Die Westfalen in Görlitz

Görlitz | Münster, 14. September 2016. Von Thomas Beier. Die Erkenntnis kam mir auf dem Görlitzer Obermarkt, vor dem Mediteranos (Tipp!) genannten Restaurant. So ein lazy day, Randolph Braumann zum Lunch treffen, nette Damen am Tisch, über Gott und die Welt schwatzen - und dann auf Westfalen zu sprechen kommen.

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Der Pluspunkt der Willkommenskultur in Görlitz

"Ich bin auch ein Westfale!", stellte der Beutesachse Braumann sofort klar (immerhin gehört er doch zu den Leuten, die wir als Ergebnis der Friedlichen Revolution 1989 dazugewonnen haben, um sie dazu zu verleiten, ihre Pension in Görlitz auszugeben). Und wirklich, der welterfahrene Kriegsreporter kam in Bochum - oder Baukem, wie man auf westfälisch sagt - zur Welt und startete sein Berufsleben als Reporter beim Bochumer Anzeiger.

Wobei der Tatbestand des Beutesachsen eher ein "heim ins Reich" ist, wenn man bedenkt, dass das heutige Westfalen von einem Teilstamm der Sachsen - jenen westlich der Weser - kultiviert wurde. Die "Westfalai" taucht schon im Jahr 775 in den Fränkischen Reichsannalen auf. Der Name Westfalen leitet sich jedoch nicht etwa von "Falafel", den bei Vegetariern beliebten orientalischen Fritten-Bällchen, ab, sondern aus dem in grauer Vorzeit existierenden Sachsenland-Gau Fahala. Dessen Wortstamm ist altnordisch und bedeutet in etwa flaches Land oder Feld, was für die Gegend immer noch zutrifft.

Doch zurück auf den Görlitzer Obermarkt vor das Mediteranos. Nachdem sich Braumann, in Insider-Kreisen als Congo-Randy bekannt, als Westfale geoutet hatte, gerieten einzelne Passanten unter Beschuss aus seinem Zeigefinger: "Der kommt auch aus Westfalen!" Kurz darauf. "Der auch!" etc.pp., sehr zur Freude der mit am Tisch sitzenden Westfälin und werdenden Neugörlitzerin, wie die an die Neiße Fluktuierenden von den Altgörlitzern genannt werden.

Offenbar ist die Westfalen-Gemeinde in Görlitz also eine bedeutsame, nicht ohne Einfluss in der Stadt. Auch beim Spaziergang durch den Münsteraner Schlossgarten - das Schloss gehört heute zur Westfälischen Wilhelms-Universität - kamen mir Gedanken daran. Hier also muss ein Görlitzer Bürgermeister, der an dieser Uni mit Germanistik, Theaterwissenschaften, Geographie und Philosophie besohlt wurde, dereinst gewandelt sein!

Eine Gemeinsamkeit zwischen Görlitz und Münster bleibt festzustellen: In beiden Städten begegnet man Leuten, die "weg" wollen. "Die Ferne ist ein schöner Ort, doch wenn man da ist, ist sie fort", sang einst Tamara Danz bei Silly. Logisch, weg wollen immer nur die, die noch da sind. Aber da hat Görlitz einen Pluspunkt mit seiner Willkommenskultur für Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge aller Art (Definition "Neugörlitzer": "Neugörlitzer sind alle Personen, die bisher außerhalb der Görlitzer Stadt- oder Ortsteile Historische Altstadt, Nikolaivorstadt, Innenstadt, Südstadt, Biesnitz, Königshufen, Hagenwerder, Tauchritz, Kunnerwitz, Klein Neundorf, Klingwalde, Ludwigsdorf, Ober-Neundorf lebten): Die Neugörlitzer bekommen nämlich ein Willkommenspaket, sogar, wenn sie aus Westfalen kommen.

Meet Randolph Braumann!
Es gibt auch sympathische ziemlich Linke, faszinierend, faszinierend:
Congo Randy auf Twitter

Knapp drei Jahre später:
Görlitzer Anzeiger, 21.06.2019: Warum in Görlitz wohnen?

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Kommentare Lesermeinungen (3)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Westfalen in Görlitz

Von Prof. Dr. Joachim Schulze am 14.09.2016 - 20:23Uhr
Als bekennender Ostwestfale aus Gütersloh kann ich nur sagen, dass sich das von den Mentalitäten her ganz gut verträgt.

Gelegentlich fehlen mir aber die besonderen Genüsse der westfälischen Küche ... da nimmt die Sehnsucht und die Sentimentalität offenbar mit dem Älterwerden zu.

Westfalen beschrieben

Von Tina Domnik am 14.09.2016 - 09:28Uhr
Sie haben uns Westfalen mit Heinrich Heine sehr schön beschrieben, Herr Braumann! ;-)

Westfalen

Von Randolph Braumann am 14.09.2016 - 08:35Uhr
"Sie fechten gut, sie trinken gut,
Und wenn sie die Hand dir reichen
Zum Freundschaftsbund,
Dann weinen sie.
Sind sentimentale Eichen."

Heinrich Heine

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  • Quelle: Thomas Beier | Fotos: © Görlitzer Anzeiger
  • Erstellt am 13.09.2016 - 10:57Uhr | Zuletzt geändert am 17.12.2019 - 22:28Uhr
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