Straßenbahn Görlitz stellt Betrieb ein

Görlitz-Zgorzelec. Setzt man am wirkungsvollsten Punkt an, lösen sich gewöhnlich gleich mehrere Probleme mit einem Schlag. Solch ein Schlag ist den Görlitzer Stadtverordneten in Ihrer Sondersitzung am 1. April gelungen: Mit überwältigender Mehrheit beschlossen sie die Stilllegung der Görlitzer Straßenbahn zum Jahresende 2010. Für diesen Beschluss gönnten sich die Deputierten einen lang anhaltenden, herzlichen und sich steigernden Applaus.

Anzeige

Stadtverordnete lösen Probleme

"Im Grunde war der Betrieb der Görlitzer Straßenbahn noch nie rentabel", so einer der Verkehrsexperten. Ob das an den Tarifen, der Auslastung, den Strompreisen oder der Zahl der Schwarzfahrer lag, ließ er offen.

Breite Zustimmung

Erste Hinweise aus der Bevölkerung lassen eine breite Zustimmung erahnen. "Das Gequietsche hat mich schon immer gernervt", so ein Trassenanwohner, der nun seine Schlaftabletten absetzen und auf diese Weise den Gesundheitsfonds stärken will.

Auch aus dem Landespräsidium Dresden kommt Zustimmung: "Endlich mal was Positives aus Görlitz!" Immerhin - die Einsparung elektrischen Stroms als Antriebskraft für den Öffentlichen Personen- und Nahverkehr (ÖPNV) beträgt satte einhundert Prozent. Allerdings hat die Laubfroschfraktion ihre Zweifel: "Wenn die uns mit ihren Elektroautos die Stromsparbilanz versauen, war es wieder mal umsonst."

Unterm Strich ist die Einstellung des Straßenbahnbetriebs ein historisches Datum, das als "Görlitzer Landfrieden" in die Geschichte einziehen wird, erwartet der oberste Landverweser: "Die Diskussionen um die Zuschüsse für die Görlitzer Straßenbahn sind vom Tisch. Gut so - wir brauchen das Geld an anderer Stelle."

Neues Problem: Wohin mit dem Geld?


Logisch, dass frei werdende Mittel Begehrlichkeiten wecken, doch welche konkret? Unter der Hand wird über eine gewaltige Bananenplantage entlang von Neiße und Mandau gemunkelt. Zwischen Zittau und Bad Muskau soll ein Bananenstreifen entstehen, für den das eingesparte Straßenbahngeld eingesetzt werden soll. "Unter Berücksichtigung der demografischen Entwicklung erweist sich die Banane als regional besonders geeignet. Neben den willkommenen Arbeitsplätzen auf der Plantage, die auch für gering qualifizierte Hilfsarbeiter geeignet sind, scheint die Frucht ideal für Zahnlose, die sich noch an die Sehnsüchte ihrer Kindheit erinnern", so das Fazit einer Studie. "Dafür sind wir 89 auf die Straße gegangen!", begrüßt auch der Seniorenrat einer großen Volkspartei die kühnen Pläne. Mit den Bananenschalen sollen, so ein weiteres Ergebnis der Studie, zudem fehlgeplante Müllverbrennungsanlagen befeuert werden.

Wirtschaft im Blick

Schaden nehmen könnte hingegen die Görlitzer Werbewirtschaft, für die die Straßenbahnen als Werbeflächen ein Auftragspotenzial darstellen. Auch besteht die Befürchtung, es könne zu Unruhen unter den Görlitzern kommen, weil sich nach Einstellung des Straßenbahnbetriebs Entzugserscheinungen zeigen. "Der Görlitzer, wie er ist, liebt seine Gewohnheiten", meint auch die Verwaltung. Doch auch hier bahnt sich eine Lösung an. Die Straßenbahnen sollen als Werbeträger im Stadtbild fest verankert werden. "Wir schlagen zwei Fliegen mit eine Klappe", so einer der Stadtverordneten, "so behalten die Görlitzer ihre Straßenbahn im Blick, die Wagen könen darüber hinaus als Werbeflächen genutzt werden." Schöne Ideen, vielleicht findet sich ja auch ein Betreiber nach dem Modell der legendären "Linie 6" in Dresden.

