Begegnungen mit Polen auf allen Ebenen

Begegnungen mit Polen auf allen EbenenAlfeld / Hirschberg (Jelenia Góra), 7. Februar 2015. Görlitz als in Kriegsfolge geteilte Stadt tritt gemeinsam mit dem früheren Ostteil jenseits der Neiße, dem heutigen Zgorzelec, als Doppelstadt oder Europastadt Görlitz-Zgorzelec auf. Trotz aller Bemühungen wie den Tandem-Treffen (Spotkanie Tandem) haben die Begegnungen auf privater Ebene und außerhalb organisierter Anlässe noch große Reserven. Auch ist gerade hier auf deutscher Seite immer wieder ein höchst verklemmter Umgang mit der deutschen Geschichte Schlesiens festzustellen, über den inzwischen sogar die Polen schmunzeln. Während ehemals deutsche Städte wie Liegnitz (polnisch Legnica), Hirschberg (Jelenia Góra) oder Breslau (Wrocław) krampfhaft beim polnischen Namen genannt werden, taucht das urpolnische Kraków im gleichen Zungenschlag als Krakau auf. Das ist absurd, ist es doch im Deutschen ebenfalls unüblich, Warschau in der Landessprache als Warszawa, Prag als Praha oder Moskau als Moskwa zu benennen.

Abb.: In Hirschberg in Niederschlesien (Dolny Śląsk)

Foto: © Görlitzer Anzeiger

Anzeige

Deutsch-polnischer Partnerschaftsverein in Alfeld (Leine) sondiert Möglichkeiten

Interessant zu sehen ist vor diesem Hintergrund, wie ehemalige Schlesier, die ihre Heimat im Riesengebirge verloren haben und in Alfeld (Leine) im Landkreis Hildesheim - so muss man es nennen - integriert wurden, und deren Nachfahren, mit dem im Vorjahr gegründeten "Partnerschaftsverein deutsch-polnische Verständigung" zu Werke gehen mit dem Ziel, die zwischenmenschlichen Beziehungen zu vertiefen und Begegnungen mit Polen auf allen Ebenen zu ermöglichen.

Von der zweiten Mitgliederversammlung des Partnerschaftsvereins deutsch-polnische Verständigung in Alfeld (Leine)

Konzeptionelle und damit wegweisende Diskussionen und Beschlüsse zu Satzungsänderungen und zur Beitragsordnung standen im Fokus der Versammlung im großen Sitzungssaal des Alfelder Rathauses. Teilgenommen haben 17 Vereinsmitglieder aus der ganzen Bundesrepublik. Entstanden sind auch Vorschläge für das weitere Aktionsprogramm.

Der Vorstand gab unter dem Vorsitz von Bernd Beushausen, der auch Bürgermeister von Alfeld (Leine) ist, einen Situationsbericht für den im Sommer 2014 gegründeten Verein. Einig war man sich auch in Bezug auf die positive Entwicklung des Vereins, dem sich mittlerweile mehr als 40 Mitglieder, davon etwa 20 polnische, angeschlossen haben. Die Kassenlage erläuterte Schatzmeister Herbert Zingler.

Zusammenarbeit mit Stadt und Landkreis Hirschberg soll intensiviert werden


Erst vor wenigen Tagen hatte der Partnerschaftsverein in einem Glückwunschschreiben an die neue Landrätin des Landkreises Hirschberg Anna Konieczynska die Hoffnung bekräftigt, dass die geknüpften Kontakte ins Hirschberger Tal im Rahmen der europäischen Völkerverständigung auch nach ihrer Wahl gemeinsam voran getrieben werden können. Eine kleine Abordnung des Partbnerschaftsvereins will im März 2015 nach Hirschberg fahren, um dort mit Offiziellen von Stadt und Landkreis die künftige Zusammenarbeit möglichst festzuzurren. Konkret geht es dann beispielsweise um Austausch- und Begegnungsprogramme für Schulen, Vereine, Verbände und Betriebe, in denen Praktikumsplätze denkbar sind. Beate Eberlein aus Schwäbisch Gmünd würde gern Deutsch-Lehrer aus Polen einladen, war sie doch selbst Lehrerin und hat seit Jahren gute Kontakte zu polnischen Pädagogen.

