Zwei Städte - höchst unterschiedlich

Zwei Städte - höchst unterschiedlichGörlitz | Münster, 25. April 2016. Von Thomas Beier. Ist so ein Städtevergleich überhaupt statthaft? Münster in Westfalen: Über 300.000 Einwohner, davon knapp 55.000 Studenten. Soviel Einwohner hat Görlitz insgesamt, an der Fachhochschule Zittau/Görlitz sind ungefähr 3.600 Studenten eingeschrieben. Das zeigt sich im Stadtbild: Dort mit über 18 Prozent Studenten in der Bevölkerung fast dreimal mehr als hier mit reichlich sechseinhalb, die sich zudem auf zwei Städte verteilen.
Abbildung oben: Am Aasee im westfälischen Münster in diesen Tagen.

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Görlitz und Münster - beide sächsisch, in gewisser Weise

Görlitz und Münster - beide sächsisch, in gewisser Weise

Die Solaaris fährt mit Sonnenstrom über den Münsteraner Aasee.

Thema: Woanders

Woanders

"Woanders" - das ist das Stichwort, wenn der Görlitzer Anzeiger auf Reisen geht und von Erlebnissen und Begegnungen "im Lande anderswo" berichtet. Vorbildliches, Beispielhaftes und Beeindruckendes erhält so auch im Regional Magazin seine Bühne.

In Bezug auf die Arbeitslosigkeit gibt es ebenfalls große Unterschiede. In Münster liegt die Quote bei knapp sechs Prozent, Görlitz bringt es - bei sinkender Quote - auf elfeinhalb Prozent. Mehr als acht Prozent der Görlitzer leben von Hartz IV.

Im Stadtzentrum sind beide Städte architektonisch wertvoll und geschichtsträchtig - in Münster hat der Westfälische Friede - neben Osnabrück - einst den Dreißigjährigen Krieg beendet. Davon zeugt der Friedenssaal. Görlitz - böhmisch, sächsisch, preußisch-schlesisch - blickt auf alle Bewegtheiten einer Via-Regia-Stadt zurück. Außerhalb des Stadtzentrums von Münster scheint der Backstein zu dominieren - gewöhnungsbedürftig, aber auch westfälisch-norddeutsche Klarheit symbolisierend. Görlitz hinwiederum verkörpert die Baustile aller Epochen, eine der Grundlagen für die "Filmstadt Görlitz".

Beide Städte haben ein Flüsschen zu einem See angestaut. In Münster ist es die unscheinbare Aa, die seit 1934 - auf Basis weit älterer Pläne - den heute rund 40 Hektar großen Aasee bildet. Hier verkehrt die Solaaris, ein Solar-Passagier-Schiff, und verbindet die Aaseeterassen / Goldene Brücke mit dem Freilichtmuseum Mühlenhof und dem Allwetterzoo / Naturkundemuseum. Im Randgebiet von Görlitz ist es die Pließnitz, die einen früheren Tagebau zu 390 Hektar Wasserfläche - den zweitgrößten See Sachsens - umgewandelt hat. Doch vielen Bürgern geht die Entwicklung hier zu langsam, die Passagierschifffahrt beschränkt sich vorerst auf die passagierschifffreie Existenz von Hafen und Anlegesteg.

Dafür kann man im Berzdorfer See - von den Einheimischen in verniedlichender Sachsenmanier "Berzi" genannt - baden, beim Aasee spricht die Wasserqualität dagegen. Doch ist dort das Umfeld gut entwickelt: Neben der Kunst am Ufer sind die A2 am See und das Mühlenhof-Museum ein Tipp. Hier im Museum lassen sich das traditionelle Westfalen und das Münsterland auf engstem Raum erleben - und Pott's Landbier (das von den freundlichen Brauern aus Oelde) wird in der Schankwirtschaft des Mühlenhofs besonders nett serviert.

Das Gute? Der Berzdorfer See hat Potenzial und Münster ist einen Besuch wert - schon, um in der ostsächsichen Provinz nicht betriebsblind zu werden. Alte Verbindungen gibt es auch, denn Westfalen gehört zum Siedlungsgebiet der Altsachsen. Na sowas.

Zwei Jahre später:
Görlitzer Anzeiger, 21.06.2019: Warum in Görlitz wohnen?