Überraschende Lösung für die Berliner Straße

Nicht genug des Guten, weitere Einsparungen tun sich auf. So braucht bei der Sanierung der Berliner Straße keine Rücksicht auf die Straßenbahnschienen genommen zu werden. "Es geht immer billiger!" - nach diesem Motto sollen jetzt Betonplatten aus abgebrochenen Betonplattensiedlungen (im Volksmund. Arbeiterschließfächer) auf dem Görlitzer Boulevard verlegt werden. "Das ist Recycling pur!", so die Kostensparfans in der Stadt, die zugleich auf den Denkmalschutz-Aspekt verweisen: "Wenn elegante Waschbetonplatten aus Görlitz-Königshufen auf der Berliner Straße ihre letze Ruhe finden, so werden sie auch zukünftige Generationen an warmes, sicheres und trockenes Wohnen erinnern."

Perspektive für Straßenbahnfahrer

Die Görlitzer Verkehrbetriebe sehen das Ende der Straßenbahn optimistisch. "Wenn wir unsere Straßenbahnfahrer zu Busfahrern umschulen, reichern wir deren Tätigkeit an", so der Verkehrsvorstand. Das ist leicht einsehbar, denn Kupplung, Gaspedal und Lenkrad bieten neue Herausforderungen.

Fazit: Mit der Straßenbahn verschwindet aus Görlitz eine Vielzahl von Problemen, neue Chancen tun sich auf. Das macht Mut, über weitere Abschaffungen nachzudenken.


Der Görlitzer Anzeiger berichtete:

Aderlass für Görlitz

Kommentare Lesermeinungen (4)
Lesermeinungen geben nicht unbedingt die Auffassung der Redaktion, sondern die persönliche Auffassung der Verfasser wieder. Die Redaktion behält sich das Recht zu sinnwahrender Kürzung vor.

17 haben wir doch schon

Von Frank am 03.04.2010 - 04:43Uhr
@Herrn Schwiebert

Auch gut recherchiert,

aber wir haben in Deutschland schon 16 Bundesländer, dazu Mallorca, da bleibt nur noch Platz 18 für Nepal.

Frohe Ostern wünscht Frank

Straßenbahn verschwindet

Von Maik Thiel am 02.04.2010 - 08:19Uhr
Schöner Aprilscherz, gut geschrieben :-)

Guter Journalismus

Von Hermann Schwiebert am 01.04.2010 - 18:12Uhr
Das finde ich mal wieder einen sehr schön aufbereiteten Artikel. Gut recherchiert und alle Facetten durchleuchtet. Nicht so ein nur aus Fragmenten bestehender Kram, wie man manchmal von anderen Medien gewohnt ist.

Ich habe gleich mit meiner Frau besprochen, dass wir unbedingt noch einmal Straßenbahn fahren wollen. Den heutigen 1. April eingerechnet, bleiben ja nur noch auf den Tag genau neun Monate.

Aber es gibt ja Ersatz. Görlitzer Bürger und Touristen werden nicht laufen müssen. Aus gut unterrichteten Kreisen habe ich erfahren, dass bereits Gerhard Schröder während seiner Kanzlerschaft im Rahmen seiner letzten China-Reise Rikschas bestellt hat. Dass die erst jetzt geliefert werden können hängt mit dem Außenwirtschaftsgesetz zusammen. Rikschas unterliegen einer besonderen Einfuhrbeschränkung. Es muss sichergestellt sein, dass die Fahrzeuge nicht zu einem militärischen Spähwagen umgebaut werden können.

Zusätzlich ist natürlich noch die Ausländerbehörde zu befragen, ob die erforderlichen Chinesen eine Arbeitserlaubnis erhalten. Deutsche Arbeitskräfte sind als Rikschafahrer einfach zu teuer.

Aber nun ist alles geregelt. Die Fahrzeuge dürfen kommen, aber nur mit Speichenrädern. Kettenantriebe wurden nicht zugelassen. Und die Chinesen bekommen eine auf 5 Jahre begrenzte Arbeitserlaubnis. Danach soll China zeitgleich mit der Türkei EU-Mitglied werden. Dann ist für diese Staaten keine Aufenthaltserlaubnis mehr erforderlich. Im Gegenzug wollen die Türken auf den Bau von Minaretten verzichten. Die Chinesen haben sich verpflichtet, keinen Kaiser auszurufen. Und Nepal wird 16. Bundesland.

:-D

Von Peter Goge am 01.04.2010 - 14:05Uhr
Netter Versuch ;-)

Schreiben Sie Ihre Meinung!

Name:
Email:
Betreff:
Kommentar:
 
Informieren Sie mich über andere Lesermeinungen per E-Mail
 
 
 
Weitere Artikel aus dem Ressort Weitere Artikel
  • Quelle: red
  • Erstellt am 01.04.2010 - 01:22Uhr | Zuletzt geändert am 01.04.2010 - 15:31Uhr
  • drucken Seite drucken
Anzeige