Was Görlitz fehlt ist Luxus

Was Görlitz fehlt ist LuxusGörlitz, 19. Juni 2020. Von Thomas Beier. Görlitz nimmt seit Jahren eine erfreuliche Entwicklung und die Meldungen der jüngeren Zeit – Senckenberg-Neubau, CASUS-Institut, Siemens-Forschungszentrum, Filmakademie, aber auch das Wein- und Genussfest Coolinaria – lassen hoffen, dass das Aufblühen der Stadt weiter an Fahrt aufnimmt. Ein Segment bedarf dabei besonderer Aufmerksamkeit: teure Waren und Dienstleistungen hochwertigster Art – ein bisschen Luxus also.

"Bella Polonia – auf dem Weg zum neuen Italien" haben die Görlitzer Senfkorn-Reisen auf ihr Schild vor dem Schlesischen Museum zu Görlitz geschrieben. Stadt-Marketern sollte dieser Anspruch zu denken geben, in Polen locken Reiseziele wie das nahe Schloss Klitschdorf (Kliczków) oder das trendige Krakau (Kraków) – Womit kann Görlitz gegenhalten?

Archivbild: © BeierMedia.de

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Ein Plädoyer für die etwas teureren Dinge

Ein Plädoyer für die etwas teureren Dinge

Wien? Krakau? Görlitz! Die vergleichsweise kleine Neißestadt braucht sich nicht zu verstecken, sondern muss ihre Stärken weiter ausbauen

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Viel zu lange schon verharrt Görlitz zu großen Teilen im Billigmodus, angefangen vom Einkommensniveau bis hin zum Einzelhandel. Es gilt, den Teufelskreis der regionalen Wirtschaft zu durchbrechen: Billig verkaufen erlaubt es vielen Unternehmen nur, Gehälter im Mindestlohnbereich zu zahlen, wer in diesen Betrieben wenig Geld verdient, kann nur billig einkaufen – etwa beim Discounter, der seine Angestellten entsprechend gut oder besser gesagt schlecht bezahlt, während sich der lokale Fachhandel – noch haben wir richtige Bäcker und Fleischer – durchbeißen muss.

Verkaufskultur: Schatten und Licht

Manchmal schlägt das dann auf die Verkaufskultur durch: Es ist nicht nur einmal passiert, dass ein Verkäufer gerade im Non-Food-Bereich einen fest eingeplanten Kauf – Portemonnaie entsprechend gefüllt dabei – erfolgreich verhindert hat. Um niemandem vor Ort auf die Füße zu treten eine kurze Auswahl aus vielen realen Beispielen aus dem Landkreis Görlitz: Die Frage bei einem Hausgeräte-Fachhändler nach einer Waschmaschine, die man im Internet gesehen hat, führt zu einem Ausraster über Kunden, die sich im Fachhandel informieren und dann online kaufen. Ein Markenhändler, um den Verkauf eines anderen Haushaltsgerätes gebeten, zeigt sich äußerst belustigt und lässt den Kunden dessen Dummheit spüren – allerdings: Der Kunde kannte die technischen Features und Anwendungsbeispiele der Geräte besser als der Anbieter. Auf die Frage nach eine ziemlich teuren Kamera wird zurückgeblafft: "Sowas kauft hier doch sowieso niemand!" In diesem Moment stand also niemand vor dem Verkäufer, sonst wäre er vielleicht noch auf die Idee gekommen, die Kamera zu bestellen.

Natürlich kann man nicht alle über einen Kamm scheren und gibt es viele grundsolide, hochkompetente und freundliche Fachgeschäfte in Görlitz, denkt man stellvertretend für viele andere etwa nur an Gunter Ende Unterhaltungselektronik auf der Hospitalstraße, Rieger Betten & Naturwaren in der Straßburg-Passage und Görlitz-Schlauroth oder Zedel-Elektro in Görlitz-Rauschwalde.