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Kommentare Lesermeinungen (2)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Münster und Görlitz

Von Tina Domnik am 25.04.2016 - 19:31Uhr
Münster hätte das Bonehaus nie akzeptiert, nicht in der Einkaufsmeile. Ich wollte ein Atelier buchen am Hafen, studiert in NL, Jahrgangsbeste, ich passte nicht ins Konzept.

Görlitz ist ein gutes Pflaster. MS, nix für Künstler, da passiert nichts, nur Frauen in Pelzen in der Kunstakademie: how nice.

Nice is the little sister of shit. Leaving this place soon, angry.

Görlitz und Münster

Von Joachim Trauboth am 25.04.2016 - 10:49Uhr
Als "Neugörlitzer", der vor zwei Jahren von Münster in die Oberlausitz gezogen ist, erkenne ich natürlich noch mehr "fundamentale" Unterschiede:

1.
Während Münster im Zweiten Weldkrieg nahezu total zerbombt wurde, ist Görlitz fast "im Original" erhalten. Was in Münster alt aussieht, ist zumeist rekonstruiert. Dennoch hat die Stadt, mit ihren vielen Grünzonen und der besonderen landschaftlichen Umgebung ein sehr schöne Atmosphäre und bietet eine hohe Lebensqualität.

2.
Wesentlicher Unterschied ist aber der Umgang mit Jugend, Kunst und Kultur. Münster ist eine Stadt, die sich voll auf die jungen Menschen eingestellt hat. Es gibt eine Clubszene, die keine Wünsche offen lässt. Die Stadt hat dafür durch kluge Flächennutzungspläne und Bewirtschaftungskonzepte Raum geschaffen.

3. Kunst/Kultur
Die Zerstörung des Bonehauses wäre in Münster nicht möglich gewesen. Die "altehrwürdige" Stadt hätte Bone einen roten Teppich ausgerollt. Münster bekennt sich zu den Kontrasten, zwischen Bürgerlichkeit und und prickelnder Avantgarde. So ist ein Industriekomplex (Hawerkamp), der direkt neben einer pulsierenden Partyschiene liegt, einem Verein überlassen worden. http://www.am-hawerkamp.de/ Dieser Verein bewirtschaftet das Gelände in Sebstverwaltung. Eine Pacht erhebt die Stadt nicht. Heute findet man auf dem Hawerkamp zahlreiche Kunstateliers, Schrauberwerkstätten, Ausstellungshallen, Szeneclubs. Der Hawerkamp ist ein Zentrum der Subkultur geworden.

In Rat und Verwaltung der Stadt Münster hat man erkannt, dass nur lebensfroher Raum für junge Menschen, nur unterschiedlichste Künstler- und Musikszenenszenen eine Stadt für junge Menschen attraktiv macht. Mit den jungen Menschen kommen "junge" Wirtschafts- und Industriezweige und vor allem Studenten. Münster ist zur drittgrößten Universitätsstadt des Landes avanciert.

Wie armselig sehen dagegen die "Junge-Menschen-Ansiedlungsprogramme" der Stadt Görlitz aus: Planung, Diskussionen, wieder Planung. Bis entscheidende Konzepte umgesetzt sind, sind die heutigen Jugendlichen Großelten.
Wenn man wenigstens das, was da ist - wie z. B. das Bonehaus - erhalten und schützen würde! Aber ich glaube, dass der Rat der Stadt Görlitz dieses Haus weder mit einer "jugendlichen Brille" noch mit künstlerischer Empathie sieht. Das Bonehaus ist "anders". Und alles, was in dieser Region "anders" ist, das ist verdächtig oder nicht notwendig. Es wäre ja auch gegenüber dem Wähler schwer durchzusetzen.

4. Wohlfühlfaktor
Trotz aller Vorteile Münsters: Ich fühle mich wohl in der Stadt. Aber ich bin ja auch Rentner. Wäre ich 40 Jahre jünger, dann würde mich hier kaum was halten.

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  • Quelle: Thomas Beier | Fotos: © Görlitzer Anzeiger
  • Erstellt am 24.04.2016 - 00:10Uhr | Zuletzt geändert am 21.06.2019 - 12:00Uhr
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