Neues Vereinsmitglied ist der Geschichtsverein Kreis Löwenberg (heute Lwówek Śląski) begrüßt, mit dem einstimmig eine auf Gegenseitigkeit beruhende Mitgliedschaft bschlossen wurde. Wie ein Workshop im Benediktinerkloster Liebenthal (heute Lubomierz) soll im Mai 2015 unter anderem Geschichtsinteressierte zusammenbringen soll, schilderte Doris Baumert aus Stadtoldendorf.

Wachsendes polnisches Interesse an der deutschen Geschichte


Der Partnerschaftsverein deutsch-polnische Verständigung sieht seinen Sinn vor allem in der Zukunftsgestaltung, man wolle den Blick stets nach vorn richten. Noch etwas wurde beim Mitgliedertreffen deutlich: Es soll feinfühlig ausgelotet werden, was machbar ist, die Vermittlerrolle ernst nehmen und für Bewegung sorgen im geeinten Europa.

Vor allem soll der Jugend das Angebot gemacht werden, die jeweils andere Region kennenzulernen. Erfreulich für die Vereinsmitglieder ist das zunehmende Interesse auf der polnischen Seite, die Geschichte aufzuarbeiten vor dem Hintergrund, dass heute beide Nationen ihre Wurzeln in Schlesien haben. Die Nachkriegsgeneration habe ein großes Bedürfnis nach Frieden, Begegnung und Aussöhnung.

Erinnerungskultur gehört dazu

Der Partnerschaftsverein möchte jedoch auch die Tradition der Heimattreffen mit ihrer Erinnerungskultur bewahren. Das 29. Treffen 2016 soll wieder in Alfeld (Leine) stattfinden, während im Spätsommer des Vorjaahres ehemalige und heutige Hirschberger zum ersten Mal am Rande des Riesengebirges zusammengekommen waren. Vereinsvorsitzender Beushausen hatte dieses Treffen als historisch und weichenstellend bezeichnet: "Wir haben uns die Hand gereicht und die neue Partnerschaft gefeiert.“

Kommentar:

Die deutsch-polnische Versöhnung mit dem Ziel des Zusammenwachsens in Europa ist anbetrachts der Geschichte ein Prozess, der Mut und Tatkraft erfordert. Noch wirken viele Vorurteile zwischen Deutschen und Polen, so auf dem Gebiet der ehemaligen "DDR" jenes vom revanchistischen Streben der Heimat- und Vertriebenenverbände. Längst aber hat das Leben Fakten geschaffen und nur die möglichst vorurteilsfreie Aufarbeitung der Geschichte, die ja stets auch gemeinsame Geschichte ist, kann alte Ressentiments ausräumen.

Vorbildlich auf diesem Gebiet ist das Dörfchen Nieder Bielau (Bielawa Dolna) an der Neiße nördlich von Görlitz. Hier stehen im Ort verteilt Schautafeln, die in deutscher und polnischer Sprache höchst persönliche Erlebnisberichte der Vertriebenen wiedergeben - sowohl der Deutschen, die gehen mussten, als auch der polnischen Vertriebenen, die ankamen.

Ach ja: Schaut man sich die Liste der Deutsch-Polnischen Gesellschaften in Deutschland und Polen an, findet man zwar solche im heute polnischen Schlesien, weder aber in der Stadt noch im Landkreis Görlitz, die sich teils als Niederschlesier sehen.

Aus der Geschichte zu lernen und sich über Nationen, Religionen und Ethnien hinweg zu begegnen und auszutauschen ist heute nötiger denn je,

meint Ihr Fritz R. Stänker


Der Görlitzer Anzeiger berichtete über Nieder Bielau:

Kommentare Lesermeinungen (0)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Schreiben Sie Ihre Meinung!

Name:
Email:
Betreff:
Kommentar:
 
Informieren Sie mich über andere Lesermeinungen per E-Mail
 
 
 
Weitere Artikel aus dem Ressort Weitere Artikel
  • Quelle: red | Foto: © Görlitzer Anzeiger
  • Erstellt am 07.02.2015 - 08:26Uhr | Zuletzt geändert am 19.11.2021 - 19:47Uhr
  • drucken Seite drucken
Anzeige