Wirtschaftsentwicklung für Görlitz

Wirtschaftsentwicklung für GörlitzGörlitz, 20. Juni 2020. Von Thomas Beier. Wie bringt man Wirtschaft voran? Diese Frage stellen sich Wirtschaftsförderer, Regionalentwickler, Akteure im Arbeitnehmerservice und nicht zuletzt die Unternehmer selbst. Erst gestern hat der Görlitzer Anzeiger mein Plädoyer für Luxus veröffentlicht, das – so das Feedback – nicht jedem gefallen hat. Das war durchaus einkalkuliert.

Lkw-Stau auf der Autobahn bei Görlitz wegen der polnischen Grenzschließung während der Coronakrise. Der Online Handel nutzt die bestehenden Logistik-Systeme der Paketlieferanten und senkt dank Direktlieferung die Lkw-Belastung auf den Straßen

Foto: © BeierMedia.de

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Den Wandel aufgreifen und unternehmerisch Nutzen

Wer den gestrigen Artikel aufmerksam gelesen hat, dem wird der Zusammenhang zwischen beispielsweise höheren Margen im Handel und höherer Bezahlung der dafür nötigen besser qualifizierten Mitarbeiter nicht entgangen sein. Bessere Bezahlung als Voraussetzung, höherwertige Artikel zu konsumieren, kommt ja nicht aus der Gelddruckmaschine des Unternehmers, sondern von einem Preisniveau, das so hoch ist, dass es eine bessere Bezahlung der Mitarbeiter zulässt. Damit Kunden aber bereit sind, für eine Ware mehr Geld auszugeben, müssen sie einen Anreiz dafür haben. Der kann in sehr hoher Qualität bestehen, in Einzigartigkeit, in Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigeit, menschenfreundlichen Produktionsbedingungen, besonderer Funktionalität oder Haltbarkeit, in Reparaturfreundlichkeit und langjähriger Ersatzteilgarantie – letztendlich alles Facetten, die eine Marke ausmachen. Nicht gemeint sind übrigens künstlich aufgebauschte Marken, die als einzigen Kaufanreiz Prestige mit sich bringen.

Will man eine prosperierende Wirtschaft vor Ort, so ist das nur über ausreichend hohe Einnahmen – und nicht etwa durch Fördermittel – realisierbar. Natürlich darf man dabei nicht ausblenden, dass es Marktsegmente gibt, auf denen vor allem der Preis ausschlaggebend ist für einen Kaufentschluss. Wer sich in diese Segmente begibt, braucht andere Strategien. Generell aber gilt für Unternehmer, Trends weniger zu bewerten als sie vielmehr aufzugreifen. Ein schönes Beispiel liefert die jüngst von Galeria Karstadt Kaufhof angekündigte Schließung von 62 der 172 Kaufhäusern und weiterer Geschäfte. Während nun Bürgermeister um das Leben in den Innenstädten bangen und Gewerkschafter den angekündigten Verlust tausender Arbeitsplätze dennoch als Verhandlungserfolg sehen, steht für Unternehmer die Frage: Was bedeutet das für mich?

Unternehmer müssen Trends aufgereifen

Gelegentlich liest man davon, den Wandel weg von der kohlebasierten Industrie und Ernergieumwandlung und zusätzlich hin zu einer digitalisierten Welt zu gestalten. Stimmt: Solche tiefgreifenden Veränderungen brauchen für ihre Gestaltung Rahmenbedingungen. Unternehmerisch gesehen geht es aber weniger darum, den Wandel zu gestalten: Unternehmer müssen den Wandel aufgreifen und die Entwicklungen der nächsten Jahre vordenken. Ein Segment, dem man – da braucht man die erfolgreiche Entwicklung der letzten Jahre gar nicht heranzuziehen – weiter wachsendes Potenzial attestieren kann, ist der der Online Handel als Teil des E-Commerce.

Was die Merkmale des sich weiter entwickelnden Online Handels? Das IWN Institut für Wirtschaftsführung und angewandte Neuro-Ökonomie hat diese Merkmale des Online Handels zusammengestellt, die in den nächsten Jahren wohl von besonderer Bedeutung sind:

    • Die Kaufentscheidung treffen Kunden, die sich vor allem aus digitalen Quellen unterschiedlichster Informationsqualität informiert haben.

