Vorhang zu für Görlitzer Lesebühne – aber nicht sofort

Vorhang zu für Görlitzer Lesebühne – aber nicht sofortGörlitz, 13. Oktober 2021. Da reibt sich der kulturaffine Görlitzer nebst der dem gewitzten Wort nicht weniger zugetanen Görlitzerin verdutzt die Augen: Die beliebte Görlitzer Lesebühne Hospitalstraße geht auf Abschiedstour. Schade, den rechtzeitigen Abschied von der Bühne hätte man eher alternden Rockstars gegönnt. Aber wer weiß, was die Lesebühnenprotagonisten der Hospitalstraße umtreibt?

Abb.: Cornelius Pollmer

Foto: Stephan Floss

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Exzellente Gäste sorgen für das Beste

Exzellente Gäste sorgen für das Beste

Juliane Liebing und Dominique Matthes sind das Duo Jarése

Foto: PR

Thema: Lesebühnen

Lesebühnen

Lesebühnen sind in Görlitz fester Kulturbestandteil - teils musikalisch unterlegt, teils mit Autoren von vor Ort, teils mit weitgereisten Schreib- und Lesenden.

Jedenfalls soll im Görlitzer Apollo nach der Spielzeit 21/22 Schluss sein mit der Lesebühne Hospitalstraße – und wie es scheint, nicht nur dort, sondern überhaupt. Sind die beiden Popliteraten und Strippenzieher der Lesebühne Axel Krüger und Mike Altmann nach 19 Monaten Corona-Zwangspause nun abgetörnt und fragen sich ob der Ergebnisse der jüngsten Bundestagswahl "Was soll's?" Oder ist es einfach nur das Alter? "Mal sehen, ob wir die Treppen in den Saal noch ohne Hilfe schaffen", lassen sie sich zitieren und widersprechen nicht.

Wie im richtigen Leben wird vor dem Ende noch einmal auf dem Tisch getanzt. Übersetzt in die Gefilde der kleinen Hochkultur heißt das: Auf einige schmackhafte Kleinkunsthappen im Apollo darf sich das Publikum schon noch freuen. Das erste Schmäckerchen – ein Wort aus der unsäglichen Kaffeesachsensprache – gibt es am 23. Oktober 2021. Das ist gut, weil man sich am nächsten Tag, der ein Sonntag ist, von der Popliteraturshow erholen kann.

Nach dem Hüh und Hott

Krüger und Altmann, jeder für sich ein Unikus, zusammen Multiküsse, haben spätestens zum Veranstaltungstermin einige neue Texte im Gepäck, versprochen: "Da wir unserem Publikum nach Monaten des Hüh und Hott etwas Kontinuität schenken möchten, bringen wir einige Evergreens mit." Schau'n wir mal, was immer da grünt.

Zur Tradition der Lesebühne Hospitalstraße gehören exzellente Gäste (sic!). Jetzt im Oktober kommt Cornelius Pollmer, eine kluge Stimme auf Basis kluger Gedanken. Der Journalist, Autor und Moderator ist gern und deshalb oft in Görlitz. Nach seiner Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule ging Pollmer zur Süddeutschen Zeitung. Dort erschienen aus seiner Feder bemerkenswert sensible Artikel über den Osten Deutschlands, bevor er ins Feuilleton wechselte. 2018 erschien bei Thelem der Band "Randland" mit vielen Texten aus dem deutschen Beitrittgebiet. Schon 2019 folgte "Heut ist irgendwie ein komischer Tag", eine Reportage über einen Sommer in Brandenburg. Sätze wie "Die Orte, die mir Heimat sind, werden nicht von EasyJet angeflogen" gehen nicht nur dem Dunkelossi runter wie Öl.

Nun lasset den Worten die Musik folgen!

Diesen Klingjob macht das Duo Jarése aus der sächsischen Landeshauptstadt. Der Görlitzer Anzeiger fühlt sich bemüßigt, aus der Ankündigung zu zitieren: "Das Duo aus Dresden ist charmant, authenthisch und gefühlvoll. Warm und hölzern, weit und hell, wie ein Wohnzimmer mit Kamin und großem Fenster hinaus zum Horizont." Jedenfalls entführt Singer-Songwriterin und Violinistin Juliane Liebing gemeinsam mit der Pianistin Dominique Matthes das Pubklikum in eine Tagträumeratmosphäre – und das am Abend. Wird bestimmt schön.

Prädikat: Unbedingt hingehen!
Sonnabend, 23. Oktober 2021, 19.30 Uhr,
Apollo Theater, Hospitalstraße 2, 02826 Görlitz.

Tick, tick – Ticket!
Das kennt man von jeder besseren Diskothek: Vor der Tür ist noch lange nicht drin. Wie kommt man also rein in dieses Theater? Ein Zahn muss gleich gezogen werden: Dem analogen Wort und der ebenfalls aus analogen Quellen stammenden Musik verpflichtet gibt es auch keine Online Tickets. Den ganzen Glasfaser Bla-Bla kann man also getrost vergessen, lieber sollte man sich möglichst wenig Kohlendioxid ausstoßend (Werbung aus einem mitteldeutschen Elektrobus: Hier fahren bis zu 94 Fahrgäste mit und verbrauchen null Gramm CO2 – das spricht Bände) zum Gerhart-Hauptmann-Theater bewegen.

Den üblichen Vorwurf des Sexismus in Kauf nehmend muss betont werden, dass der Ticketerwerb bei den charmanten Damen der Theaterkasse immer wieder ein schönes, lange nachhallendes Erlebnis ist; da tun die 15 Euro pro Eintrittskarte gleich gar nicht mehr weh. Beeilung ist jedoch angesagt, denn nur rund 40 bis 50 Publikumsteile kommen in den Genuss des Abends. Warum? Na, sie wissen schon, luftige Stuhlbesetzung ist angekündigt. Für die Restkartenerwerbung ist die Abendkasse verantwortlich – aber nach Resten zu fragen, ist halt immer wieder peinlich, deshalb den Vorkauf nutzen, siehe Theaterkasse.

"Das Kollektiv der Hospitalstraße freut sich auf fröhliche Menschen!", wird behauptet als wäre es als Transparent, geschrieben mit weißen Buchstaben auf rotem Grund, noch eindrucksvoller. Was heißt es eigentlich, von der Hospitalstraße zu lernen? Jedenfalls wird das fehlen.

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  • Quelle: Mihe Altmann
  • Erstellt am 13.10.2021 - 09:31Uhr | Zuletzt geändert am 15.10.2021 - 00:29Uhr
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