A4 unter Druck: Warum der Transit die Region prägt – und Görlitz trotzdem zum Logistikdrehkreuz wird
Görlitz, 22. Januar 2026. Wer auf der A4 zwischen Görlitz und Dresden unterwegs ist, kennt das Bild: Baustellen, stockender Verkehr, Stau – und dazwischen endlose Reihen von Lastwagen. Die Autobahn ist eine wichtige Ost-West-Achse – und damit ein Stück kritische Infrastruktur. Gerade an der deutsch-polishcen Grenze wird sichtbar, wie eng Verkehr, Wirtschaft und Standortfragen zusammenhängen: Die A4 ist Lebensader – und Belastungsprobe zugleich.
Bild von Erich Westendarp auf Pixabay
Stau ist längst kein Ausnahmezustand mehr
Die Zahlen zeichnen ein klares Bild: In Sachsen ist die A4 der Stauschwerpunkt. Der ADAC Sachsen bilanziert für 2024 insgesamt 13.027 Staustunden im Freistaat; besonders heraus sticht die A4 mit 9.142 Staumeldungen – deutlich mehr als im Vorjahr.
Was bedeutet das im Alltag? Zunächst: Zeitverlust. Für Pendler ist das ärgerlich, für Unternehmen ist es ein Kostenfaktor. Denn Staus wirken wie Sand im Getriebe: Lieferfenster werden enger kalkuliert, Tourenplanung wird riskanter, Pufferzeiten wachsen – und damit am Ende auch die Kosten pro Transport. Dazu kommen Sekundäreffekte wie höhere Emissionen durch Stop-and-go-Verkehr und steigender Druck auf Ausweichrouten, wenn der Verkehr sich in umliegende Orte verlagert.
Hoher Lkw-Anteil: Infrastruktur im Dauerstress
Ein zentraler Grund für die Stauanfälligkeit liegt im Schwerverkehr – und der ist auf der A4 besonders sichtbar. Ein markantes Nadelöhr ist der Tunnel Königshainer Berge zwischen Nieder Seifersdorf und Kodersdorf. Laut Autobahn GmbH passieren ihn im Schnitt rund 30.000 Fahrzeuge pro Tag; der Schwerverkehrsanteil liegt bei knapp 40 Prozent – ein außergewöhnlich hoher Wert.
Solche Verhältnisse sind nicht nur eine Frage des „Gefühls auf der Autobahn“, sondern der Technik und Sicherheit: Hohe Lkw-Anteile bedeuten stärkeren Verschleiß an Fahrbahnen und Bauwerken, mehr Störanfälligkeit bei Unfällen oder Pannen und höhere Anforderungen an Betrieb und Rettungsinfrastruktur. Dass der Tunnel in den vergangenen Jahren umfassend nachgerüstet und saniert wurde, ist auch eine Reaktion auf genau diesen Dauerstress im System.
Görlitz: Randlage? Eher ein Knotenpunkt!
Auf den ersten Blick wirkt Görlitz wie eine Stadt am Rand: weit im Osten, fern der großen Metropolen. In logistischer Perspektive kann Randlage jedoch zum Vorteil werden – wenn sie an der richtigen Achse liegt. Görlitz sitzt am Übergang nach Polen, im Dreiländereck, und ist damit ein natürlicher Andockpunkt für grenzüberschreitende Lieferketten. Wer Warenströme in Richtung Osteuropa organisiert oder aus Polen nach Deutschland verteilt, denkt in Korridoren – und einer dieser Korridore heißt A4.
Die Stadt profitiert davon nicht automatisch. Aber sie kann es strategisch nutzen: als Standort für Lagerung, Umschlag, Verpackung, Qualitätskontrolle oder als „letzte Station“ vor der Grenze. Genau hier entsteht in den vergangenen Jahren neue Dynamik: Logistik wird nicht mehr nur als Transport verstanden, sondern als Teil der Wertschöpfung – inklusive Arbeitsplätzen und Investitionen.
Ein konkreter Impuls: neues Logistikzentrum und Arbeitsplätze
Ein Beispiel dafür ist der Ausbau rund um ein neues Logistikzentrum der SKAN-Gruppe in Görlitz: Im Oktober 2025 wurde der erste Spatenstich gemeldet; genannt werden rund 330 Beschäftigte am Standort und eine deutlich wachsende Bedeutung des Werks für die Lieferkette des Unternehmens.
Solche Investitionen sind für eine Stadt wie Görlitz mehr als eine einzelne Baustelle. Sie sind ein Signal: Logistik wird als Standortfunktion ernst genommen – auch außerhalb der klassischen „Logistikgürtel“ um Leipzig/Halle oder Dresden. Gleichzeitig zeigen sie die Kehrseite: Wer Logistik stärken will, braucht verlässliche Korridore. Und genau da wird die Belastung der A4 zur Schlüsselfrage.
Das Paradox: Logistik wächst – aber auf einer überlasteten Achse
Hier liegt das Spannungsfeld, das die Region in den kommenden Jahren beschäftigen dürfte: Einerseits steigt die Bedeutung von Görlitz als logistischer Baustein in grenzüberschreitenden Lieferketten. Andererseits hängt diese Funktion stark von der Leistungsfähigkeit der A4 ab. Wenn Staus häufiger werden, steigen Kosten und Unsicherheiten – und Standorte müssen zusätzliche Resilienz aufbauen. Neben größeren Lagerpuffern und flexibleren Zeitfenstern rückt dabei auch Telematik in den Fokus: also die datengestützte Erfassung und Steuerung von Verkehrs- und Transportabläufen.
Gerade auf einer dauerhaft hoch belasteten Transitachse wie der A4 kann Telematik dazu beitragen, Verkehrsströme besser zu verteilen, Zeitfenster präziser zu planen und die Folgen von Staus zumindest abzumildern. Für Logistikstandorte wie Görlitz wird sie damit weniger zur technischen Zusatzoption als zu einem strukturellen Faktor im Umgang mit begrenzter Infrastruktur.
Für die Stadt und die Region kann daraus eine zweite Chance entstehen: Wenn Unternehmen ohnehin Puffer, Zwischenlager und neue Prozesse brauchen, kann ein Standort wie Görlitz in der Kette an Bedeutung gewinnen – gerade weil er nahe am Grenzübergang liegt. Aus reiner „Durchfahrtsstrecke“ wird dann ein Ort, an dem Transport in Organisation übergeht.
Was jetzt zählt
Die A4 ist für Ostsachsen gleichzeitig Engpass und Wachstumsvoraussetzung. ADAC-Zahlen belegen die steigende Stauintensität; der hohe Lkw-Anteil, etwa am Tunnel Königshainer Berge, verdeutlicht die infrastrukturelle Dauerbelastung. Und Investitionen wie das SKAN-Logistikzentrum zeigen, dass Görlitz als logistischer Standort real an Gewicht gewinnt.
Ob daraus ein nachhaltiger Vorteil wird, entscheidet sich weniger an Sonntagsreden als an Alltagsfragen: Wie gut lassen sich Baustellen managen? Wie stabil sind Grenz- und Transitprozesse? Wie klug werden lokale Flächen entwickelt, ohne die Stadt zusätzlich zu belasten? Und wie wird die Verkehrswende (inklusive Güterverkehr) so gedacht, dass eine Region an der Grenze nicht abgehängt, sondern als Drehscheibe genutzt wird?
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- Erstellt am 22.01.2026 - 09:39Uhr | Zuletzt geändert am 22.01.2026 - 12:37Uhr
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