Wohnungsmangel: Lösung Plattenbau

Wohnungsmangel: Lösung PlattenbauGörlitz, 23. Februar 2020. Um die Wohnungsnot in der "DDR" zu beseitigen, setzte das SED-Regime vor allem auf eine Lösung: Industriellen, standardisierten Wohnungsbau – Plattenbau. Sowohl wirtschaftlich wie ideologisch schien dies die richtige Lösung, um möglichst schnell ausreichend Wohnraum zu schaffen. Vor dem Hintergrund der Zerstörungen im Krieg und des zunehmenden Verfalls der bestehenden Altbauten schien die Platte die naheliegende Lösung zu sein.

Reste eines typischen, mittlerweile völlig abgerissenen Plattenbauviertels an der Werner-Seelenbinder-Straße in Weißwasser/O.L. im Landkreis Görlitz

Foto: ©2006 Weißwasseraner Anzeiger

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Stadtkerne und Altbauten waren im Sozialismus dem Verfall geweiht

Stadtkerne und Altbauten waren im Sozialismus dem Verfall geweiht

In Weißwasser-Süd ist ein ganzes Wohngebiet verschwunden. Ohne die Abrisse würde der Wohnungsleerstand in Weißwasser/O.L. heute vermutlich bei fast fünfzig Prozent oder sogar darüber liegen

Foto: ©2007 Weißwasseraner Anzeiger

Ideologisch war die Platte im real existierenden Sozialismus ebenfalls genehm, schließlich konnte so jeder ungefähr den gleichen Wohnstandard genießen – in der Theorie jedenfalls.

Während bis in die 80er Jahre hinein die Wohnungsbaupolitik des SED-Regimes voll auf den Plattenbau setzte, verfielen die Altbauten, vor allem wegen des Mangels an Baumaterial und Technik. Zwar wurden – fast immer durch Eigenleistung der Bauherren – auch Eigenheime errichtet, aber verglichen mit der alten Bundesrepublik waren es viel weniger.

Nach der Wiedervereinigung flossen im Rahmen des Länderfinanzausgleichs erhebliche Mittel, um die verfallenden Innenstädte zu sanieren. Neben den noch vorhandenen Plattenbauten gibt es heute wieder eine große Zahl schönster Immobilien in Brandenburg und Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt und manche ostdeutsche Innenstadt ist schmucker als Bottrop, Gelsenkirchen oder Dortmund.

Einheitstyp mit Raum für Kreativität: WBS 70

Nachdem Erich Honecker Walter Ulbricht als Vorsitzenden des Politbüros abgelöst hatte, stand die Verbesserung der Lebensverhältnisse der DDR-Bürger ganz oben auf dem Programm. Nun ersetzte die "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" das von Ulbricht eingeführte "Neue ökonomische System" (NÖS) und sollte als Ziel für angenehmere Lebensbedingungen sorgen, etwa den Bewohnern des Landes mehr Konsumgüter zur Verfügung stellen, für mehr Urlaubsreisen (innerhalb der DDR, natürlich, oder in den Ostblock) und vor allem mehr Wohnraum sorgen.

Hierfür entwickelten die Ingenieure der "DDR" einen neuen Plattenbautyp, die Wohnbauserie WBS 70. Dieser Typ verwendete insgesamt weniger und zugleich mehr standardisierte Bauteile als seine Vorläufer. So sollten die Produktionszahlen erhöht und endlich mehr Menschen eine eigene Wohnung ermöglicht werden.

Obwohl die WBS 70 zuerst als Einheitsmodell konzipiert war, wurden im Nachhinein immer neue Bauelemente entwickelt, was durch ein simples und flexibles Grundraster ermöglicht wurde. Entstanden auf Grundlage der WBS 70 zuerst die stereotypen Plattenbauten als Fünf-, Sechs- oder Elfgeschosser, sorgten Bauteile mit Erkern, Rundungen und Giebel-Balkone bald dafür, dass das System vor allem in Vorzeigeprojekten so eingesetzt werden konnte, dass es gefälliger wirkte. Heute verraten oftmals – falls nicht hinter einer Wärmedämmung verschwunden – nur noch die sichtbaren Plattenbaufugen, dass ein Gebäude wohl der WBS 70 entstammt.

Katastrophaler Wohnraummangel

Anfang der 70er Jahre hatten die Architekten und Stadtplaner der "DDR" bereits seit über 20 Jahren daran gearbeitet, die Wohnungsnot zu lindern – alles vor dem Hintergrund einer Mangelwirtschaft. Der ambitionierte Plan der Staats- und Parteiführung sah vor, im Zuge eines im Jahr 1973 beschlossenen Wohnungsbauprogramms bis 1990 drei Millionen neue Wohnungen zu errichten. Anstelle des Grundanspruchs "warm, sicher, trocken" sollte mit dem Einsatz von 200 Milliarden DDR-Mark jedem eine eigene Wohnung mit zeitgemäßem Standard ermöglicht werden.

Das war auch bitter notwendig: Eine Wohnung zu ergattern war in der "DDR" – und blieb bis zu ihrem Ende – immer schwierig. Kinderlose Paare konnten selbst nach der Hochzeit in den allermeisten Fällen nur davon träumen, eine gemeinsame Wohnung zu beziehen. Selbst Beziehungen oder staatsbürgerliches Wohlverhalten im Sinne des real existierenden Sozialismus half da unter Umständen nur wenig weiter.

Von den Geschichten sozialistischer Wohnungsnot zeugen bis heute die Unmengen archivierter Eingaben der Bürger (den Klageweg gab es nicht) bei den verschiedenen Wohnungsämtern, die von den Problemen berichten, eine Wohnung zu finden oder eine Wohnung zu renovieren. Zu dieser Zeit waren Wohnungen in den neugebauten Plattenbausiedlungen sehr begehrt.

Erst mit der Aufwertung der ostdeutschen Innenstädte nach der Friedlichen Revolution begann für viele die Tristesse der meist als Satellitenstädte errichteten, im Volksmund Arbeiterschließfächer genannten Neubauviertel offensichtlich zu werden. Heute entwickeln sich die Plattenbausiedlungen unterschiedlich: Während beispielsweise in Weißwasser/O.L. wegen der Bevölkerungsabwanderung großflächig abgerissen werden musste, wurden in Görlitz-Königshufen einzelne Wohnblöcke entfernt, bei anderen die Anzahl der Etagen reduziert und mit viel Aufwand die Wohnungen wie auch die Versorgungstechnik modernisiert.

Literaturtipp:
Sigrun Kabisch, Matthias Bernt, Andreas Peter: Stadtumbau unter Schrumpfungsbedingungen
194 Seiten, erschienen im VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2004
eBook: ISBN 978-3-322-81019-9
Softcover: ISBN 978-3-8100-4171-5

Das Buch entstand im Zuge eines Forschungsprojekts und ist eine auf den Stadtumbau in Weißwasser/O.L. bezogene sozialwissenschaftliche Fallstudie aus dem Blickwinkel von Betroffenen und Entscheidungsträgern.

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  • Quelle: red | Fotos: © Weißwasseraner Anzeiger
  • Erstellt am 23.02.2020 - 03:42Uhr | Zuletzt geändert am 23.02.2020 - 15:31Uhr
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