investitionen und Betriebskostenzuschuss für das für Görlitz wichtige Jugendzentrum sind doch eher ein Klacks gegen die zwei Millionen Euro vom Freistaat Sachsen im Jahr 2017 und im Folgejahr die 36 Millionen Euro, die Bund und Freistaat zu gleichen Teilen in die Görlitzer Stadthalle versenken, wohl wissend, dass diese wohl – wie auch das Werk 1, bei dem allerdings die Größenordnungen abschätzbar sind – nicht kostendeckend betrieben werden kann und noch nicht einmal ein Betreiberkonzept geschweige denn einen Betreiber hat.

Einer kleine Anmerkung sei gestattet: Die inflationäre Benutzung des Wortes "Jugend" trifft in meinen Augen nicht, worum es geht. Zunächst sollte jene, die heute mit Jugend sich selbst meinen, bedenken, dass diese schnell vorbei ist. Vor allem aber ist Jugend keine Frage des in Jahreszahlen ausgedrückten Alters, sage ich mal als Vertreter der For-ever-young-Generation. Zweifellos wichtig ist der kreative Freiraum für wirklich junge Leute, um sich ihr Leben und Zusammenleben zu gestalten, generelle Zielgruppe für Werk 1 sollten jedoch die jungen Leute wie auch die Jungbleibenden sein – in klarer Abgrenzung zur Seniorengeneration, die sich allein über die Zahl der Lebensjahre definiert.

Alt wird man erst, wenn man mit seinem Alter argumentiert, meint Ihr

Thomas Beier

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Kommentare Lesermeinungen (1)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Optimistisches Richtfest: Schwung in die Bude

Von Prof. Dr. Joachim Schulze am 26.09.2018 - 08:39Uhr
Die Entwicklung der Jugendkultur und Soziokultur in Görlitz beobachte ich aus fachlichem Interesse und wegen biografischer Bezüge: In den 80er Jahren habe ich in einer Initiative in Schwerte/Ruhrgebiet mitgearbeitet, die ein altes Pumpwerk zu einem "Bürger- und Kulturzentrum Rohrmeisterei" umgestalten wollte. Mit fertigen Konzepten und Entwürfen für den Bau (größer als Werk 1) und einer Förderzusage des Landes von immerhin sechseinhalb Millionen D-Mark sind wir politisch gescheitert.

Die von der SPD-Ratsmehrheit dominierte Stadtpolitik wollte uns nicht als Träger haben. Zitat: "Wir setzen uns doch kein grünes Rathaus in die Stadt." Daran scheiterte die Sache und wurde erst Jahre später von ganz anderen Leuten und mit anderem Konzept als Stiftung realisiert.

Als ich Mitte der 90er Jahre nach Görlitz kam, gab es dort den "soziokulti kühlhaus e.V.", der sich schon damals für das Kühlhaus interessierte, dann aber unter meiner Mitwirkung Pläne und Konzepte für die "Uferfabrik" (heute Pension Picobello) entwickelte - ein Soziokulturelles Zentrum. Politisch gab es mit dem damaligen Jugendamt in Görlitz keinen Weg. Für einige der AktivistInnen ging es übrigens mit dem Camillo weiter. Um so mehr freut es mich, wie sich die Szene seitdem entwickelt hat – mit den Flaggschiffen Kühlhaus und Rabryka / Werk 1.

Da sind Menschen am Werk, die Durchhaltevermögen und Visionen haben, pragmatisch und erfolgsorientiert sind und ein gutes Vertrauensverhältnis zur Kommunalpolitik und Verwaltung gefunden haben. Auf der anderen Seite wuchs eben auch die Erkenntnis, dass unsere Stadt diese engagierten Kräfte braucht. Zumindest, was die Mehrheit des Rates angeht. Wir alle tun gut daran, mehr auf die OptimistInnen zu setzen. Das bringt unsere Stadt voran, nicht die Bedenkenträger und Nörgler. Es kommt also auf allen Ebenen Schwung in die Bude. Und das ist gut so.

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  • Quelle: Thomas Beier | Fotos: Matthias Wehnert
  • Zuletzt geändert am 22.09.2018 - 08:34 Uhr
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