Gut und teuer funktioniert

Aber wie ist das nun mit dem "Luxus"? Man kann Luxuskäufe von mehreren Seiten beleuchten, vom Prestigekauf bis hin zu Waren, die sehr hochwertig und langlebig sind und unter fairen und nachhaltigen Bedingungen hergestellt wurden. Auch hochwertige, handwerklich verarbeitete Lebensmittel zählen in gewisser Weise dazu. In dieser Bandbreite muss natürlich jeder selbst überlegen, wo seine Proritäten liegen. Fakt ist: Je nach Strategie kann eine teure Produktion außerordentlich erfolgreich sein. Erst vor wenigen Tagen berichtete die SZ über zwei Investmentbanker, die vegane Sneaker produzieren – in der Produktion fünfmal teurer als normale Sneaker (Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 15. Juni 2020, Julia Rothaas: Alles fairstanden): Die explodierende Nachfrage soll gar nicht befriedigt werden, Kapitalismus mal anders.

Wovon wollen wir uns leiten lassen?

Zurück nach Görlitz: Noch bewegen sich die Gutbetuchten der Region für beeindruckende Shopping-Erlebnisse nach Berlin, Paris, London oder New York. Für Görlitz wäre es durchaus eine Option, zwischen Chemnitz und Breslau, zwischen Prag und Berlin zum nahen Treffpunkt der Schönen und Reichen zu werden – man kann ja nun wirklich nicht wegen eines Kreditkartenetuis nach Paris jetten, nur weil es das vor Ort vielleicht so nicht gibt! Das Beispiel kommt nicht von ungefähr, denn praktisch und sicher – Stichwort Ausleseschutz – sind diese Etuis jedenfalls; wer geht schon gern mit dickem Portemonnaie auf Kneipenbummel durch die Görlitzer Altstadt?

Zugpferd Görlitzer Kaufhaus: Bitte anspannen!

Große Hoffnung liegt für die Entwicklung der Görlitzer Einzelhandelslandschaft auf dem Stöcker-Kaufhaus. Hier könnte sich aus der Kombination aus Architektur, Kauferlebnis, Sortiment und Service eine ganz besondere Anziehungskraft auf Kunden entwickeln, die dafür sogar eine längere Anreise in Kauf nehmen und schon deshalb nicht nur für einen Tag in der Neißestadt bleiben. Mit dem Modehaus am Postplatz, dem Testballon für hochwertige Mode in Görlitz, gibt es bereits erfolgversprechende Erfahrungen. Doch da müssen viel mehr Anbieter in der Stadt in Richtung Hochwertigkeit mitziehen, vom Einzelhandel über die Gastronomie bis hin zur Hotellerie, wenn sie ebenfalls und zum gegenseitigen Nutzen profitieren möchten. Das beginnt bei der Sprache: In vielen Bereichen sind Deutsch, Polnisch und Englisch das Minimum, Französisch, Tschechisch und Russisch kommen hinzu; das im Beitrag "Werbung machen" abgebildete Plakat aus Karlsbad zeigt, wohin die Reise sprachlich geht.

Preise sind Leistungsversprechen

Wenn Görlitz als Einzelhandelsstandort und Kulturstadt seine Spitzen weiter ausprägen möchte, dann zählt das mangelnde Angebot im Hochpreissegment, das mit einer weiter ausbaufähigen Verkaufs- und Dienstleistungsmentalität einhergeht, zu den Minimumfaktoren. Görlitz als touristisches Reiseziel, künftig auch als Shopping-Area, kann sich doch im Grunde glücklich schätzen: Werden die richtigen Zielgruppen angesprochen und treffen auf eine hohe Verkaufskultur mit passenden Sortimenten, wird die Kreditkarte schnell mal spontan gezückt – mit Schildern wie "Nette Kunden sind hier gern gesehen" und "Berühren verboten!" wird's allerdings ebenso schwierig bleiben wie mit dem durchaus freundlichen, aber alles kaputtmachenden Hinweis "Das können wir nicht verschicken, das müssen Sie schon selber mit nach Hause nehmen!"

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  • Quelle: red
  • Erstellt am 18.06.2020 - 17:18Uhr | Zuletzt geändert am 19.06.2020 - 00:14Uhr
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