    • Zu unterscheiden ist zwischen Kunden, die ihren Onlinekauf sehr schnell vor allem auf der Basis von Suchmaschinenergebnissen erledigen und solchen, die sehr viel Zeit aufwenden, um zu recherchieren und Anbieter zu vergleichen

    • Es entwickelt sich eine Kundentreue zu Online Shops, mit denen gute Erfahrungen gemacht wurden.

    • Neben der selbstverständlichen Produktqualität sind die Einhaltung der Lieferzeit, die unkomplizierter Reklamationsabwicklung und die Bereitstellung einer Rechnung – und nicht etwa nur einer Zahlungsaufforderung – die wichtigsten Auswahlkriterien.

Hinzu kommt, dass die Anforderungen der Kunden an die Umwelfreundlichkeit der Online Versender weiter steigen. Dabei ist der Online Versand schon heute besser als sein Ruf: Wer Waren direkt vom Erzeuger bzw. der Handelszentrale zum Endkunden verschickt, vermeidet die Umweltbelastungen und den Aufwand der klassischen Lieferkette, die über den Großhändler oder ein Logistikzentrum einer Handelskette zum Einzelhandel führt und sich auf der Autobahn in endlosen Lkw-Kolonnen zeigt – und dann fährt der Endverbraucher vielleicht auch noch mit dem eigenen Pkw zum Einzelhändler...

Vereinzelt steht der Verpackungsaufwand beim E-Commerce in der Kritik. Tatsächlich wird für jeden Versand, der auf eine Online Bestellung hin erfolgt, eine eigene Transportverpackung verwendet, doch das sind fast immer Kartons, die vollständig recyclebar sind oder sogar wiederverwendet werden.

E-Commerce vermeidet regionale Abhängigkeit

Für eine Wirtschaftsstrategie für die Görlitzer Region in Sinne der Kräftekonzentration gilt der Ansatz "das eine tun, ohne das andere zu lassen". Das ist durchaus erklärungbedürftig, aber im Makro-Zusammenhang für den einzelnen Unternehmer im Grunde weniger interessant. Zu den Aspekten, die hingegen eher auf Interesse stoßen gehört, von einer wirtschaftlich schwachen Region möglichst unabhängig zu sein. Realisieren lässt sich das auf der Seite des Verkaufs nur durch überregionalen Absatz, der sich für viele Anbieter, die sich an Endverbraucher wenden, eben im E-Commerce bzw. Online Handel besteht.

Im Bereich der hochwertigen Lebensmittel etwa fällt auf, dass die bundesweiten Versender eben nicht aus der Oberlausitz kommen, denkt man etwa an die Kochboxen vom Hello-Fresh aus Berlin oder das krumme Biogemüse aus den Retterboxen von Etepetete aus München. Beide Unternehmen punkten mit nachhaltigem Wirtschaften, weniger Lebensmittelverschwendung und dank Direktlieferung natürlich mit Frische. Verallgemeinert lässt sich sagen: Wenn man schon nicht der Trendsetter ist, dann sollte man schauen, was woanders erfolgreich funktioniert und ob man das nicht auf seine Region oder seine eigene Branche übertragen kann.

Deutlich wird auch: Bei Endverbrauchern steht nicht nur das das gekaufte Produkt im Mittelpunkt, sondern auch das gute Gefühl, dass sich mit dem Erwerb verbindet. Dafür wird mehr Geld ausgegeben als nur für die Ware allein – ist das etwa schon Luxus?

Kommentare Lesermeinungen (1)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

Luxus

Von Herrmann am 23.06.2020 - 16:10Uhr
Ich danke Ihnen, Herr Beier, für diesen Beitrag. In den letzten Jahren ist mir kein wirtschaftspolitischer Beitrag mit solch einer sensiblen dennoch fordernden Haltung untergekommen.

Dieser Artikel sollte von vielen Wirtschaftsförderern der Kommunen gelesen und wenn möglich auch begriffen werden.Es hilft eben nicht nur Fördermittelberatungen zu führen und zu warten auf den Investor.

Ich wünsche Ihnen Annerkennung dieser Publikation sowie weiterhin Weitblick.

Mit freundlichen Grüßen

Karsten Herrmann

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  • Quelle: Thomas Beier | Foto: © BeierMedia.de
  • Erstellt am 20.06.2020 - 08:18Uhr | Zuletzt geändert am 24.06.2020 - 11:00Uhr
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